23.4.2008

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E N D E


Liebe Literaturblog-Leser und -Leserinnen

Unser Literatur-Blog ist zu Ende. Schön, dass Sie dabei waren. Falls Sie noch nicht genug haben:

  • Sie können uns persönlich treffen: Heute, 23. April findet um 20 Uhr im Theater am Neumarkt in Zürich eine Podiumsdiskussion mit den LiteraturbloggerInnen statt.
  • Oder wir sehen uns an der Bookparade, Start um 17.30 Uhr auf dem Hirschenplatz, Zürich. Lieblingsbuch nicht vergessen.


Letzte Buchstaben

[ Arja Lobsiger ]
Dies ist mein letzter Blog, nach drei monatiger Bloggerei. Was sagt man zum Schluss? Ich mag keine Abschiede, habe aber gerne das letzte Wort. Um nicht an den Abschied zu denken, schreibe ich, wie es mir als Blog Schreibende ergangen ist.
Der Gedanke, dass jeden Mittwoch ein neuer Text entstanden sein soll, begleitete mich durch manchen Sonntag. Auch montags liess er nicht von mir ab, nein, er machte es sich jetzt richtig gemütlich in meinem Kopf und verbündete sich mit dem vernünftigen Teil meiner Gedanken. Gemeinsam klopften sie in den ungünstigsten Momenten an: „Schreib jetzt den Blogeintrag.“  Nur selten habe ich ihnen Folge geleistet, mir erschienen andere Worte in meinem Kopf vergänglicher und so schob ich den Blogeintrag vor mir her. Am Dienstagmorgen setzte ich mich dann jeweils vor den Computer und begann zu schreiben. Manchmal waren die Worte sogleich da, als hätten sie darauf gewartet, geschrieben zu werden. An anderen Tagen kamen sie nur stockend auf das Papier und ich fühlte mich von ihnen bestraft und alleine gelassen. Oft war es aber nicht das Schreiben an sich, welches mir Worte verwehrte, sondern die Tatsache, von mir oder über mich schreiben zu müssen. Ich bemerkte: Das fällt mir auf einmal schwer. Natürlich liegt meinen Texten immer ein Teil von mir zu Grunde, aber sie haben zu mir und meinem Alltag eine andere Nähe. In meinen Geschichten kann ich mich verstecken, ich kann vom Schrecklichen schreiben, aber auch über meine geheimen Wünsche.
Ist es überhaupt möglich, von mir zu schreiben, oder ist es immer gleich ein Konstrukt, sobald die Worte auf dem Papier stehen? Woher weiss ich, dass ich im Text bin? Müsste ich über jeden der Blogeinträge den Titel „Ich“ setzen können? Mir erschienen meine Einträge manchmal lückenhaft. Ich dachte: „Das will ich erzählen, so will ich es schreiben, aber irgendwie bin das doch gar nicht ich.“
Es hat mich Überwindung gekostet, aus den schützenden Mauern des Literatur Instituts zu treten, mich plötzlich zu exponieren, einen Teil zu zeigen von mir, meine Texte im Internet zu sehen, wo jeder und jede sie lesen und kommentieren konnte.
Ich werde den Blog aber auch vermissen. Das Schreiben der Einträge hat mir Regelmässigkeit in meinem Alltag geschenkt. Ich habe jede Woche einen Text geschrieben und publiziert. Das klingt vielleicht komisch, aber normalerweise muss ich nicht jede Woche einen Text abschliessen und veröffentlichen. Auf einmal waren da Lesende, mir unbekannte Leserinnen und Leser. Es war aufregend und schön zugleich, zu wissen, dass sie da sind. Ohne sie bin ich ja nur Schriftstellerin für mich.



22.4.2008

Bookparade! Jetzt buchen!

[ Simon Chen ]

Bild: Notebook verneigt sich vor Buch

 

Morgen begehen wir also den Welttag des Buches. Wir feiern einen Stoss Papier in einem Kartonumschlag. Aber wenn Fremdenführer (21.Feb.), die Fernmeldung (17. Mai) und sogar die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre (17. Juni) ihren Welttag haben, so hat auch der Weltbuchtag seine Berechtigung. Er fällt übrigens mit dem Tag des deutschen Bieres zusammen, aber das eine schliesst ja das andere nicht aus, ganz im Gegenteil.. Jedenfalls begehen wir den Tag des Buches im wortwörtlichen Sinn, denn wir marschieren morgen für die Sache des Buches. Und zwar an der Bücherparade..pardon..Bookparade (21. Feb. Internationaler Tag der Muttersprache). Die Bookparade, ein menschlicher Bücherwurm, der sich durch Zürichs Innenstadt schlängeln wird und aus hoffentlich vielen vielen Librophilen besteht, die laut aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen. Schöne Sache. Ich war letztes Jahr schon Mitläufer und hab Tim Krohns wunderbare „Quatemberkinder“ vor(mich her)getragen. Doch, die Bookparade, ich muss sagen, das hatte etwas. Ein murmelnder Strom lesender Menschen, den eine nahezu religiöse Aura umhüllte. Wie Mantra singende Mönche zogen wir durchs Niederdorf, in vor der Brust gefalteten Händen die Bücher, die heilig schienen.

Bei einer Zwischenstation durfte ich dann die literarischen Raver weiter "aufpeitschen", per Megaphon gab ich einen Text über sprechende Bücher zum Besten. Ein Jahr zuvor, 2006, war ich in Sachen Buchtag mit zwei Slam-Kollegen in Zürcher Buchhandlungen unterwegs. Das war leider ein Flop, der Tag war wunderbar sonnig und die Läden furchtbar leer. So wie Lesen und Bücherkaufen ist auch der Erfolg einer Bookparade wetterabhängig, wenn auch grade andersrum. Ich hoffe, wir werden morgen kein Aprilwetter haben, aber ich werde in jedem Fall wieder mitlaufen, mitlesen und schon fast traditionellerweise einen Text performen.

Der Welttag des Buches soll Menschen aus Büros in Buchhandlungen und Bibliotheken locken. Für die Bookparade sollen Internetuser auf die Strasse streamen, sollen ihren Blick vom Bildschirm in Buchseiten lenken, sollen erkennen, dass die computergenerierte Virtualität nicht zu vergleichen ist mit derjenigen, die im eigenen Kopf entsteht, wenn man ein Buch liest. Aber am besten wäre es, wenn der Weltbuchtag Nichtleser dazu motivieren könnte, zu einem Buch zu greifen. Die Bookparade, der Bücherwurm aus lauter Leseratten, soll den Krankheitserreger Lesefieber unters Volk bringen! Wer liest, versetzt sich in andere Menschen und wer sich in andere Menschen versetzt, bleibt offen und liefert damit einen Beitrag zum Weltfrieden. Amen.

Deshalb: kommen sie morgen Mittwoch 23. April um 17.30 zum Hirschenplatz in Zürich, werden Sie Teil des Bücherwurms und verlängern Sie ihn! Kommen Sie zahlreich und bei jedem Wetter, ein Buch wird gerne in Kauf nehmen, nass zu werden (Welttag der Feuchtgebiete, 2.Feb.) solange es nur aufgeklappt und gelesen wird, statt verschlossen vor sich hinzustauben.

So, die dreizehn Dienst(t)age sind um, ich bedanke mich ganz herzlich für ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen einen erlesenen Tag des Buches!

Simon Chen



21.4.2008

Buch

[ Emil Zopfi ]
Literatur lebt auch ohne Bücher, dieser Blog ist der beste Beweis. Diese Geschichten, Erinnerungen, Gedanken und Tagebuchnotizen existieren ohne Papier und Druckfarbe. Dass daraus auch ein Buch werden soll, hat mit dem «Welttag des Buches» zu tun, der Anlass für dieses Projekt bot. Doch der Widerspruch ist offensichtlich: Wir zelebrieren das Buch auf dem Medium seiner Abschaffung, indem wir Netzliteratur produzieren. Tag der Kranken, Tag der Menschenrechte, Tag der Arbeiterbewegung, Tag des Buches: was immer Gefahr läuft, unterzugehen im Getöse der Welt, wird zum Gedenktag erhoben. Hat das Buch das nötig?
Offenbar schon. Technisch gesehen ist der zwischen zwei Buchdeckeln gebundene Datenträger auf Papier längst veraltetet. Selbst die Literatur braucht ihn nicht mehr zwingend, viele Autorinnen und Autoren betreiben inzwischen ihre kreative Homepage oder «bloggen». Für lupenreine Netzautoren und -autorinnen ist das gedruckte Buch ohnehin so was wie die Bibel für den Teufel. Slampoeten rezitieren papierlos. Genauso wie die Mütter und Grossväter, die aus dem Stegreif ihre Kinder und Enkel mit Geschichten unterhalten und erziehen.
Vor etwa zehn Jahren hat man schon einmal das Ende des Buchs verkündet, auch ich hielt Grabreden. Das eBook kam auf den Markt, eine Art Laptop zum Aufklappen mit mobilem Netzanschluss zu elektronischen Bibliotheken, die jedes Buch der Welt auf den Schirm zaubern können, gegen angemessene Gebühr. Oder gar gratis, so wie man heute Musik fürs ganze Leben auf den iPod herunterladen kann. Ein bestechender Gedanke: Ich sitze am Mount Everest im Biwak, für Tage im Schneesturm blockiert, lade mir zum Zeitvertreib schnell den neuen Philip Roth runter. Das eBook war ein Flop, die Zeit offenbar noch nicht reif, das Angebot dürftig, die technischen Standards noch nicht klar.
Ist das Buch gerettet? Ich weiss es nicht. Auch das Mobiltelefon war zu Anbeginn ein Flop. Fach- und wissenschaftliche Literatur liegt längst im Netz, jetzt verzichtet sogar der ehrwürdige Brockhaus auf eine gedruckte Ausgabe und stellt sein in zweihundert Jahren gesammeltes Wissen online gratis zur Verfügung – finanziert durch Werbung. Ist die werbefinanzierte Literatur der Anfang vom Ende der Buchkultur?
Oder war schon der Fall der Buchpreisbindung der erste Schritt ins Büchergrab? Killt die Globalisierung den Rest des lebendigen lokalen Literaturschaffens? Kulturpessimismus hilft gewiss nicht weiter. Vielleicht ist der Gedanke sogar tröstlich, dass Literatur auch ohne gedruckte Bücher leben wird, allenfalls ergänzt durch «Books on Demand» für jene, die gern Papier zwischen den Fingern spüren, wenn sie im Bett oder am Strand Geschichten lesen. Denn der Mensch braucht Geschichten, in welcher Form auch immer. «So lange es noch Geschichten gibt, so lange gibt es noch Möglichkeiten», sagt Peter Bichsel in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. So lange es Geschichten gibt, können wir hoffen.
Selbst Diktaturen, die Bücher verbrennen liessen, haben es nicht geschafft, alle Autorinnen und Autoren zum Schweigen zu bringen. Sie haben ihre Texte im Untergrund getippt oder von Hand kopiert und weitergereicht. Der politische Witz, das revolutionäre Gedicht oder Lied brauchte kein Papier. Für totalitäre Regimes ist das Internet heute die grössere Bedrohung als das Buch. Darum wird auch die Diktatur der globalen Märkte die Literatur nicht töten.



20.4.2008

Zum Schluss ein Anfang

[ Peter Zeindler ]

Nach Schreiben "über", das Schreiben an sich: So beginnt (vorläufig) mein neuer Roman...

Das Gesicht des Mannes in Weiss drückte Erstaunen, Begeisterung und Besorgnis zugleich aus. Er fixierte den Monitor, schloss dann das linke Auge wie ein Schütze, der über Visier und Korn sein Ziel sucht, schüttelte den Kopf, immer wieder. Endlich senkte er den Blick und betrachtete wohlgefällig den Unterleib seines Patienten, der mit angehaltenem Atem die Diagnose erwartete.

„So etwas habe ich noch nie gesehen! Einmalig!“

Das war noch immer kein medizinisch überzeugendes Urteil. Der Arzt brauchte wohl Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte. Jetzt schaute er verklärt, als ob er soeben eine weltverändernde wissenschaftliche Entdeckung gemacht hätte. Noch immer ruhte das Ultraschallgerät mit der feuchten Sonde oberhalb von Hypolit Froschauers Penis, der schlaff und unerheblich dalag. Hypolit erinnerte sich an ein frühes Foto, das sein Vater gemacht hatte: Der gefeierte Stammhalter des Geschlechts der Froschauer, acht Wochen alt, lag rücklings nackt auf dem Wickeltisch, mit geöffneten Beinen, der scheinbar überdimensionierte Geschlechtsteil, designierter Garant des Überlebens der Familie, ungeschützt dem fotografierenden Vater dargeboten. Eine Dokumentation, die verpflichtete. Eine uneingelöste Hypothek.

„Ihre Blase erinnert mich an die Antike – ich weiss nur nicht weshalb,“  sagte der Arzt beina-

he feierlich. „Irgendwie archaisch.“

Dieser unvermittelte Ausflug in eine historisch weit zurückliegende Ära kam überraschend und traf Hypolit an einer neuralgischen Stelle seiner Biographie, und so war es naheliegend, dass ihm seine Assoziationen umgehend Gustav Schwabs Standardwerk „Die Sagen des klassischen Altertums“ aufdrängten. Dieser Band hatte ihn in seiner Jugend wie ein dräuender Schatten begleitet, war ihm vom Vater, dem  eine umfassende Allgemeinbildung alles bedeutete hatte, aufgedrängt worden. Hypolit war noch heute ein ewiger Gefangener dieses antiken Territoriums, auf das ihn ja schon sein Vorname festlegte, den ihm sein Vater gegen den Willen der Mutter, die einen biblischen Namen wie Samuel oder Johann vorgezogen hätte, verpasst hatte.

Oskar Froschauer hatte diesen Namen aus Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ herausdestilliert: Hippolytos, Sohn des Theseus, unschuldig und schön von Gestalt.

„Schauen Sie!“ befahl der Gott in Weiss und zeigte mit spitzem Finger auf den Bildschirm.

Hypolit sollte jetzt also Fernsehen. Wie fern?

„Das ist ja wie zuhause vor dem Bildschirm“, murmele Hypolit ausweichend. Er wollte nur Zeit gewinnen.

„Ja, ein bisschen wie Television“, lächelte Dr. Blarer. „Ich habe ihre Blase gescannt, und die Sonde erzeugt ein zweidimensionales Schnittbild. Das ist das sogenannte Echo – Impuls – Verfahren.“

Hypolit drehte den Kopf und betrachten seine Blase, die gar nicht so aussah, wie Blasen aussehen sollten, ein kompaktes Gebilde. Seine Blase hatte Seitengänge, Nischen, Narben.

„Nicht wahr?“ sagte Dr. Blarer, und wieder klang Stolz in seiner Stimme mit, als ob er der Erfinden dieses zerklüfteten Gebildes sei. „Diese Verzweigungen. Mysteriös. Geheimnisvoll.“

„Sie haben recht, Doktor“, sagte Hypolit mit schwacher Stimme. „Ein Labyrinth!  Und da hockt Minotaurus, das Ungeheuer in Gestalt eines Menschen, ein bisschen Mensch, ein bisschen Stier, Gefangener des Labyrinths.“

„Respekt!“ antwortete Dr. Blarer. „Ich habe eigentlich an die Hölllochgrotten gedacht. Oder irgendwo an Frankreichs Küste gibt es auch solche Grotten, vielfach verzweigt, in denen man sich verirren kann. Eine Verwechslung. Aber Sie denken in die richtige Richtung: Minotaurus – ein Mensch mit dem Kopf eines Stiers?“

 


Zum Schluss ein Anfang

[ Peter Zeindler ]

Nach Schreiben "über", das Schreiben an sich: So beginnt (vorläufig) mein neuer Roman...

Das Gesicht des Mannes in Weiss drückte Erstaunen, Begeisterung und Besorgnis zugleich aus. Er fixierte den Monitor, schloss dann das linke Auge wie ein Schütze, der über Visier und Korn sein Ziel sucht, schüttelte den Kopf, immer wieder. Endlich senkte er den Blick und betrachtete wohlgefällig den Unterleib seines Patienten, der mit angehaltenem Atem die Diagnose erwartete.

„So etwas habe ich noch nie gesehen! Einmalig!“

Das war noch immer kein medizinisch überzeugendes Urteil. Der Arzt brauchte wohl Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte. Jetzt schaute er verklärt, als ob er soeben eine weltverändernde wissenschaftliche Entdeckung gemacht hätte. Noch immer ruhte das Ultraschallgerät mit der feuchten Sonde oberhalb von Hypolit Froschauers Penis, der schlaff und unerheblich dalag. Hypolit erinnerte sich an ein frühes Foto, das sein Vater gemacht hatte: Der gefeierte Stammhalter des Geschlechts der Froschauer, acht Wochen alt, lag rücklings nackt auf dem Wickeltisch, mit geöffneten Beinen, der scheinbar überdimensionierte Geschlechtsteil, designierter Garant des Überlebens der Familie, ungeschützt dem fotografierenden Vater dargeboten. Eine Dokumentation, die verpflichtete. Eine uneingelöste Hypothek.

„Ihre Blase erinnert mich an die Antike – ich weiss nur nicht weshalb,“  sagte der Arzt beina-

he feierlich. „Irgendwie archaisch.“

Dieser unvermittelte Ausflug in eine historisch weit zurückliegende Ära kam überraschend und traf Hypolit an einer neuralgischen Stelle seiner Biographie, und so war es naheliegend, dass ihm seine Assoziationen umgehend Gustav Schwabs Standardwerk „Die Sagen des klassischen Altertums“ aufdrängten. Dieser Band hatte ihn in seiner Jugend wie ein dräuender Schatten begleitet, war ihm vom Vater, dem  eine umfassende Allgemeinbildung alles bedeutete hatte, aufgedrängt worden. Hypolit war noch heute ein ewiger Gefangener dieses antiken Territoriums, auf das ihn ja schon sein Vorname festlegte, den ihm sein Vater gegen den Willen der Mutter, die einen biblischen Namen wie Samuel oder Johann vorgezogen hätte, verpasst hatte.

Oskar Froschauer hatte diesen Namen aus Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ herausdestilliert: Hippolytos, Sohn des Theseus, unschuldig und schön von Gestalt.

„Schauen Sie!“ befahl der Gott in Weiss und zeigte mit spitzem Finger auf den Bildschirm.

Hypolit sollte jetzt also Fernsehen. Wie fern?

„Das ist ja wie zuhause vor dem Bildschirm“, murmele Hypolit ausweichend. Er wollte nur Zeit gewinnen.

„Ja, ein bisschen wie Television“, lächelte Dr. Blarer. „Ich habe ihre Blase gescannt, und die Sonde erzeugt ein zweidimensionales Schnittbild. Das ist das sogenannte Echo – Impuls – Verfahren.“

Hypolit drehte den Kopf und betrachten seine Blase, die gar nicht so aussah, wie Blasen aussehen sollten, ein kompaktes Gebilde. Seine Blase hatte Seitengänge, Nischen, Narben.

„Nicht wahr?“ sagte Dr. Blarer, und wieder klang Stolz in seiner Stimme mit, als ob er der Erfinden dieses zerklüfteten Gebildes sei. „Diese Verzweigungen. Mysteriös. Geheimnisvoll.“

„Sie haben recht, Doktor“, sagte Hypolit mit schwacher Stimme. „Ein Labyrinth!  Und da hockt Minotaurus, das Ungeheuer in Gestalt eines Menschen, ein bisschen Mensch, ein bisschen Stier, Gefangener des Labyrinths.“

„Respekt!“ antwortete Dr. Blarer. „Ich habe eigentlich an die Hölllochgrotten gedacht. Oder irgendwo an Frankreichs Küste gibt es auch solche Grotten, vielfach verzweigt, in denen man sich verirren kann. Eine Verwechslung. Aber Sie denken in die richtige Richtung: Minotaurus – ein Mensch mit dem Kopf eines Stiers?“

 


19.4.2008

Fragen

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, Fragen an ihm persönlich unbekannte Literaturbloglesende zu richten, die ihm, wie er hat erfahren dürfen, gern und bestimmt Antwort geben.

Liebe Literaturbloglesende:

Abgesehen von den scharfen Kanten, an die man stößt – ist die Welt sonst gut und warm?

Wurden Sie rasch, angenehm und gründlich in der schönen Literatur gebildet, zu guten Sitten geführt, mit Frömmigkeit erfüllt? Wurde Ihnen die Poesie mit Beispielen aus den mathematischen und chemischen Künsten dargetan? Oder waren Eichen und Buchen Ihre Lehrerinnen, indem Sie in den Wäldern sich ergingen und studierten?


Bei welchem Filmemacher, bei welcher Buchautorin, bei welcher Musikgruppe sind Sie daran interessiert, dass diese Geheimtipp bleiben, und dass Sie zu den wenigen gehören, die den Tipp kennen?

Welchen Büchern verdanken Sie Nachdenklichkeit?

Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, von denen Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie Ihnen nie etwas Interessantes erzählen werden?

Wo verstecken Sie intime Aufzeichnungen? Hinter dem Spiegel?

Wen haben Sie wider Erwarten nie mehr wiedergesehen?

Schämen Sie sich, wenn Sie sich den Inhalt von Büchern und Filmen nicht vergegenwärtigen können?

Was wissen Sie über Mikrophone, Smartphones, Wanzen und Menschen, die Sie aus dem Lieferwagen vor Ihrem Haus mit Feldstechern überwachen?

The traveller arriving with nothing – wieso gibt’s keinen „swiss way of life“, keine vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichtentradition in der Schweizer Literatur? Weil es hier nie ein Asylant zum Millionär bringt?

Welche Bücher und Zeitschriften halten Sie hinter Schloss und Riegel?

Welches Verbrechen sind Sie willens, baldmöglichst zu wiederholen?

Konsumieren Sie Medikamente unter- oder überdosiert?

Fürchten sich die Menschen im Dunkeln vor Ihnen? Löschen Sie das Licht und sagen Sachen wie „die Zahl Null existiert nicht“, oder „im Jahre 7515 seit Anbeginn der Welt“?

Legen Sie Reissnägel auf die Straße, damit Fahrradreifen sich dran wund schneiden?

Wenn Sie sich einen Revolver in den Mund steckten, um sich, wie man so treffend sagt, „das Hirn wegzupusten“, würden Sie dann den Lauf nur so leicht mit den Lippen umschließen, oder mit den Zähnen darauf beissen? Erwarten Sie Metall- oder Schmierfettgeschmack im Mund?

Sehen Sie Zusammenhänge, wo Menschen in Ihrem Umfeld keine sehen? Wuchert zum Beispiel der Holunder am niedergetretenen Zaun, weil Großmutter einen Apfel schält? Quietscht das Gartentor, weil die Kreidezeichen am Schuppen verwischt wurden? Wächst Moos über die Steine, weil Sie ein Angebot ausgeschlagen haben? Schwimmen die Fische bauchoben im Teich, weil Sie freihändig fahren?

Müssen Sie im Kino immer ganz schief sitzen, um dem Knie der Nachbarsperson zu entgehen?

Liebe Literaturbloglesende: Zu welchem Zweck geboren? Um auszusprechen, was keiner hören will? Um Jahreszahlen und Ereignisse von sich zu geben, wie man’s gelernt hat, und als Genie bezeichnet werden? Um zu sehen, wie die Menschen einander umbringen? Um die Dinge, nach denen man sich sehnt, nicht zu bekommen? Um als grosser starker Mann auf dem Meer Wellen zu reiten? Um eine Medaille zu bekommen und sagen zu können: „Ich habe hart dafür trainiert“? Um den eigenen Namen falsch ausgesprochen zu hören? Um die Hand über die Bettkante zu hängen, und der Hund spielt mit ihr?

Machen Sie die Wörter „gottverdammt“ und „Mutterficker“, einmal nicht als Schimpfwörter gebraucht, verlegen?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.



18.4.2008

Ein Tag, 108

[ Ruth Schweikert ]

 Ein Tag, 108

1. Einen fulminanten Schlusspunkt wollte ich setzen, eine Bilanz ziehen nach drei Monaten AutorInnenalltagsmitschrift; stattdessen sitze ich müde am Bett des Zehnjährigen, der lange nicht einschlafen kann, weil er heute von einem Unbekannten aus einem stehenden Auto heraus angesprochen wurde, ob er Panini-Bildli sammle. Der ältere Mann lud den Fünftklässler ein, sich zu ihm ins Auto zu setzen, er wolle ihm seine Bildli zeigen undsoweiter (zum Glück hat R. sich genau richtig verhalten, ist mit seinem Trotti davon gefahren, der Mann zunächst hintendrein, dann liess er ihn ziehen. Mein Mann ruft die Schule und die Polizei an, die sofort einen Streifenwagen losschickt). Die Geschichte klingt, als sei sie schlecht erfunden (oder von Dürrenmatt); als hätte sie bloss die Wahl zwischen „grässliches Schauermärchen“ oder „einem drittklassigen Film entsprungen“. Trotzdem ist sie wahr.
Rs aufwühlender Anruf erreichte mich um zehn vor vier, mitten in einem hoch spannenden Brainstorming zum (im ersten Blog-Eintrag erwähnten) Theaterprojekt zum Thema Macht. Wir phantasierten zu viert über die Macht einer möglichen Hauptfigur: ein (vermeintlich) ohnmächtiger, weil abhängiger Kranker, als innert Sekunden meine BinnenFamilienwelt aus den Fugen geriet, und ich mich für einen Moment lang wirklich ohnmächtig fühlte. Ohnmächtig, weil ich in diesem Moment nicht dort war, wo R. war; ohnmächtig, weil ich ihn nicht sofort in die Arme nehmen konnte; ohnmächtig, weil dieser Moment nicht durch einen anderen Moment zu ersetzen war.

2. Später feiern wir Ds 19. Geburtstag: trotzdem.

3. Und dann naht die Bookparade: Einmal mehr werden besorgte Eltern, Lehrer und andere pädagogisch Interessierte die Wichtigkeit der Leseförderung betonen. Als ob das Lesen an und für sich etwas Gutes sei. Als ob nicht das allermeiste, was heutzutage gelesen und geschrieben wird, Schrott wäre (und womöglich auch nichts anderes sein will als eben: Schrott). Ist es nicht eigentümlich: Nachdem man schon das Ende der Schriftkultur befürchtete, ist das Medium der Schrift mit SMS, Chat und Gratiszeitungen noch einmal so richtig durchgestartet und massentauglich geworden.
Weit weg allerdings sind wir da von der Schrift als kulturelles Erbe, als Selbstversicherung der eigenen Geschichte. Weit weg auch von der Sprache als Machtinstrument, von der Sprache als Medium, in dem Wissen gespeichert wird...

4. Ach ja, fast hätte ich’s vergessen (Achtung, Werbung in eigener Sache): es erscheint nicht nur demnächst das wundersam zauberhaft schnellgeschwinde Blogbuch - auch ein jahrelanges Projekt hat nach etlichen Schwierigkeiten seine Präsentationsform gefunden: die Künstlerinnen Pascale Gmür und Mara Mars haben über zehn Jahre hinweg zehn Leute fotografiert – je einmal pro Jahr – und daraus ein reproduzierbares Objekt generiert. Dazu habe ich ein paar Texte beigesteuert, die mir beim Betrachten der Gesichter eingefallen sind. Eins oder zwei dieser kostbaren Objekte werden am 23. April im Neumarkttheater aufliegen.

5. Das ist kein Schlussatz, aber dennoch ein Abschied.



16.4.2008

In Flipflops, vielleicht

[ Arja Lobsiger ]
Heute in einer Woche ist die Bookparade. Die Bücher lassen sich aus beachtlicher Höhe aus den Regalen fallen, kopfüber, mit einem Doppelsalto, andere falten sich zu einem Päckchen zusammen. Sie stauben sich ab, bügeln die Eselsohren aus den Seiten, einige legen sich ein buntes Buchzeichen zwischen die Seiten, manche falten sich auf beim schönsten Satz. Sie stellen sich vor den Schuhschrank mit der Frage: rote Stiefel, Bergschuhe, Flipflops, Lackschuhe, Highheels, Gummistiefel, Sandalen oder Turnschuhe? Die Flatterigen umwickeln sich mit einem Wollschal, die Schnittigen setzen eine Brille auf, die Kalten eine mit dunklen Gläsern, die Glatzköpfigen eine mit dicken schwarzen Rändern, die Skandalösen ziehen Handschuhe an, die Heissen spannen den Regenschirm auf, die Komischen ziehen sich eine Strickmütze über die breiten Augenbrauen, die Verwunderten hängen sich eine Mittwochstasche um, die Stillen kämmen sich und die Konkreten schminken sich die Lippen rot.
So hüpfen, schubsen, stolpern, schleichen, stolzieren, schlurfen die Bücher aus den Häusern heraus auf Zürichs Strassen und Gassen, manch ein Leser winkt ihnen nach, oder eine Leserin rennt ihnen gar hinterher. Andere Bücher haben sich heimlich davon gemacht. Normalerweise gehen Bücher nicht aus. Sie gehen auf und klappen zu, fliegen durch die Luft, fangen Gähnen und Tränen auf, schaukeln in Handtaschen und Koffern, schauen zum Zugfenster hinaus oder ins Frotteetuch auf feuchtem Gras. Aber nie gehen sie aus.
Wir können uns auf sie verlassen, sie sind immer für uns da. Nur am 23. April werden sie uns untreu, es heisst: Bücher auf die Strasse. Sie demonstrieren sich uns für einmal laut, sie wollen vorgelesen werden, ein hörbares Zeichen setzen. Sie wollen sagen: Hallo, wir sind da, es gibt uns, schreibt und sprecht mit uns, lasst euch unterhalten, denkt nach, vergesst uns nicht, gestaltet lesend die Geschichte mit. Und sammelt sorgfältig Buchstaben auf, LEST!
Nach einem langen Tag und einer durchbuchstabierten, verlesenen Nacht kommen die Bücher, eines nach dem anderen, müde nach Hause, Rauch und Schweiss umgibt sie noch und vereinzelte Flecken bleiben auf den Seiten zurück. Sie schlüpfen aus den Schuhen, lassen auf dem Weg Schal und Brille fallen. Einige legen im Aufzug die Beine hoch, andere schlafen auf der zweiten Treppenstufen ein, weitere steigen tapfer das Regal hoch, schmiegen sich Buchdeckel an Buchdeckel zwischen die Dagebliebenen. Dort bleiben sie, bis wir in ihnen lesen, spätestens an der nächsten Bookparade.



15.4.2008

S.C., Ex-Blogger in spe

[ Simon Chen ]

Bild: (ganz links aussen) Schwarzer Blog

 

Die Bezeichnung Schriftsteller will und muss ich mir noch erschreiben, hoffe aber, sie dann nicht mehr zu verlieren. Blogger darf ich mich jetzt schon nennen, bin aber ab nächster Woche wieder Ex-Blogger. Bloggen war Neuland für mich und wird wohl ein Ausflug bleiben. Obwohl sich meine härtesten Vorurteile gegenüber den interaktiven Weblogs eigentlich nicht bestätigt haben, bleibt eine grundsätzliche Skepsis. Ich erlebe das World Wide Web als virtuelle Parallelwelt, als seltsame, undurchschaubare Öffentlichkeit. Theoretisch könnten dich Abermillionen lesen, aber kein Mensch weiss, wie viele es tatsächlich sind. Und vor allem wer es ist. So wie der Blog-Autor selbst bleiben seine Kommentatoren, auch wenn sie sich nicht hinter anonymen Namen verschanzen, in erster Linie Internetuser, irgendwo. Aufgrund der Kommentare kann ersterer letzteren zwar Gesicht und Charakterzüge aninterpretieren, sie sind jedoch möglicherweise völlig unzutreffend (schon das Geschlecht ist bei einem Nickname ungewiss), man weiss es einfach nicht; mehr als ein echtes menschliches Gegenüber stellt eine Internet-Identität eine Projektionsfläche dar. (Ich kann mir vorstellen, dass die ersten, Benutzer von Telefonen die Stimme am anderen Ende ebensowenig mit einem klaren Bild eines Menschen aus Fleisch und Blut in Verbindung bringen konnten). Bloggen und kommentiert werden ist ein wenig wie eine Lesung mit anschliessender Diskussion in der Blinden Kuh. Der Blogger steht auf einer virtuellen Bühne, doch auch seine Kommentatoren können ihm und allen anderen Lesern etwas vormachen. Diese Scheinöffentlichkeit scheint mir noch viel mehr auf Schein aufgebaut zu sein als die herkömmliche Realität. Für mich und meine Arbeit ist Internet nicht mehr wegzudenken, aber ich scheue mich, mehr als nötig in seine Untiefen hineinzugeraten. Chats, Blogs, Myspace und dergleichen gehören für mich dazu und sind nicht mein Platz. Ich glaube, irgendwie möchte ich für mich die Grenze von der handfesten Realität zur zwar weltumspannenden, aber virtuellen Bildschirmwirklichkeit aufrechterhalten. Aber ich gebe zu, mit der Weigerung, diese E-(ntmaterialisierte)Kommunikation als neue Realität oder zumindest als Teil der Realität zu akzeptieren, komme ich mir ein bisschen vor wie ein Starrsinniger, der den Fall der Mauer noch immer nicht wahrhaben will.

Sehr oft ist Bewertung oder Diskussionen über Kunst müssig. Andererseits bleibt Kunst ohne offene Auseinandersetzung l’art pour l’art. Und dieser Austausch fehlt mir manchmal im wirklichen Leben. Insofern sind Diskussionen durchs Kabel besser als gar keine, lieber online als allein. Wären diese Einträge in einer Zeitungskolumne erschienen, die Feedbacks wären ausgeblieben und ich hätte noch weniger Vorstellung von meiner Leserschaft.

Blogs sollten natürlich kein Ersatz sein für leibhaftige Gespräche, aber man kann ihnen zugute halten, dass sie eine geeignete Plattform sind für interessierte Menschen, denen ausserhalb dieses geschützten Rahmens der Mut zur Meinungsäusserung fehlen würde (ich meine jetzt nicht die Feiglinge, es gibt ja auch kluge, aber schüchterne Menschen). Dagegen ist ja nichts einzuwenden.

Fazit: Blogs find ich gut. Sind aber nicht ganz meine Sache. Ich werde ich mich davor hüten, in den Blogsog zu geraten oder gar der Kommentatis anheimzufallen. Ich möchte damit keineswegs all die geschätzten Kommentatoren pathologisieren, aber in meinem Fall könnte Bloggen leicht zu einer Sucht führen, ein Kommentar zieht den nächsten nach sich usw., was mir letztlich ganz einfach zu zeitraubend wäre. Aber eine gute Schreibübung war es allemal, ein Ausprobieren einer neuen literarischen (?) Gattung, etwas zwischen Tagebuch und Kolumne, spontan reflektierte Gedanken sozusagen.


Danke für ihr treues Online-Sein, einmal haben wir noch!



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