31.3.2008
feilen
Was feile ich manchmal an meinen Texten herum! Vielleicht wäre weniger mehr. Wie früher, als es noch keine Computer gab zum Schreiben. Vor vierzig Jahren, als ich einen der ersten Minicomputer installierte, benutzten wir zwar schon Software zum Schreiben, so genannte Editoren, wir verfassten aber nicht literarische Texte, sondern Programme. Da musste man auch feilen, bis jedes Wort sass und das letzte Komma am richtigen Platz war. Eine der Computersprachen, die ich damals benutzte, hiess übrigens «Prosa».
In meiner Freizeit schrieb ich auch Prosa, aber von Hand. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, auf einem Programmeditor eine Geschichte zu tippen, was durchaus möglich gewesen wäre. Paul Lutus, ein ehemaliger NASA-Techniker, der einen kleinen Computer als Schreibmaschine programmierte, wurde reich. Ich nicht. Ich schrieb von Hand, tippte dann den Entwurf ab mit Vaters alter Schreibmaschine Marke «Adler». Verbrauchte unendlich viele Tippex-Blättchen und Tippex flüssig. Die alten Werkzeuge taugten zum Textfeilen wenig. Dafür konnte man einem Verlag ein von Hand korrigiertes Manuskript auf Papier abgeben. Einmal akzeptierte das Radio sogar ein handgeschriebenes Hörspiel, weil ich unten in Kalabrien keine Schreibmaschine dabei hatte. Ironischerweise hiess das Hörspiel «Schach dem Computer»!
Wenige Jahre nachdem Paul Lutus 1976 in einer Waldhütte in Oregon entdeckt hatte, dass sich Computer mit entsprechender Software auch ganz gut zum Schreiben von Texten eignen, schaffte ich mir auch ein Gerät und einen Drucker an und die Feilerei begann. Die ersten Textprogramme hatten zwar schönen Namen wie «Wordstar» oder «Wordperfect», waren noch eher unhandlich und die Verlage nahmen noch keine Disketten entgegen. Die meisten Autorinnen und Autoren scheuten die Elektronik; auch ich schrieb tiefschürfende Essays, wie negativ das Schreiben an Bildschirm und Tastatur den Stil beeinflusse. Der Stilist Wolf Schneider nannte den Computer gar eine «elektronische Schlampe», er begünstige «einen schlampigen Umgang mit der Sprache, das im Durchschnitt schlechtere, ärmere Deutsch». Mittlerweile ist das kaum mehr ein Thema, man hat sich ans neue Werkzeug gewöhnt, ja, man kann sich kaum mehr vorstellen, wie man einst mit Bleistift, Gummi, Schreibmaschine, Tippex, Schere und Klebstift ganze Bücher zu Stande brachte.
Inzwischen bin ich vorsichtig geworden im Urteil, was den Einfluss des Computers auf den Stil betrifft. Der Laptop liegt nun mal da, man möchte ihn nicht mehr missen und die Verlage und Redaktionen nehmen ohnehin nur noch elektronische Manuskripte per E-Mail entgegen. Nur das endlose Feilen an den Texten nervt mich gelegentlich. Werden sie besser? Ich weiss es nicht.
Manchmal erinnert mich die Metapher an meine Lehrzeit, als ich auch feilen lernte, aber nicht Sätze, sondern reale dicke Eisenklötze. Ich war nicht gerade eine grosse handwerkliche Begabung, ich feilte und feilte, mass und prüfte mit Haarlineal, Schublehre und Mikrometer, bis mein Werkstück endgültig verdorben war. Manchmal kommt mir das auch bei einem Text so vor.
30.3.2008
Von Ferne gesehen
Einmal mehr hat es mich überrascht, was die Medien im allgemeinen, das Fernsehen im speziellen, bewirken können. Das, was ich kürzlich diesbezüglich erlebt habe, ist ja so noch irritierender als das Schreiben von Literatur. In diesem speziellen Fall. Schreibende gehen von der Realität aus, auch von der eigenen Biographie, benützen diese Stoffe als Startrampe, und heben dann ab, verdichten Erlebtes zur Fiktion, machen Realität unkenntlich, verwischen die Spuren.
Als mich, es ist ein paar Wochen her, die Redaktion 10 vor 10 des Schweizer Fernsehens anfragte, ob ich bereit wäre, mich zum Kunstraub in der Bührle –Stiftung zu äussern, zu spekulieren, waa da wirklich abgelaufen ist, habe ich nach kurzem Zögern zugesagt. Wir, die schreibende Zunft, alle kreativ Tätigen, das fünf Minuten Fernseh-Präsenz in der Öffentlichkeit ein ungleich grösseres Echo auslösen als Lesungen oder eine Buchkritik. Und eitel ist man ja schon, selbst in meinem fortgeschrittenen Alter. Also setzte ich mich, als das Aufnahmeteam bei mir zu Hause eintraf, willig an meinen Computer und fingerte ein paar improvisierte Sätze vor mich hin, dichtete ganz offiziell und sichtbar für jeden, der nicht weiss, wie Schriftsteller arbeiten. Weil ich ja selbst auch einmal für das Fernsehen tätig gewesen bin, wusste ich natürlich, dass dieses stumme Klappern auf dem PC zum Handwerk gehört, dass die zuständige Journalistin diese Bilder dazu benützen würde, das Thema vorzustellen und auch die Person, offensichtlich ein Dichter, den der Bührle – Raub nicht mehr loslässt, ihn Tag und Nacht beschäftigt. Soweit so gut. Weiter ging es zum Tatort, wo besagter Dichter durch die Eisenstäbe äugte, den Tattort, der hermetisch abgeriegelt war, zu inspizieren. Anschliessend gab ich da noch ein Statement ab, äusserte Mutmassungen, was die Täterschaft betrifft Und weiter ging’s hinauf zum Burghölzli, wo ja zwei der Bilder in einem weissen Opel Astra, der vor der psychiatrischen Anstalt geparkt worden ist, gefunden wurden.. An dieser zweiten neuralgischen Stelle des kriminellen Geschehens bewegte ich mich nachdenklich, dann aber wieder hellwach und mit Schnüfflerblick um mich schauend, auf die Kamera zu. Dann war das zweite Statement gefragt: Wo endet die Geschichte? Sie endet, dachte ich laut, dort, wo auch Dürrenmatts Geschichten oft endeten: Im Irrenhaus. Ich dachte also laut an Dürrenmatt, an seine „Physiker“ zum Beispiel und an Friedrich Glauser,
an die Waldau, wo er behandelt wporden ist oder an seinen Roman „Matto regiert“. Bei einer zweiten Aufnahme dieses Statements wurde ich gebeten, Glauser wegzulassen. Ja und dann wurde das Ganze abends noch gesendet, etwas gekürzt und auch ohne Mittun einer Kollegin, deren Meinung vor mir auch noch erkundet worden ist. Aber eben: Die deutschen Schwarzgeldakrobaten auf liechtensteinischen Banken, brandaktuell, wollten auch abgehandelt werden. Und so sah ich mich dann in kunstvoller Verkürzung als der Schriftsteller dargestellt, der, vom Bührle – Raum angeturnt, angefangen hat, diese realistische Vorgabe in die Fiktion zu transferieren. Zeindler schreibt einen Roman über diesen toll-dreisten Kunstraub. Wäre ich doch zur Zeit nicht mit einem andern Stoff beschäftigt, der mich ganz besetzt! Dann hätte ich nicht den vielen Kollegen und Freunden und auch nur halbwegs Bekannten erklären müssen, dass das, was sie am Fernsehen als Realität verkauft wurde, blosse Fiktion gewesen ist: Fake. Das einzige was stimmte: Mein Name ist Peter Zeindler.
29.3.2008
Berufswunsch
Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen nicht darin zu schreiben, sondern sich auf Anregung von Literaturbloglesenden nach einem anderen Beruf umzusehen.
Ich studierte zwei Jahre Psychologie und schlug mich dann mit diversen Jobs durch, bevor ich vom Schreiben leben konnte. Ich diente als Laufbursche im Schuhgeschäft. Als Putzer bei einem Ikonenmaler. Als Tellerwäscher auf einem Flussdampfer. Ich schlug mich als Lumpensammler, Brezelbäcker, Nachtwächter, Vogelsteller, Hafenarbeiter, Schiefertafelschnitzer durch, beständig von geistigem Hunger geplagt. Wenn man mir sagte, dass ich nicht alle paar Wochen die Arbeit wechseln könne, antwortete ich: „Schlagt mich tot, wenn ihr wollt, aber weiter hier arbeiten kann ich nicht.“Ich arbeitete auf der Paketpost, in einem Museum. Auf einer Bank, verliess das Kopiergerät mit folgenden Einstellungen: 200% vergrössern, A3 Papier, 99 Kopien. Es ist schwierig, sich immer zu beherrschen.
Ein Schweizer ohne abgeschlossene Ausbildung. So ist das. Markus Beutler sagt, eine Ausbildung sei das Einzige, das erhalten bleibe, wenn es mal Wirbelstürme in der Welt gäbe. Bis jetzt wurden mir keine Wirbelstürme verderblich.
Was aber, wenn ich erblinde oder wenn die Quelle der Eingebungen versiegt? Wenn ich enttäuscht feststellen muss, dass ich als Schriftsteller meiner eigenen Zielsetzung nur in begrenztem Mass gewachsen bin? Falls ich das Schreiben einmal aufgeben muss, was für einen Beruf beabsichtigte ich zu ergreifen?
Erlebnispädagoge wäre ein Beruf nach meiner Vorstellung – Kinder, das war märchenhaft schön, den ganzen Vormittag sind wir im Segelboot gesessen und haben uns treiben lassen. Oder Bundesrat – bewimpelte Perrons und die Trommelwirbel der Ehrenkompanie. Oder wie Thierry Henry im Auftrag der UNESCO als Botschafter des Fairplays in viele Länder reisen. Nur glaube ich nicht, dass ich für das alles als Studienabbrecher qualifiziert bin.
Vielleicht aber: Verkehrsplaner für den Kanton Aargau? Oder scheuer Strassenmusikant? Missionar unter primitiven Völkern? Als Goldsucher nach Honduras? Ein schneidiger Fliegerleutnant mit schmalem Bärtchen? Metzgermeister in Vaduz? Einen Club zum Schutze verirrter Alpinisten gründen? Pulswärmer für die Armen stricken? Mit meinem Verleger ein paar Steinbrüche in Brasilien kaufen, wo wir Marmor und Granit abbauen? Oder wie in Peter Bichsels Geschichte im Milchmann: In einem Blumenladen stehen, mit grüner Schürze und Nelkenlächeln. Wie Paul Nizon in Paris: Ein verkappter Bourgeois, der ein Croissant in seinen Café au lait tunkt. Archivar im Schweizer Literaturarchiv: Die aus den Relikten Traugott Vogels zu ziehenden Folgerungen den Massen laufend zur Kenntnis bringen. Oder wenn ich körperlich und geistig zu schwach wäre, um Bohnenpflücker oder Erbsenschäler oder Cronopium zu sein: Draussen auf einer Parkbank, mit Zeitungen zugedeckt, Clochard Simon.
Cronopium?
Cronopien sind eigentümliche Figuren Julio Cortàzars. Cronopien tanzen Espera. Cronopien ziehen jedesmal, wenn sie eine Schildkröte treffen, die Schachtel mit Farbkreide aus der Tasche und malen auf den runden Schild wie auf eine Tafel eine Schwalbe. Wenn ein Löwe ein Cronopium fressen will, sagt das Cronopium sehr traurig, aber mit Würde: „Nun gut.“
28.3.2008
Ein Tag, 87
Ein Tag, 87
Eine kleine Hommage wollte ich schreiben auf einen jungen Mann, der heute (am 27. März; wenn das Blog – ich dachte immer, es heisse d e r Blog – aufgeschaltet wird: gestern) vor genau siebzig Jahren in Aarau geboren wurde. (Ich weiss schon, es ist ein zwiespältiges Kompliment, die Behauptung der Jugendlichkeit eines Siebzigjährigen, als wäre das Jungbleiben, das Jünger-scheinen-als-man-ist eine Qualität an sich. Ist es nicht. Trotzdem). Und wenn er nicht Schriftsteller geworden wäre, wollte ich schreiben, würde er stattdessen den Leuten zuhören, die mit ihm in der Quartierbeiz hocken, er würde ihnen sein Ohr leihen, wenn sie ihre Geschichten erzählen (eher traurige, hoffnungslose, immergleiche, als hätten sie sich im eigenen Unglück eingerichtet), und dann würde er selber erzählen, von den alten abgerundeten Hügeln des Schwarzwalds vielleicht, von Johan Peter Hebel oder von Sophie Täuber-Arp, als hätte er sie beide gekannt, vom Webfehler in der übergrossen Jacke eines Obdachlosen, ebenso farbig, lebendig und präzis, wie er es als Schriftsteller tut, wenn er Landschaften, Dinge, Menschen beschreibt. Gerne also hätte ich Hansjörg Schneider als einen überaus geschätzten Kollegen geehrt, ihn ein bisschen auf den Sockel gehoben, den ich eigens für ihn errichtet hätte, mit einem grossen Scheffel darüber, unter den er sein Licht hätte stellen können, damit es ihm nicht gar zu unwohl ist. Viel lieber nämlich als intelligent oder gar intellektuell zu tun, ist er gescheit. Wahrscheinlich wüsste er auch, was ein Scheffel ist (während ich es nachschlagen muss): ein schaufelartiges Gefäss, das früher als Getreidemass verwendet wurde, und das immerhin in der Sprache weiterlebt, zum Beispiel im Geldscheffeln.
Ein gerüttelt (Scheffel)Mass an Freude und Heiterkeit hätte ich ihm gewünscht, ja, und uns, dass er noch eine lange Zeitlang weiterschreibt und ab und zu vom Todtnauberg heruntersteigt.
Wollte, hätte, würde: Schreiben als Möglichkeit, die das Ungenügen mitdenkt, die Unmöglichkeit, das Scheitern der Worte an der Wirklichkeit: Ich hätte dir also, lieber Hansjörg, gerne zu deinem Geburtstag gratuliert, was ich hiermit tue, und dann rufe ich im Verlag an und erfahre, dass du für zwei Tage weggefahren bist, um all den Gratulationen aus dem Weg zu gehen...
Am Mittagstisch dann in der Roten Fabrik erzählt eine Künstlerin von der algerischen Wüste, die sie in den Siebzigerjahren vier Monate lang mit ihren Freund bereist hat; davon, wie sie am Anfang nur gelb gesehen habe, eine einzige Farbe. Nach ein paar Tagen habe sie immer mehr Nuancen entdeckt, Ocker-, Rot- und Grau- und Brauntöne; eine ungeheure Farbigkeit habe sich vor ihren Augen ausgebreitet und sie habe sich nicht satt sehen können. Zu Beginn der Reise habe sie noch Bücher gelesen, später habe sie nur noch geschaut. Dieses Schauen sei ihr fast am stärksten in Erinnerung geblieben, und wenn sie jetzt ans Meer fahre, gelinge es ihr, stundenlang nur in die Wellen zu schauen. „Das Geschenk der Wüste“, bilanziert eine andere Künstlerin, und ich fühle mich durch die Erzählung beschenkt, gerade so, als sei ich selber in der Wüste gewesen (ich war kaum einen halben Tag, eine Stippvisite als Touristin) und vermöchte von nun an auf diese Erfahrung zurückzugreifen.
Wenn der Tag zur Neige geht, die Kinder vom Kindergarten abgeholt werden, der sich unterhalb meines Ateliers befindet, die Leute ihre Hunde am See spazieren führen, die Schriftstellerin müde ist vom Tagewerk, dann erst steigt die Schreibstunde auf am Horizont.
26.3.2008
Aussteigen
Ich sitze im Zug, vor dem Fenster steht ein Mann und raucht. Er schaut mich an, dann wieder weg, wirft die Kippe aufs Geleis. Seine Lippen liegen jetzt aufeinander, zwei dünne Striche in seinem Gesicht. Dieses Gesicht will ich ausschneiden, in Buchstaben übersetzen und in einen Text kleben. Der rote Zeiger der Bahnhofuhr dreht seine Runden, die Türen schliessen sich zischend. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Der Mann bleibt auf dem Bahnsteig zurück, wird immer kleiner. Während ich mich wegfahren lasse, schreibe ich mit. Er versinkt langsam im Bahnhof, bis nur noch ein dunkler Fleck zu sehen ist.
Der Zug neigt sich zwischen den hohen Häusern, bis sie kleiner werden, sich eine grüne und später weisse Fläche um sie legt. Die hohen Häuser werden durch Berge ersetzt, deren Gipfel weiss in den blauen Himmel ragen. An kleinen Dörfern fährt der Zug vorbei, bei den grösseren, wie dem jetzt, bremst er quietschend und hält mit einem Ruck, am Bahnhof aus Holz. Auf dem Bahnsteig stehen Menschen mit grossen Taschen und Skis, ein Kind sitzt auf einem Schlitten, zwei andere werfen sich Schnee ins Gesicht. Sie steigen in den Wagen, nehmen die kühle Luft, wie das Lachen mit hinein. Zwei Kinder klettern auf die Sitze, schütteln sich den Schnee aus den Mützen und eines klatscht seine Handschuhe zusammen, ganz nah beim Gesicht des anderen. Mütter verteilen Schokoriegel oder Wurst mit Brot. Väter zeihen den Kindern die nassen Schuhe aus. Die Kinder drücken ihre Gesichter an die Scheibe, rufen „da“ oder „dort“ und zeigen mit dem Finger auf etwas, was kaum gesehen, schon vorbei ist. „Wo?“ fragen die anderen, rutschen vom Sitz, rempeln sich gegenseitig vom Fenster weg. Auf dem Polster bleiben dunkle Flecken.
Der Zug schleicht am Hang den Berg hoch, fährt in Tunnels und etwas weiter oben wieder heraus. Ich schaue nach unten, sehe die Geleise, auf denen der Zug vorher gerollt ist und frage mich, welche meiner Buchstaben dort liegen geblieben sind. Bis Tannen, mit Schnee behangen, mir die Sicht nach unten nehmen. Dicht nebeneinander stehen sie am Hang. Sie trotzen dem schweren Schnee und sehen dabei sogar aufrichtig aus.
Ich schreibe weiter, bis der Zug oben angelangt ist und ich mitten drin im Text. Dort wirft er mich hinaus mit den Worten: „Endstation, bitte alle aussteigen.“ „Das geht nicht, ich bin doch mitten drin“, will ich schreien, packe aber stattdessen Stift und Papier ein und steige aus. Neben mir stehen die Buchstaben Hand in Hand auf dem Bahnsteig.
25.3.2008
Brot(beruf) und (Wort)Spiele
Bild: Was braucht man mehr?
Am Wochenende haben wir mein Lieblingsspiel gespielt, das Lexikonspiel (stilistisch ganz übel! dreimal „spiel“ hintereinander, aber find mal ein Synonym für „Spiel“ und „spielen“! „..sind wir meiner favorisierten ludensischen Freizeitbeschäftigung nachgegangen“ klänge allzu geschwurbelt). Ich spiele es leider nur selten, das letzte Mal an Ostern vor vier Jahren, aber ich finds jedes Mal ein Gaudi! Es geht darum, sich eine möglichst glaubhafte Definition eines unbekannten Lexikon-Begriffs auszudenken. Die von den Mitspielern notierten Definitionen, auch die richtige, werden dann vom Spielleiter vorgelesen. Punkte bekommen diejenigen, welche erraten, welches die korrekte Definition ist, und die, auf deren erfundene Definition getippt wurde. Ein Mordsspass, ein Wortsspass! Zum ersten Mal habe ich es in der Schauspielschule gespielt, etwa 1995, und ich erinnere mich noch gut, wie ich mich ob der originellen, verrückten, aber dennoch erstaunlich lexikalisch klingenden Definitionen auf dem Boden gekugelt habe. Die Kraft und Macht der Sprache wird in diesem Spiel sehr deutlich, Fiktives wird möglich bis wahr, wenn mans einigermassen glaubwürdig behauptet, genauso wie ein Schauspieler seine Figur.
Ich glaube es war während der Schauspielschule, als mir abgesehen von der szenischen Umsetzung dramatischer Texte der spielerische Umgang mit Sprache zu interessieren begann. Während der Ausbildung wars mir nämlich nicht immer zum Rumkugeln zumute, ich bekundete im engen Klassenverband meine liebe Mühe mit den von Solo-Attitüden durchzogenen gruppendynamischen Prozessen. Und dabei fiel mir auf, wie mangelhaft wir Schauspielstudenten, Interpreten der Sprache, uns untereinander verbal verständigen konnten. Es wurde jede Menge geredet, wenig zugehört und viel missverstanden. Damals hatte ich den Eindruck, Sprache sei als Kommunikationsmittel (zum Zweck) untauglich, auch wenn es das einzig praktikable ist. So wie ich mich für die Schauspielerei entschieden hatte, um endlich mal etwas aus mir herauszukommen (am Theater interessiert war ich natürlich auch), genauso habe ich damals mit Schreiben begonnen, um mich aus der Beschränktheit der zwischenmenschlichen Sprachkonventionen zu befreien. Um die Unzulänglichkeit der Sprache wenigstens künstlerisch zu nutzen. Um sinnlose Missverständnisse in sinnreiche Doppeldeutigkeiten zu verwandeln. Um mit Wörtern, Worten, Wendungen und ihren wandelnden Bedeutungen zu jonglieren. Sprache ist für mich ein Spielplatz, ein Jungbrunnen, ein perpetuum mobile, ein reichhaltige Wortschatz und eine bodenlose Fundgrube. Und nicht zuletzt ist Sprache der Teig, aus dem ich meine Brötchen backen darf.
Frühling, die auf den Winter folgende Jahreszeit, die sich mit Neuschnee ankündigt.
Ostereiersuchen, ein an Ostern begangener Brauch, bei welchem die Kinder sog. Osternester, die am Vorabend im Garten verteilt wurden, aus der Schneedecke graben.
Weisse Ostern, christl., Weihnachten konkurrenzierendes Fest
Sprache machts möglich!..
24.3.2008
Finale

Seit Jahren taucht in meiner Steuererklärung ein Spesenbetrag auf: «Recherchereise Finale». Einmal oder zweimal im Jahr fahren wir nach Finale Ligure zur Recherche – und zum Klettern in den sonnigen Felsen hoch über dem Mittelmeer. Finale ist auch eines meiner ewig unvollendeten literarischen Projekte. Das Steueramt zeigt Verständnis und akzeptiert den bescheidenen Betrag, Jahr für Jahr.
Alles begann an jenem 1. Januar 1991 an der «Falesia del Silenzio». Es war gegen Abend, die Sonne stand tief über dem Felsrücken jenseits des Tals, wir machten uns an den Abstieg. Doch dann stiessen wir am Fuss einer Wand auf einen Kletterer, abgestürzt, schwer verletzt, ein paar andere standen aufgeregt oder ratlos um ihn herum. Ein Fehler beim Sichern, zwanzig Meter Sturz, haarscharf am Tod vorbei. Was folgte, war eine Rettungsaktion, deren Ablauf eigentlich nur Franz Kafka in ihrer Absurdität angemessen schildern könnte. Ein Helikopter tauchte auf, zog Schleifen, die Seilwinde war kaputt, wie wir später erfuhren. Feuerwehrleute seilten sich über die Felsen ab, brüllten Kommandos, hackten mit ihren Beilen kleine Bäume weg, ein Mann mit einer Bahre verirrte sich in der Dämmerung im steilen Wald, Suchaktion, Dunkelheit brach herein, Retter stellten Scheinwerfer ins Gelände, Aggregate knatterten, bis das Benzin ausging. Vierzig Leute stolperten rufend und fluchend durch die Nacht, oft hart am Absturz, Steine krachten herab. Komplizierte Seilmanöver zerrten die Bahre mit dem Verletzten endlich um einen Felsvorsprung herum, ein deutscher Kletterer und Arzt rief dringend nach Medikamenten: «Sonst stirbt er uns gleich!» Das italienische Ärzteteam wartete im Tal, da alle nur feine Schuhe mit Ledersohlen trugen. Ich war zu einer Art Dolmetscher ernannt worden und vermittelte zwischen den deutschen Kletterern, zu denen der Verletzte gehörte, und den Rettungsleuten. Weiter unten im Tal kamen uns Presseleute entgegen, Kameras blitzten. Und unablässig dachte ich: Das wird ein Buch!
Bisher ist es keines geworden, trotz mehreren Anläufen. Einmal schaffte ich siebzig Seiten, die ruhen nun in meiner Archivschachtel Nr. 38, zusammen mit dem Presseartikel der «Stampa», die schon am folgenden Morgen in einem ausführlichen Artikel die effiziente Leistung der Rettungsmannschaft von den «vigili del fuoco» lobte. Ein Foto zeigte den Helikopter Typ Bell 412 im Einsatz.
Warum gelingt es mir nicht, aus dieser Erfahrung eine Geschichte zu machen? Das habe ich mich oft gefragt. Ich habe recherchiert, die Schauplätze fotografiert, jedes Pflänzchen und Steinchen habe ich notiert, bin die Absturzroute geklettert. Mir fehlt der überzeugende «Plot». Eine dramatische Situation ist noch keine Geschichte. Vielleicht will ich auch einfach zuviel, einen grossen Bergsteigerroman wie «Die Eiswand» des Japaners Yasuschi Inoue.
Letzthin sprach mich eine junge Frau im Klettergarten an: «Schreib doch wieder mal einen Bergkrimi», bat sie. «Nein», sagte ich. Zehn Minuten später dachte ich: Warum nicht noch ein Versuch? Vielleicht gelingt es doch irgendwann. Auch Kletterrouten schaffen wir oft erst im zwanzigsten Anlauf. Der Titel jedenfalls steht: Finale!
Vor ein paar Tagen kletterte ich an der «Falesia del Silenzio». Zwecks Recherche. Fürs Buch und fürs Steueramt.
23.3.2008
Keine Moralpredigt
Blog 7
Dass mir diese Osterpredigt so viele Schwierigkeiten bereiten würde, hätte ich trotz meiner Skepsis, die mich befallen hatte, kurz, nachdem ich eingewilligt habe, nicht gedacht. Wie redet man denn die Leute, zu denen ich spreche, überhaupt an? Das ist ja keine Lesung, kein Referat vor einem Fachpublikum.
Also: So werde ich beginnen:
Meine Damen und Herren –
Ja, hier stocke ich bereits Sie merken, wie schwer ich mir schon bei der Anrede tue. Ich spreche zu Ihnen als Schriftsteller. Ich bin kein Pfarrer, kein studierter Theologe. Und als Schriftsteller, der nur in seinem eigenen Namen spricht, kann ich wohl die Anrede „Liebe Gemeinde“ nicht benützen. Wenn ich von dieser Anrede „Liebe Gemeinde“ das Wort „gemeinsam“ ableiten kann, ja dann: Wir verbringen diese österliche Stunde gemeinsam, und ich möchte sie mit den Gedanken vertraut machen, die ich mir im Zusammenhang mit diesem, nach Karfreitag wohl bedeutendsten protestantischen Feiertag gemacht habe.
Nachdem ich mich also erklärt, meinen Einstieg vorsichtig vorbereitet habe, gibt es da schon eine zweite Klippe, die ich umschiffen muss. Ich halte eine Predigt. Ich rede nicht einfach daher. Ich muss ich also wieder erklären, meine Position umreissen, die Position eines Schriftstellers zuerst und nicht eines Gläubigen. Ein Zweifler also:
Ich halte jetzt also eine Predigt. Doch – der Ausdruck „Predigt“ irritiert mich. Ich assoziiere, wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, damit eigentlich weniger die Ansprache, die ein Pfarrer am Sonntagvormittag in seiner Kirche hält. Der Ausdruck Strafpredigt oder Moral – oder Gardinenpredigt hat den ursprünglichen Sinn dieses Wortes unterlaufen, verdrängt. Womit das wohl zu tun hat?
Vielleicht auch damit, dass die predigenden Geistlichen ja früher oft ihre Schäfchen auf den Weg der Tugend bringen wollten. Die unten, zu ihren Füssen, sassen da mit ihrem schlechten Gewissen, konfrontiert mit all dem, was ihnen an höllischen Qualen in Aussicht gestellt wurde, wenn sie nicht gehorchten, nicht den Weg der Tugend gingen. Da wurde die Gemeinde in die Rolle der Kinder gedrängt, der Kinder Gottes, dies nicht im positiven Sinn des Wortes, und ich frage mich im Nachhinein, wie denn diese Geistlichen von damals die tröstliche Botschaft interpretieren wollten, die letztlich diese Ostertage, von Karfreitag bis heute, Christi Leiden, Sterben und Auferstehung beinhaltet...
Beim Schreiben an dieser Predigt habe ich immer wieder gefragt, ob denn ein Schriftsteller der richtige Mann für eine solche Aufgabe ist, weil unsereiner ja Ausdrücke wie „Moral“ eher verdächtig sind. Oder bin ich da allein mit meiner Meinung, weil ich der Sorte Literatur, die eine Moral transportiert, eigentlich misstraue? Schliesslich hat ja Schiller das Theater auch als moralische Anstalt verstanden.
Doch: Schreiben von Prosa ist ja letztlich etwas Privates, richtet sich nicht an ein grosses Publikum, sondern meint den Einzelnen, der zusammen mit all den andern Leserinnen und Lesern unser Publikum ausmacht. Öffentlichkeit stellen wir im Umweg über das Private her. Als predigender Schriftsteller muss ich mich vor einer Gemeinde erklären, muss ich weit hinten Anlauf nehmen, kann die Zuhörenden mit meinen Gedanken nicht direkt konfrontieren, sondern muss berücksichtigen, dass sie als wohl regelmässige Kirchgänger von andern Voraussetzungen ausgehen als ich, dass sie sich an Inhalte und Formulierungen gewöhnt haben, an das, was ihr Gemeindepfarrer üblicherweise predigt. Der Pfarrer kann ja von dieser in der Bibel festgeschriebenen Übereinkunft ausgehen: Wenn er zu reden beginnt, baut er auf das grundsätzliche Einverständnis seiner Zuhörer. Und so frage ich mich heute, am Vorabend meines Auftritts in der Kirche, ob ich denn nicht besser mir treu geblieben wäre: Schreiben und nicht reden.
22.3.2008
Bern
Vielleicht kann man gut an Bern vorüber fahren, ohne etwas zu verpassen. Vielleicht drückt sich aber in dieser Behauptung nur die herkömmliche Ansicht des Zürcher Weltbürgers aus, für den in Bern zu leben gleichbedeutend mit Verbannung wäre.
Ich fühle mich hier wohl. Ich glaube an die von Experten verbreitete Theorie, derzufolge sich ein Schwingungsfeld, ungefähr fünfzig Kilometer breit und dreihundert Kilometer lang, unter dem Erdboden von Niederbipp am Jurasüdfuss über Bern, Innertkirchen, Vaduz bis Zirl in Tirol hinzieht. Menschen in dieser Gegend werden von einem energetischen Strom belebt, sie sind erfinderisch, zuversichtlich, wach bis überschwänglich und sterben früh. Kreislauferkrankungen durch unermüdliches Spazieren kommen häufig vor. Der Zoologe Theophil Nord berichtet, dass sogar Regenwürmer und Asseln sich in diesem Feld schneller fortbewegten. Ich glaube, Bern ist kein Ort, Bern ist eine Lebensweise. Die Berner Brunnen sind, wie ich glaube, eine echte Sensation. Der Chindlifresser beim Kornhaus, der Carlo-Lischetti-Brunnen beim Rathaus, der Meret-Oppenheim-Brunnen auf dem Waisenhausplatz ... London soll ja ein paar hübsche Monumente haben, aber bestimmt hat es keine inspirierende Brunnensammlung wie Bern. Chauvinismus? Ich weiss schon, dass ich nicht aus dem Zentrum der Welt komme.
Welche Orte in Bern haben eine Besichtigung verdient? Die Kleine Schanze beim Bundeshaus, die sich in warmen Nächten in den Ölberg der Schwulen verwandelt, wie Christoph Geiser im Roman Wüstenfahrt erzählt. Der Bremgartenwald, wo schon viele Leute am Morgen hinein gegangen und nicht mehr heraus gekommen sind. Der Schosshaldenfriedhof, wo die Überreste von Paul Klee und Lily Klee-Stumpf liegen und diejenigen Albert Jakob Weltis – Verfasser des Romans Wenn Puritaner jung sind. Auf dem Schosshaldenfriedhof liegen auch die Knochen des ersten Menschenopfers, das die Autobahn Grauholz noch vor der offiziellen Eröffnung gefordert hat. Eine junge Frau. Ihr Bräutigam und Fahrer des Unglückswagens, berichtet Kurt Marti, war, kaum von seinen Verletzungen genesen, über die Nydeggbrücke in den Tod gesprungen. An der Friedhofmauer der Name Eduard von Steiger, Bundesrat. Unter seiner Amtsführung als Justizminister wurden Tausende jüdischer Flüchtlinge zurück in die Hände der Nazis getrieben. Bis heute ist es ein beliebtes Aufgabenfeld schweizerischer Justizminister, das reiche Land gegen Flüchtlinge zu verteidigen.
Stationen eines literarischen Spaziergangs? Die Junkerngasse, wo 1928 der Dichter Hans Morgenthaler eine Wohnung bezogen hat, 38-jährig und todkrank, um hier „zu verrrecken wie ein Schneetoggel im Frühling“. In derselben Junkerngasse schrieb Hans A. Moser Vineta, seinen „Gegenwartsroman aus künftiger Sicht“, und Guido Bachmann, Autor von Zeit und Ewigkeit, klimperte dort auf einem schwarzen Flügel. Aus dem Erlacherhof winkt Ihnen vielleicht ein Eiger-Mord-und-Jungfrau-lesender Stadtpräsident bürgernah zu. Pedro Lenz schreibt in einem Büro in der Rodtmattstrasse, Urs Mannhart in einer Schachtel auf dem Dach in der Rütlistrasse 11, Tür an Tür mit Konrad Pauli – Heldenleben, Sperrsitz, Vorgefühl. Raphael Urweider schreibt in der Wylerstrasse, Katharina Zimmermann in der Gerechtigkeitsgasse und Lukas Hartmann in der Jurablickstrasse. Beat Sterchi wortspielt auf der Münsterplattform bei einem Café crème, die Beine unters Tischchen gestreckt. Jürg Halter braucht Publikum und sitzt dichtend im Carlo-Lischetti-Brunnen beim Rathaus.
Werde ich Bern je verlassen? Ich behaupte nicht, dass Bern mein letzter Wohnort ist. Vielleicht die Weltstadt Zürich? Nun, Zürich ist eine harte Stadt. Unerbittlich frisst sie Menschen und scheisst Kreaturen. Wohin also? Vielleicht will die Gefährtin einmal aufs Land, an den Murtensee, in die korsischen Berge, an die chilenische Küste. Sie melkt manuell und berichtet jeden Morgen, wie die Hühner legen. Ich arbeite am Destillierapparat. Die Kleinen lernen Fremdsprachen oder malen mit einem erbärmlichen Lackfarbenkasten ein grossartiges Gemälde: Weinbergschnecken überziehen die grünen Gummistiefel, die über Nacht vor der Tür gestanden haben.
Nirgends sonst fühle ich mich so aufgehoben wie hier. Ich betrete das Luna Llena wie die eigene Küche. Christoph Simon – so untrennbar verbunden mit Bern wie ein granitgrauer Pflasterstein der Firma Guber im unteren Teil der Gerechtigkeitsgasse.
21.3.2008
Ein Tag, 78
Ein Tag, 78
Seltsam berührt durch die Vorstellung (Tatsache), dass morgen (heute) Karfreitag ist, und die Leute sich wie jeden Tag vor den Computer setzen und diesen Blog lesen, weil es draussen kalt und regnerisch ist und sie sich vielleicht ein bisschen langweilen zuhause, fern vom schützenden Kokon der Arbeit, der seine Fäden allerdings längst weitergesponnen hat in Zeit und Raum, so dass wir (fast) alle mit Fug und Recht uns immer und überall an der Arbeit wähnen dürfen. Morgens starten wir schlaftrunken den Laptop, noch bevor wir Mann und Kind in die Augen sehen; über Nacht hat ein Engel uns neue Botschaften geschickt, die dringend von uns gelesen werden müssen, scheint uns, damit sie nicht unerlöst im World Wide Web herumgeistern. Von nun an gehört ein Ohr dem Pling!, das eine neu eingegangene Nachricht anzeigt, während das andere verzückt den losgeschickten messages lauscht, wie sie in Windeseile davonrauschen, nach Berlin, Basel, Barcelona; halbe Bücher, Geburtsfotos, scheue Anfragen und tränenreiche Entschuldigungsversuche, weil man (ich) die lange versprochene Rezension endgültig vermasselt hat (habe). Spätabends erst klappen wir die Zaubermaschine zu, vorsichtig, als fürchteten wir, unser Herzschlag hänge von ihr ab.
Als ich ein Kind war, war der Karfreitag der stillste Tag des Jahres. Nicht nur in unserem Einfamilienhaus, im ganzen Quartier war es still. Die Stadt war tot. Kein Kino, keine Beiz, kein Aperto war offen. Das Telefon klingelte den ganzen Tag kein einziges Mal; die Nachbarskinder trauten sich kaum, uns nach draussen zu rufen, und wir trauten uns kaum, mit ihnen zu spielen. Wahrscheinlich war spielen überhaupt verboten. Ja, in der Erinnerung kommt es mir vor, als hätten wir Kinder damals selbst im Streit geflüstert, als hätten wir beim Nachmittagsspaziergang unsere Schritte auf dem Asphalt argwöhnisch belauscht, ob sie die Heiligkeit des Tages auch nicht entweihten.
Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages so über den Karfreitag schreiben würde, mit einem, ich muss es zugeben, leise sehnsüchtigen Unterton, obwohl ich ihn eigentlich entsetzlich fand, diesen Tag, an dem mir immer das Bild des gekreuzigten Jesus vor Augen schwebte (der andererseits mein grosses Vorbild war, wollte ich doch ebenfalls alle Sünden der Welt auf mich nehmen; womöglich verbirgt sich ein Rest dieses Wunsches im Schreiben).
Grad eben habe ich mich versichert, dass morgen tatsächlich die Kinos geöffnet sind.
Je älter ich werde, umso stärker empfinde ich die Prägung durch das Alter. Nichts bestimmt meine Wahrnehmungen und Sichtweisen mehr als eben das jeweilige Alter, so zumindest kommt es mir vor. Der Karfreitag, so wie ich ihn als Kind nicht übermässig religiöser Eltern erlebt habe, gehört zum Alphabet des Verschwindens.
Diese Tatsache ist es wohl, die mich – unabhängig vom problematischen kindlichen Karfreitagserleben – als Schriftstellerin für diesen Tag einnimmt; als gelte es, in der Schrift etwas zu bewahren.