Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, Fragen an ihm persönlich unbekannte Literaturbloglesende zu richten, die ihm, wie er hat erfahren dürfen, gern und bestimmt Antwort geben.
Liebe Literaturbloglesende:
Abgesehen von den scharfen Kanten, an die man stößt – ist die Welt sonst gut und warm?
Wurden Sie rasch, angenehm und gründlich in der schönen Literatur gebildet, zu guten Sitten geführt, mit Frömmigkeit erfüllt? Wurde Ihnen die Poesie mit Beispielen aus den mathematischen und chemischen Künsten dargetan? Oder waren Eichen und Buchen Ihre Lehrerinnen, indem Sie in den Wäldern sich ergingen und studierten?
Bei welchem Filmemacher, bei welcher Buchautorin, bei welcher Musikgruppe sind Sie daran interessiert, dass diese Geheimtipp bleiben, und dass Sie zu den wenigen gehören, die den Tipp kennen?
Welchen Büchern verdanken Sie Nachdenklichkeit?
Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, von denen Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie Ihnen nie etwas Interessantes erzählen werden?
Wo verstecken Sie intime Aufzeichnungen? Hinter dem Spiegel?
Wen haben Sie wider Erwarten nie mehr wiedergesehen?
Schämen Sie sich, wenn Sie sich den Inhalt von Büchern und Filmen nicht vergegenwärtigen können?
Was wissen Sie über Mikrophone, Smartphones, Wanzen und Menschen, die Sie aus dem Lieferwagen vor Ihrem Haus mit Feldstechern überwachen?
The traveller arriving with nothing – wieso gibt’s keinen „swiss way of life“, keine vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichtentradition in der Schweizer Literatur? Weil es hier nie ein Asylant zum Millionär bringt?
Welche Bücher und Zeitschriften halten Sie hinter Schloss und Riegel?
Welches Verbrechen sind Sie willens, baldmöglichst zu wiederholen?
Konsumieren Sie Medikamente unter- oder überdosiert?
Fürchten sich die Menschen im Dunkeln vor Ihnen? Löschen Sie das Licht und sagen Sachen wie „die Zahl Null existiert nicht“, oder „im Jahre 7515 seit Anbeginn der Welt“?
Legen Sie Reissnägel auf die Straße, damit Fahrradreifen sich dran wund schneiden?
Wenn Sie sich einen Revolver in den Mund steckten, um sich, wie man so treffend sagt, „das Hirn wegzupusten“, würden Sie dann den Lauf nur so leicht mit den Lippen umschließen, oder mit den Zähnen darauf beissen? Erwarten Sie Metall- oder Schmierfettgeschmack im Mund?
Sehen Sie Zusammenhänge, wo Menschen in Ihrem Umfeld keine sehen? Wuchert zum Beispiel der Holunder am niedergetretenen Zaun, weil Großmutter einen Apfel schält? Quietscht das Gartentor, weil die Kreidezeichen am Schuppen verwischt wurden? Wächst Moos über die Steine, weil Sie ein Angebot ausgeschlagen haben? Schwimmen die Fische bauchoben im Teich, weil Sie freihändig fahren?
Müssen Sie im Kino immer ganz schief sitzen, um dem Knie der Nachbarsperson zu entgehen?
Liebe Literaturbloglesende: Zu welchem Zweck geboren? Um auszusprechen, was keiner hören will? Um Jahreszahlen und Ereignisse von sich zu geben, wie man’s gelernt hat, und als Genie bezeichnet werden? Um zu sehen, wie die Menschen einander umbringen? Um die Dinge, nach denen man sich sehnt, nicht zu bekommen? Um als grosser starker Mann auf dem Meer Wellen zu reiten? Um eine Medaille zu bekommen und sagen zu können: „Ich habe hart dafür trainiert“? Um den eigenen Namen falsch ausgesprochen zu hören? Um die Hand über die Bettkante zu hängen, und der Hund spielt mit ihr?
Machen Sie die Wörter „gottverdammt“ und „Mutterficker“, einmal nicht als Schimpfwörter gebraucht, verlegen?
Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.