31.1.2008

orange

[ Sabina Altermatt ]
Duttweilerbrücke

83
Sitzung am Morgen in Bern. Als Arbeitsgruppe des AdS überlegen wir uns Massnahmen zum Fall der Buchpreisbindung. Die Bücher werden teurer. Doch die Autoren haben nichts davon. Das Geschäft macht der Zwischenhandel. Man könnte jetzt jammern, doch wir tun es nicht. Stattdessen setzen wir auf Aufklärung.
Ich schreibe einen Text über Verwahrlosung. Über eine Messiwohnung, in der man den Boden vor lauter Gerümpel nicht mehr sieht, im Balkonfenster ein taubengrosses Loch. Und über eine Wohnung mit 150 Ratten. Da hat es bei jemandem einfach ausgeklinkt. Könnte mir so was auch passieren? Ich muss an meine Papierstapel denken.
Auf TeleZüri interviewt Herr Gilli Monika Stocker zum Thema «Sozialhilfemissbrauch». Stellt ihr Fragen, um sie dann gleich selber zu beantworten. Die Szene kommt mir bekannt vor. Ich schreibe ihm eine Mail. Eine Antwort bekomme ich nicht.

82
H. schreibt aus Finnland. Der See ist gefroren und es hat 5 cm Schnee. A. liegt krank im Bett. Ich schreibe einen Artikel über Trichinen. Das sind Fadenwürmer, die im Schweinefleisch vorkommen.

81
Ich lese im Tagi das Interview über den ausgeschafften Burmesen Stanley Van Tha und bin entsetzt. Für die Behörden ist der Entscheid aus damaliger Sicht richtig. Konsequenzen hat es keine. Zumindest nicht für die Verantwortlichen. Van Tha hat der Entscheid vier Jahre seines Lebens und 20 Kilo seines Körpergewichts gekostet. Wenn wir als Schweiz schon keine Stellung beziehen wollen, dann sollten wir wenigstens unsere humanitäre Tradition wahren. Was bleibt uns denn sonst noch?
A. ist immer noch krank und hat hohes Fieber.

80
Heute, also eigentlich schon gestern, sollte ich für das Personalmagazin einer Versicherung eine Kurzgeschichte schreiben. Doch in mir ist nichts, das aufs Papier will. Kann man sich leer schreiben? Ich überarbeite den Text «Mord am See», den eine Laaxer Schulklasse mit mir als Coach im Rahmen des Projektes Schulhausroman geschrieben hat.

79
In einer Woche bin ich bereits auf dem Weg nach Helsinki. Es scheint mir unheimlich weit weg. Unsere Bürogemeinschaft ist ein Lazarett. Wir husten und niesen um die Wette. Krank sein ist Luxus – oder ein Privileg der Angestellten.

78
Morgen geht mein Manuskript in Druck. Doch es fehlt noch ein Wort. Oder vielleicht zwei. Ich bin ratlos, meine Lektorin auch. Wir mussten den Malojawind streichen. Denn diesen gibt es nicht im Unterengadin. Nun heisst es «Der Wind spielte mit dem Windsack.». Schon etwas simpel. Welche Synonyme gibt es für Wind oder Windsack?
Schreibe meine Kolumne im Doppelpack (eine für Mittwoch und eine für Donnerstag), obwohl ich das eigentlich nicht darf. Über Mittag gehe ich an die Sonne. Zurück im Büro schreibe ich die Kurzgeschichte in einem Zug. Wie wenn sie irgendwo gelauert hätte und ich sie nur noch zum Vorschein bringen müsste. Dieser Vorgang erstaunt mich jedes Mal wieder von neuem. Es ist wie einschlafen. Man kann es nicht steuern. Und je mehr man sich darauf konzentriert, desto weniger funktioniert es.
Znacht mit L. im Zäh. Wir reden über das Schreiben und über das Schreiben. Und über das Schreiben. Wunderschön.

77
AdS-Vorstandssitzung von zehn bis drei Uhr. Danach Kurzgeschichte überarbeiten und Blog schreiben. Und hoffen, dass die Woche bald zu Ende ist.


30.1.2008

Fischpause

[ Arja Lobsiger ]
„2 Pangasiusfilet“ hatte ich auf meinem Zettel notiert. Ich stand im Supermarkt vor der Fischtheke, wollte einkaufen, machte Pause, eine Schreibpause. Das klingt gut: „Schreibpause“, klingt besser als: mein Text war mir plötzlich fremd. Vor ein paar Minuten sass ich noch in der Bibliothek und fühlte mich dem Schreiben ausgeliefert und von meinem Laptop beobachtet, gedrängt. Es war als würden er, das Papier, der Bleistift, meine Bücher, alle Bücher in der Bibliothek sagen: „Schreib endlich, wenn du schon mal Zeit hast.“ Ich stimmte ihnen zu, und mein Kopf fühlte sich leer an. Die Angst nicht mehr schreiben zu können, stieg in mir auf. Ich wollte nur noch weg, mich ablenken von dieser Angst. Ich packte meine Sachen in die Tasche und rannte aus der Bibliothek.
Einkaufen beruhigt mich, einkaufen macht glücklich - vorübergehend. Das Glücksgefühl hält so lange an, bis ich die Einkäufe zu Hause auspacke und in den Kühlschrank lege. Dann fühle ich mich sicher, geordnet, aber das Glücksgefühl blättert langsam von mir ab.
Ich suchte die Pangasiusfilets in der Auslage der Fischtheke, schaute auf das Preisschild und wollte gerade sagen: „Zwei Pangasiusfilets, bitte.“ Als eine Frau ihren Kinderwagen vor meine Füsse schob, die Bremsen nach unten drückte und zwei Forellen bestellte. Ich räusperte mich, die Frau lächelte den Verkäufer an. Dieser nahm zwei Forellen, zwei ganze Forellen und legte sie auf die Wage.
„Zweihundertdreiundzwanzig Gramm.“
„Meinen Sie das reicht für zwei Personen?“
„Also... davon werden zwei nicht satt.“
„Dann drei.“
„Dreihundertachtzehn Gramm?“
„Gut. Wie mache ich denn diese Forellen?“
„Sie können die Fische in Bouillon kochen, etwas Zwiebeln...“
Ich schob mich in Gedanken in meinen Text zurück, der noch zusammengerollt irgendwo in meinem Kopf lag und eigentlich raus wollte, geschrieben werden musste, dem ich eine Ordnung geben wollte. Bouillon und Zwiebeln hielten mich auf, Bouillon und Zwiebeln, diese Worte gab es nicht in meinem Text. Ich wollte nur den Fisch und dann wieder schreiben.
„Bouillon vertrage ich nicht. Wissen sie.“ Sagte die Frau.
„Ach so, dann gibt es noch die Möglichkeit, den Fisch zu braten. Zuerst würzen sie die Forellen mit Salz und Pfeffer. Den Fisch mit Salz und Pfeffer zu würzen ist ja eine Grundregel. Also, dann nehmen sie etwas...“
Ich atmete geräuschvoll ein und aus. Aber der Verkäufer schien mich nicht zu bemerken, er erklärte der Frau eine weitere Zubereitungsart für die Forellen. Wenn diese Frau nicht wäre, dachte ich, würde ich jetzt wieder vor meinem Laptop sitzen, könnte schreiben, bestimmt könnte ich schreiben. Meine Fingerspitzen wurden heiss, und in meinem Kopf bildeten sich Sätze, die ich am liebsten laut gesagt hätte, um sie nicht zu vergessen. Ich wollte schreiben, nicht mehr einkaufen.
„Wie entferne ich die Geräte?“
„Sie schneiden an der Seite...“
Ich liess meinen Einkaufskorb los, er schlug laut auf dem Boden auf. Der Verkäufer schaute mich erschrocken an und streckte der Frau hastig die eingepackten Forellen entgegen. Sie legte die Fische in ihren Einkaufskorb, löste die Bremsen des Kinderwagens und schob ihn über meine Füsse. „Tut mir leid.“ Sagte sie.




29.1.2008

Mein erster Blog (unliterarisch)

[ Simon Chen ]

Bild: mein Notiz-Blog

 

Ich - ich denk, in einem Tagebuch darf ich es mir erlauben, mit „ich“ zu beginnen - habe noch nie gebloggt. Seit ich beruflich schreibe, setzt selbst mein herkömmliches Tagebuch Staub an; die Arbeit als Autor senkt offenbar mein Bedürfnis, mich abends auch noch meinem Tagebuch mitzuteilen (zu geringes Publikum? - ich bin auch noch Schauspieler von Beruf...). Ein Blog ist, wie ich mir nochmal habe sagen lassen, ein Online-Tagebuch, welches von wildfremden, durch lustige Nicknames anonymisierten Menschen mit Kommentaren versehen werden kann. Wohlan! Ich nehme den Auftrag gerne an. Dieser lautet, d.h. in der Ankündigung steht: „Sieben Schweizer AutorInnen geben (…) Einblick in ihren Schreiballtag und berichten tagebuchmässig über die Freuden und Leiden eines Schriftstellers/einer Schriftstellerin.“. Alles klar. Das ganze nennt sich nun aber „Literaturblog“. „Literatenblog“ wär mir lieber gewesen. Ein Blog von Literaten. „Literaturblog“ könnte hingegen beim Verfasser wie beim Leser die Erwartungshaltung wecken, die Einträge müssten literarische Qualität (was auch immer das ist) aufweisen. Ich bin zwar noch keine sechsunddreissig, ich gehe durchaus mit der Zeit, ich könnte ohne Internet als Recherchequelle nicht mehr arbeiten, aber was Literatur betrifft, bin ich doch etwas konservativ; Literatur und Internet verhält sich für mich, etwas überspitzt formuliert, wie Musik und Techno. Deshalb will ich in den folgenden Wochen an dieser Stelle ganz profan Tagebuch schreiben. Nur damit das klar ist. Ich werde dem Auftrag gemäss, so wie ich ihn verstehe, nicht literarisch schreiben, sondern übers Schreiben schreiben. Was sich natürlich nicht widersprechen muss, man denke an Frischs Tagebücher, aber ich bin nicht Frisch, sondern weitgehend unbekannt und kann mir deshalb eine unliterarische Verfassung leisten. Dafür wirds umso „authentischer“, und ich denke, ein Blog sollte doch möglichst authentisch sein (oder wirken, wie gesagt, ich bin auch Schauspieler). Und deshalb setzt ich mich auch erst jetzt, wenige Stunden vor Hochladetermin, an den Computer, damit ich nicht etwa ins Perfektionieren komme. Es ist jetzt 20 Uhr, ich sag euch dann, wenn ich fertig bin. Der Perfektionismus ist nämlich, um damit gleich einmal zu meinen Schreiballtag zu kommen, eine manchmal krankhafte Neigung von mir. Sobald ich einen Auftrag erhalte, von aussen oder von mir selber, lege ich gleich los, auch wenn Abgabetermin erst in zwei Monaten ist (ich rede von Kurztexten). Zwei Monate, in denen ich dann immer und immer wieder an meinem Text herumfeile. Nicht zuletzt deshalb zieht, wie mein Tagebuch, auch mein „literarisches Grossprojekt“ den kürzeren - aber dazu vielleicht ein andermal. Dieses Perfektionieren entspringt zwar einem inneren Drang, ist aber nicht unbedingt ökonomisch. Dieser Blog soll mit dieser Misswirtschaft brechen! Ist ja auch nur fürs Internet…andererseits, ich schreib ja für den Tages Anzeiger!! Und das ganze soll dann als Buch herauskommen… Egal! Blog ist Blog, Auftrag ist Auftrag. Und dieser ist für heute schon erfüllt, 3000 Zeichen, so schnell kanns gehen! So, jetzt ist es 21.30 Uhr und ich bin soweit fertig. Bis nächsten Dienstag!





28.1.2008

Federball

[ Emil Zopfi ]
In diesen Tagen denke ich oft an meinen Onkel Josef. In jenem kalten Winter vor 65 Jahren lag er in Stalingrad im Dreck und ich lag in Gibswil den Windeln. Er hatte Glück, schwer verwundet, Splitter einer Handgranate ihn Rücken, so flog ihn die zweitletzten Ju 52 aus dem Kessel der Roten Armee. Mit Josef habe ich Federball gespielt, zehn Jahre später, im Hof hinter dem Schuhgeschäft in N., das Dach war noch weg, weggeschossen von einer Granate der Amerikaner. Drei Wochen hatte Artilleriefeuer auf die Stadt eingetrommelt, dann setzten die Amis in Gummibooten über den Rhein. Oma hockte mit den drei erwachsenen Töchtern im Keller auf Brettern, das Hochwasser stieg und sie soffen die letzten Weinflaschen leer. Familiengeschichten. In meinem Alter wird die Erinnerung zum Buch, in dem man blättert, schlaflos in der Nacht, auf Spaziergängen oder beim Stöbern im Haus. Im Windfang lehnen zwei Federballrackets an der Wand, für Feriengäste, die manchmal im Sommer im Garten spielen. Ich nehme sie in die Hand und denke an Josef, diesen herzensguten Menschen, und an Benjamin aus Washington, dem ich zeigte, was ich von Josef gelernt hatte: Schmetterbälle!
Benjamin ist der Sohn eines jüdischen Amerikaners und unserer iranischen Freundin F., geschieden natürlich. «How far is it to civilisation?», war seine erste Frage, als er bei uns im Dorf eintraf. «What is civilisation?», fragte ich zurück. «Big Buildings», meinte er. Beim Federball fanden wir uns, während sein Bruder Jonathan Feuer machte und F. iranische Bratspiesse auf den Grill legte. So verzahnen sich Schicksale in unserem Garten, die Welt findet sich ein mit ihrer Geschichte und den Geschichten. Und ich lese weiter im Buch meiner Erinnerung. Schreibe manchmal etwas auf ein Blatt Papier und nehme mir vor, irgendwann nach N. zu fahren und im Schuhgeschäft an der Mittelstrasse ein paar schwarze Halbschuhe zu kaufen und nach Josef zu fragen. Wir haben uns längst aus den Augen verloren, die Familien haben sich zerstritten. Trotzdem werde ich nach N. fahren, mit dem Zug durchs flache Land wie damals kurz nach dem Krieg, als vieles noch in Schutt und Asche lag. Ich war ein Junge in Benjamins Alter fragte und mich vielleicht auch, auf dem Trümmerfeld vor dem Kölner Dom: «How far is it to civilisation?» Eine Woche werde in N. bleiben, nachforschen und schreiben und all diesen verzahnten Geschichten eine Gestalt geben. Das nehme ich mir alle paar Jahre mal wieder vor, schreibe «Die Reise nach N.» auf einen Zettel, und dann vergesse ich es wieder, bis mir die Federballschläger in die Hand kommen. Muss denn alles zum Buch werden? Erzählt die Welt nicht selber genug?
Letzthin schrieb mir ein Herr Paulus aus Irgendwo ein E-Mail, er interessierte sich für eine uralte Computerplatine in meinem Besitz. Natürlich wollte ich wissen, ob er ein Enkel des Stalingrad-Generals Paulus sei? Ich schrieb ihm von meinem Onkel Josef, der mit dem General Paulus durch ganz Russland marschiert ist, ein Landser mit Karabiner und Lederstiefeln und einem guten Herz. Und der noch immer durch meine Gedanken und Geschichten marschiert.    



27.1.2008

Fehlstart in den Sonntag

[ Peter Zeindler ]

Ein Sonntagsfrühstück ist anders als ein Frühstück unter der Woche. Das Arrangement ist festlich: Ein Damasttischtuch mit diskretem Blumenmuster. Neben dem Gedeck, natürlich Meissner Porzellan, liegen weisse Stoffservietten mit eingesticktem Monogramm. M.K., die Initialen des Mädchennamens einer verstorbenen Tante, die den Jungfrauenstatus und damit auch ihre Initialen in ihrer späten Ehe mit einem Millionär standhaft verteidigt hatte. Und mitten auf dem Tisch eine dunkelrote Rose in einem Kristallkelch. Doch ohne weibliches Gegenüber am Sonntagstisch keine Rose. Die Rose bestimmt das Personal. Er sitzt also da, den Zeigefinger der rechten Hand an den Lippen und blickt versonnen über den Tisch. Er versucht, einnemend zu wirken. Und ein bisschen geheimnisvoll. Aber die besten Jahre liegen ja schon hinter ihm. Und wenn er sich vorstellt, dass die Frau ihm gegenüber noch jung ist, jedenfalls um einiges jünger als er, öffnet sich seine Hand, kriechen die andern Finger nach oben und decken den ganzen Mund zu, der jetzt wohl einen schmerzlichen Zug erkennen lassen würde. Jetzt hat er die Situation wieder unter Kontrolle. Er hüstelt und nimmt dann die Hand vom Mund. Jetzt ist sein Lächeln ironisch. Selbstironisch. Er streckt die Hand aus. Doch der Abstand zum andern Tischende, wo die Frau sitzt, ist zu gross. Er tastet nach dem Henkel der silbernen Kaffeekanne, lenkt so vom gescheiterten Annäherungsmanöver ab. Er schenkt ein. Als er die Kanne wieder auf den Tisch stellt, fallen zwei braune Tropfen auf das weisstrahlende Tischtuch. Er lächelt wieder. Eine neue Variation. Verlegenheit? Nein. Er zuckt mit den Schultern: Er signalisiert Gleichmut. Es ist ja nicht das erste Mal in seinem Leben, dass er kleckert. Er versteht es, dieses Versehen so darzustellen, dass es nicht als altersbedingt interpretiert werden kann. Also suggeriert er Belanglosigkeit. Er hat ja schliesslich Wichtigeres zu tun, als sich erschrocken und devot zu entschuldigen. Er denkt laut über einen neuen Romanstoff nach, den er im Hinblick auf seinen Jubiläumsgeburtstag schreiben möchte. Jetzt grinst er doch etwas verlegen. Er müsste der Frau jetzt wohl sein wahres Alter verraten. Das ist jetzt wirklich eine vertrackte Situation. Er müsste ihr zu erklären versuchen, warum sein nächster Roman anders sein wird als die Bücher, die er bereits geschrieben hat. Ausbruch aus seinem Genre. Aufbruchstimmung als Stichwort. Deshalb dieses festliche Arrangement. Gehobene Stimmung ist die Voraussetzung für einem neuen Roman. Aber mit dem Wort Aufbruchstimmung könnte er die Frau, die ihm gegenübersitzt, wohl nicht beeindrucken. Vielleicht könnte er ihr Interesse wecken, aber gleichzeitig würde er so die entscheidende Frage provozieren, ausgesprochen oder unausgesprochen. „Was? Sie sind schon so alt!?“

Der Entwurf taugt nichts, erst recht nicht für eine Liebesgeschichte. Er steht auf. Den Kaffeebecher in der rechten Hand blickt er auf den leeren Tisch: Keine Rose, kein Porzellan, keine Servietten, kein Tischtuch. Er grinst. So bleibt ihm auch das Auswaschen der Kaffeeflecken erspart. Er startet den Computer und schreibt: „Der Mann auf der andern Seite des Tisches blickt spöttisch.“

 


26.1.2008

Schreibwerkstatt

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen nicht darin zu schreiben, sondern andere zum Schreiben zu verführen.

In Dübendorf setze ich mich über das statistisch erwiesene Desinteresse der Bevölkerung an Lyrik hinweg und lasse Schülerinnen und Schüler zu den Themen Liebe und Umweltschutz dichten, zu Energy Drink und Angst („Hilfe, dort drüben im Wind / dort schwebt ein Geisterhund“). In Zürich lasse ich Schreibwerkstatt-Teilnehmende streiten: Der Vater kommt um zwei Uhr in der früh vom Ausgang heim, die Tochter macht ihm Vorwürfe; „Autounfalltussis“ gehen aufeinander los; zwei Freunde wollen dieselbe Frau zur Freundin („Du hast doch schon zwei Schwestern – lass Jasmin mir“). In Benglen fragen wir uns: „Was wäre, wenn ..?“ Verena will sonntags in die Kirche, um ihr Soll an Kirchenbesuchen zwecks Konfirmationsberechtigung zu erfüllen, aber die Kirche ist mitsamt Friedhof und angrenzender Kuhweide verschwunden. Carlo will gamen, der Computer stülpt sich über ihn, und er findet sich wieder in der „Welt des Kriegshandwerks“, bewaffnet mit Speeren und Pfeilen, umringt von wenig vertrauenserweckenden Kreaturen. Nina erwacht morgens in einem seltsam fremden Zimmer („ein weisses Sofa aus Krokodilleder stand in der Ecke“), Nina fragt sich, ob der junge Liftboy im Flur tatsächlich Matt Damon sei.


Damit mir die Übungen zu Ideengewinnung und Sprachbewusstsein nicht ausgehen, führe ich am späten Donnerstagnachmittag Selbstversuche durch:

Ich beauftrage mich, einen Liebesbrief an meine Ohrenstäbchen zu schreiben, mit möglichst vielen spanischen Wörtern, obschon ich nicht spanisch kann. Ich gestalte eine mässig anregende Menükarte, auf der die Speisen in mangelhaftem Deutsch stehen: Schildflötensuppe, Pharma-Schinken, Nizza ai Funghi. Dann schreibe ich eine Kürzestgeschichte, die sieben Sätze lang ist und deren Höhepunkt im sechsten Satz stattfindet: „Der Erholungsbesuch bei den Geschwistern endete mit einem Eklat, als einige Geldbeutelinhalte unauffindbar blieben.“ Der letzte Satz der Kürzestgeschichte schlägt einen Bogen zu einer Vortragsreise Oscar Wildes in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo dieser Bergleute und Cowboys der Rocky Mountains unter den Tisch getrunken und zwei von ihnen auf seinem Rücken in ihr Haus getragen habe.
Einen ABC-Text (jedes Wort beginnt mit dem nächst folgenden) breche ich nach „Anton briet Claudia dann endlich frohgemut, geradezu hochgemut, in Jakarta“ ab.

Wer braucht Übungen zu Ideengewinnung und Sprachbewusstsein, wenn er Genie, Begabung und Übersensibilität in sich hat?, frage ich mich und sitze die über Nacht am vierten Abschnitt des zweiten Kapitels eines Fragment bleibenden historischen Romans, weil die ältere Tochter am frühen Morgen das Manuskript zu Ponys häckselt. Ich lasse die Phantasie meiner Töchter geschehen, wann immer sie nach Ausdruck drängt, bleibe sanft und sorglos.
(Im vierten Abschnitt des zweiten Kapitels wollte ich von einem schlafenden Segeltuchmacher aus Dover erzählen, den man für einen Pestleichnam hält und in den Totenkarren wirft, wo er wieder zu Bewusstsein kommt und mit einem Fragment bleibenden Segel winkt, um die Aufmerksamkeit der Karrenschieber zu erregen. Es ging mir um die Blossstellung der Mechanismen einer Pestepidemie, ohne dem Leser die Flucht in die Emotion zu lassen.)

Freitag über folge ich wieder meinem literaturpflegerischen Auftrag, leite eine kreative Werkstatt in der Agglomeration Zürich. Wobei die Aufgabe, fünf Minuten zu Schweigen und auf alle Sinneseindrücke zu achten, dann ein paar selbsterfahrungsgesättigte Sätze über Geräusche, Gerüche, Farben und Gefühle zu schreiben, nicht den Begeisterungssturm auslöst, den ich mir erhofft habe.

Kreatives Schreiben – ein Hobby für Nabelschauer? Eine notwendige Artikulation einzelner innerhalb der Gesellschaft? Eine preisgünstige Möglichkeit der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit? Eine Übung in Bewusstsein oder lediglich ein Sprachkompetenztraining, nutzbringend irgendwann bei Bewerbungsschreiben und Hochzeitsansprachen?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.



25.1.2008

Ein Tag, 24

[ Ruth Schweikert ]
Ein Tag, 24

Und wieder einer jener Tage, denke ich, die wie in Zeitlupe vergehen, während ich am Fenster stehe, das hustende Kind auf dem Arm. Seit drei Tagen stehe ich so. Auch nachts, wenn das Kind noch mehr hustet, stelle ich mich ans Fenster, sehe nach draussen und warte, bis es Tag wird. Ich zähle die vorbeifahrenden Autos und habe am nächsten Morgen die Zahl längst vergessen. Ich weiss, in meiner Erinnerung werden die Stunden, die mir jetzt beinahe nicht zu enden scheinen, schrumpfen zu einer simplen Anekdote, teilbar nur mit den Nächsten: damals im Januar, als Orell ein Jahr alt wurde und wir alle ständig krank waren, uns regelrecht von Krankheit zu Krankheit hangelten, als handle es sich um Posten, die wir absolvieren mussten, um in ein imaginäres Ziel zu gelangen.
Schluss damit. Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint und bringt die Dinge zum Leuchten, die gegenüberliegende Hausfassade, den schäbigen Rasen, sogar die Uetlibergbahn, die rotorange vorbeiflitzt. Ich stehe da und zeige dem Kind alles, was es sehen, aber noch nicht benennen kann. Irgendwann gegen Mittag löst sich die Happy-Birthday-Girlande, die wir zu Orells Geburtstag gekauft haben, von der Fensterscheibe und fällt beinahe lautlos zu Boden.

Zum Schreiben (ausser an diesem Text natürlich) komme ich an diesem Donnerstag, der mein erster freier (zum-Schreiben-an meinem-Roman-freier) Donnerstag seit langem hätte werden sollen, also nicht. Nicht nur ist Orell noch immer krank und kann nicht in die Krippe, auch das Januarkontingent (46 Stunden) unserer Kinderfrau ist restlos aufgebraucht.

Was also kann ich ausser aufräumen, Kinderhüten, kochen, waschen etc. tun?

1. Zeitunglesen (ein wenig)
„Man nannte ihn schon den neuen James Dean“ – so ist der Nachruf auf den australischen Schauspieler Heath Ledger betitelt, der am Dienstag 28-jährig in Manhatten starb. Die Haushälterin steht da, fand den jungen Mann tot in seinem Bett. Was der Artikel nicht sagt: wie eigentümlich passend der Vergleich mit dem „neuen James Dean“ posthum daherkommt, starb doch der Inbegriff des Fünfzigerjahre-Rebellen mit vierundzwanzig in einem Verkehrsunfall.
Später lese ich in einem anderen Nachruf, man habe Heath Ledger mit Marlon Brando verglichen, und ich weiss nicht (um mal mit Jandl zu sprechen, der ja auch schon tot ist), wer hier wen mit wem velwechsert.

2. Meine E-Mails lesen und (teilweise) beantworten
H., von mit geschätzter Regisseur und Leiter einer Freien Theatergruppe lädt mich ein, an einem Theaterstück mitzuschreiben, das sich dem Thema Macht/Ohnmacht widmet. (Ich denke sofort an Adorno, seinen Satz: die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen). Die Dramaturgie steht bereits. Ich bin sehr angetan. Es sollen vorgängig Gespräche geführt werden mit mächtigen Leuten, und ich denke sofort an den UBS-Chef Marcel Rohner, der in der Bezirksschule Aarau mein Mitschüler war; ein schlaksiger, feingliedriger Junge mit Rehaugen. Ich sehe ihn immer so vor mir, obwohl ich ihn später noch ab und zu gesehen habe, zufällig auf der Strasse und einmal an einem Klassentreffen vor zehn Jahren, wo die Herren (fast alle) Rolex-Uhren trugen und die Damen (fast alle) frisch von der Kosmetikerin kamen. Natürlich waren sämtliche Mädchen damals in „Marci“ verliebt, auch ich.

3. Telefonieren
Kaum schläft Orell, ruft der Hort an, Ruben fühlt sich krank, ob er nach Hause kommen kann. Kann er, natürlich, klar. Eine halbe Stunde später gehen wir das Alphabet durch, ihm ist langweilig und ich soll ihm mit jedem Buchstaben etwas auflisten, was er tun könnte. Aufgaben machen, sage ich, backen, chalt duschen, denken, furzen, Glace essen, helfen, etc. Wir amüsieren uns.

4. Texte lesen
Dann versuche ich die Texte meiner Studenten zu lesen, die ich morgen zu einem Gespräch treffen soll. Beide betreue ich im Rahmen ihres Studiums am SLI (Schweizerisches Literaturinstitut) als Mentorin.
Dem einen habe ich angeraten, jeden Tag, auch am Wochenende, zwei Stunden fürs Schreiben zu reservieren. Zwei Stunden – so lange mindestens sitze ich jetzt an diesem Text. Und dann denke ich, dass ich selber manchmal auch einen Mentor bräuchte, der mir solche Dinge vorschreibt.

5. 6. 7.: Siehe oben



24.1.2008

beige

[ Sabina Altermatt ]

Schlachthof
Bild: Der alte Schlachthof

Tag 90 Besuch im Radiostudio. Wir besprechen meinen Einsatzplan. Ich möchte ein Hörspiel machen, muss aber zuerst lernen, wie das geht. Ich freue mich drauf, dass meine Texte nicht nur still vor sich hinlauern, sondern auch hörbar werden.

89 Wir sind zum Abendessen bei Y. eingeladen. Sie hat die genau gleiche Wohnung wie wir, nur drei Etagen höher. Ich bringe ihr einen Frühlingsstrauss. Dabei ist immer noch Januar. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Wohnung einzurichten. Wie viele gibt es, ein Leben zu leben?

88 Hauslesung in Wiesendangen. Eine Frau hat sich zum 46. Geburtstag eine Lesung von mir geschenkt. Hätte nicht gedacht, dass ich mal ein Geschenk sein werde. Ich lese aus Nervengift, dass ich vor zwei Jahren auch bei Tagi Online als Blog veröffentlicht habe. Die Gäste sind interessiert und wollen alles genau wissen. Ich erzähle auch von meinen Detektiven, die mich beim Schreiben unterstützt und aufgepasst haben, dass ich die Geschichte nicht an die Wand fahre.

87 Ich lese meinen Roman zum letzten Mal, bevor er in den Druck geht. Der Text kommt mir ungelenk vor. Wie ein Wort, das man so viel mal wiederholt, bis es zerfällt.
Am Nachmittag gehe ich mit A. auf den Friedhof Sihlfeld. Wir laufen den Sonnenstrahlen hinterher und fragen uns, ob es in einem Gemeinschaftsgrab lustiger ist als in einem Einzelgrab.

86 Termin beim Verlag. Ich habe die Fahnenabzüge korrigiert und bespreche mit meiner Lektorin die letzten Änderungen. Es ist geschafft und ich bin es auch.

85 Den Morgen verbringe ich im Schlachthof. Ich treffe dort Frau Z. zu einem Interview. Sie ist aus Polen und arbeitet im Labor. Ich bleibe immer schön in ihrer Nähe. Wage es kaum, nach rechts oder nach links zu blicken. Man riecht den Tod und es ist beinahe schlimmer, ihn zu vermuten, als zu sehen.
Das Mittagessen in der Bürogemeinschaft ist ausnahmsweise stockübergreifend. Da in unserer Stammbeiz alles reserviert ist, setzen wir uns zu acht an einen Vierertisch. Ich nehme das Vegi-Menü.

84 Die Macher der Kolumne «Koller & Keller», bei der ich mitschreibe, treffen sich. Alles Männer, ich die einzige Frau. Wir unterhalten uns darüber, wie konsistent die Figuren sein sollen oder können, wenn fünf verschiedene Leute schreiben. Ich habe die beiden Kerle richtig lieb gewonnen und F. geht es glaube ich auch so.



23.1.2008

Da ist Urs

[ Arja Lobsiger ]

„Was studierst du?“  Ein junger Mann sass mir gegenüber. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Ich schaute über den Rand meines Buches, er trug eine graue Strickmütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Zwischen ihm und mir standen meine leere Kaffeetasse, ein Aschenbecher und eine Cola. Mein Kopf fühlte sich wie ausgeleert an. „Literarisches Schreiben“ sollte ich sagen, aber das hätte zu einer Unterhaltung geführt. Ich wollte lesen. Ich dachte daran zu sagen: „Germanistik.“ Das hat auch schon funktioniert, es gab keine weiteren Fragen. Er beobachtete mich, und als er lächelte, zeigte sich eine Zahnlücke zwischen den vorderen Schneidezähnen. „Entschuldige, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Max ...“
Ich versuchte, Max’ Worten zu folgen, es gelang mir nicht. Da war eine Stimme hinter mir, ein Mann, ich konnte nicht anders, als ihm zuzuhören: „Hundertfranke, da hät si z vil zahlt uf drü Franke mit em Halbtax. Si hetti z Bern an Schalter sölle. De hetti si nöd so vil müesse zahle. Du muesche mal mit ihre rede. Si söll sich es Halbtax chäufe das lohnt sech. Wäisch ich fahre ja vil ume. Du hettisch ihre scho müesse hälfe. Wäisch es git Lüt die chömed mit dene Billetäutomate nöd so z rächt. Die söt me dänn spure.“ Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, was mit mir geschah.
Dieser Mann sprach genau so, wie die Hauptfigur Urs in meinem Theaterstück, welches seit Monaten in einer Schublade meines Schreibtisches liegt. Während des Schreibens hatte ich das  Gefühl und Gehör für die Sprache von Urs plötzlich verloren. Jetzt kam mir alles so vertraut vor: Die leicht von Bier gewaschene Aussprache, die Sätze, wie er sie anfing und zu Ende führte, die Richtung, in die er das Gespräch lenkte. Ich wollte mich umdrehen, auf ihn zugehen, ihm sagen: „Hallo Urs, du hier?“ Ich versuchte, den Worten hinter mir zu folgen, sie mir einzuprägen und Max gleichzeitig interessiert anzuschauen, ihn anzulächeln. Ein Glücksgefühl hatte mich befallen, da konnte ich gar nicht anders, als zu lächeln. Max’ Stimme überschlug sich, er sprach immer schneller, schaute, ob ich seinen Worten folgen konnte. Ich hörte nur, wie sie aus ihm heraus fielen, sah, wie die Hände sich dazu mit passender Choreografie bewegten.
„Ich han drum em Housi no schnäl öpis wölle bringe. U dänn han ich si xe mit ihm. Si isch zu ihm a Tisch ufeghoket. Wäisch ich säge ihre no: Pass mer uf. Mach kän säich. Und wäisch was si mir xäit hät? Das gat dich nüt a. Hät si mir xäit. Aber wäisch ich has scho dänn xe cho. Das chunt nöd guet. Und jetze häsch ja xe was passiert isch.“ Sagte die Stimme hinter mir. Ich schob meinen Stuhl etwas zurück, nahm die leere Kaffeetasse in die Hand, nickte in regelmässigen Abständen, obwohl ich nur noch Max’ Hände sah und die Lippen dahinter, wie sie auf- und zugingen. Dann drehte ich mich um. Da sass sie: meine Figur, mein Urs aus dem Stück, direkt vor mir. Er trank Bier, wie Urs, über seinen Lippen thronte ein Schnurrbart, eine Hand lag auf seinem Bauch, der sich wie eine Kugel unter dem T-Shirt abzeichnete. Ich wollte etwas sagen, aber mir fehlten einfach die Worte. Als ich mich umdrehte, war der Stuhl mir gegenüber wieder frei.