23.4.2008
Letzte Buchstaben
Dies ist mein letzter Blog, nach drei monatiger Bloggerei. Was sagt man zum Schluss? Ich mag keine Abschiede, habe aber gerne das letzte Wort. Um nicht an den Abschied zu denken, schreibe ich, wie es mir als Blog Schreibende ergangen ist.
Der Gedanke, dass jeden Mittwoch ein neuer Text entstanden sein soll, begleitete mich durch manchen Sonntag. Auch montags liess er nicht von mir ab, nein, er machte es sich jetzt richtig gemütlich in meinem Kopf und verbündete sich mit dem vernünftigen Teil meiner Gedanken. Gemeinsam klopften sie in den ungünstigsten Momenten an: „Schreib jetzt den Blogeintrag.“ Nur selten habe ich ihnen Folge geleistet, mir erschienen andere Worte in meinem Kopf vergänglicher und so schob ich den Blogeintrag vor mir her. Am Dienstagmorgen setzte ich mich dann jeweils vor den Computer und begann zu schreiben. Manchmal waren die Worte sogleich da, als hätten sie darauf gewartet, geschrieben zu werden. An anderen Tagen kamen sie nur stockend auf das Papier und ich fühlte mich von ihnen bestraft und alleine gelassen. Oft war es aber nicht das Schreiben an sich, welches mir Worte verwehrte, sondern die Tatsache, von mir oder über mich schreiben zu müssen. Ich bemerkte: Das fällt mir auf einmal schwer. Natürlich liegt meinen Texten immer ein Teil von mir zu Grunde, aber sie haben zu mir und meinem Alltag eine andere Nähe. In meinen Geschichten kann ich mich verstecken, ich kann vom Schrecklichen schreiben, aber auch über meine geheimen Wünsche.
Ist es überhaupt möglich, von mir zu schreiben, oder ist es immer gleich ein Konstrukt, sobald die Worte auf dem Papier stehen? Woher weiss ich, dass ich im Text bin? Müsste ich über jeden der Blogeinträge den Titel „Ich“ setzen können? Mir erschienen meine Einträge manchmal lückenhaft. Ich dachte: „Das will ich erzählen, so will ich es schreiben, aber irgendwie bin das doch gar nicht ich.“
Es hat mich Überwindung gekostet, aus den schützenden Mauern des Literatur Instituts zu treten, mich plötzlich zu exponieren, einen Teil zu zeigen von mir, meine Texte im Internet zu sehen, wo jeder und jede sie lesen und kommentieren konnte.
Ich werde den Blog aber auch vermissen. Das Schreiben der Einträge hat mir Regelmässigkeit in meinem Alltag geschenkt. Ich habe jede Woche einen Text geschrieben und publiziert. Das klingt vielleicht komisch, aber normalerweise muss ich nicht jede Woche einen Text abschliessen und veröffentlichen. Auf einmal waren da Lesende, mir unbekannte Leserinnen und Leser. Es war aufregend und schön zugleich, zu wissen, dass sie da sind. Ohne sie bin ich ja nur Schriftstellerin für mich.
16.4.2008
In Flipflops, vielleicht
Heute in einer Woche ist die Bookparade. Die Bücher lassen sich aus beachtlicher Höhe aus den Regalen fallen, kopfüber, mit einem Doppelsalto, andere falten sich zu einem Päckchen zusammen. Sie stauben sich ab, bügeln die Eselsohren aus den Seiten, einige legen sich ein buntes Buchzeichen zwischen die Seiten, manche falten sich auf beim schönsten Satz. Sie stellen sich vor den Schuhschrank mit der Frage: rote Stiefel, Bergschuhe, Flipflops, Lackschuhe, Highheels, Gummistiefel, Sandalen oder Turnschuhe? Die Flatterigen umwickeln sich mit einem Wollschal, die Schnittigen setzen eine Brille auf, die Kalten eine mit dunklen Gläsern, die Glatzköpfigen eine mit dicken schwarzen Rändern, die Skandalösen ziehen Handschuhe an, die Heissen spannen den Regenschirm auf, die Komischen ziehen sich eine Strickmütze über die breiten Augenbrauen, die Verwunderten hängen sich eine Mittwochstasche um, die Stillen kämmen sich und die Konkreten schminken sich die Lippen rot.
So hüpfen, schubsen, stolpern, schleichen, stolzieren, schlurfen die Bücher aus den Häusern heraus auf Zürichs Strassen und Gassen, manch ein Leser winkt ihnen nach, oder eine Leserin rennt ihnen gar hinterher. Andere Bücher haben sich heimlich davon gemacht. Normalerweise gehen Bücher nicht aus. Sie gehen auf und klappen zu, fliegen durch die Luft, fangen Gähnen und Tränen auf, schaukeln in Handtaschen und Koffern, schauen zum Zugfenster hinaus oder ins Frotteetuch auf feuchtem Gras. Aber nie gehen sie aus.
Wir können uns auf sie verlassen, sie sind immer für uns da. Nur am 23. April werden sie uns untreu, es heisst: Bücher auf die Strasse. Sie demonstrieren sich uns für einmal laut, sie wollen vorgelesen werden, ein hörbares Zeichen setzen. Sie wollen sagen: Hallo, wir sind da, es gibt uns, schreibt und sprecht mit uns, lasst euch unterhalten, denkt nach, vergesst uns nicht, gestaltet lesend die Geschichte mit. Und sammelt sorgfältig Buchstaben auf, LEST!
Nach einem langen Tag und einer durchbuchstabierten, verlesenen Nacht kommen die Bücher, eines nach dem anderen, müde nach Hause, Rauch und Schweiss umgibt sie noch und vereinzelte Flecken bleiben auf den Seiten zurück. Sie schlüpfen aus den Schuhen, lassen auf dem Weg Schal und Brille fallen. Einige legen im Aufzug die Beine hoch, andere schlafen auf der zweiten Treppenstufen ein, weitere steigen tapfer das Regal hoch, schmiegen sich Buchdeckel an Buchdeckel zwischen die Dagebliebenen. Dort bleiben sie, bis wir in ihnen lesen, spätestens an der nächsten Bookparade.
09.4.2008
Liebe Redewendung
wir haben es doch bereits früher miteinander versucht. Als du gegangen bist, habe ich mir gedacht, du schliesst meine Türe zum letzten Mal hinter dir. Aber nein, ohne anzuklopfen, stiehlst du dich immer wieder in meine Texte, turnst um die Buchstaben, machst Yoga mit den Worten und schläfst auf meinen Sätzen ein. Du gehst in meinem Textkleid baden und wenn du aus dem Wasser steigst, klebt es an dir. Es macht dich noch nackter. Unter uns gesagt: Du hast ausgeblüht.
Dies sind meine letzten Worte an dich, zehn Pferde haben mich tatsächlich dazu gebracht, dass ich am Ast säge, auf dem ich sitze. Ich wäre gerne diplomatisch, aber ich mache nun Schluss mit dir. Kaum ausgesprochen, pfeifen es die Spatzen von den Dächern in den Blog. So schnell kann es gehen. An dieser Stelle sollte ich etwas Nettes sagen, zum Beispiel: Wir können Freunde sein. Aber das waren wir nie, können wir nicht. Und ich sitze abermals da wie ein Schwein vor dem Uhrwerk, wegen dir. Redewendung, ich weiss, du bist ein Schatten. Der Schatten wovon?
Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir erzähle, warum du stets hochkant aus meinem Text geflogen bist.
Ich hatte nicht viel Schlaf letzte Nacht. Ich dachte: Der frühe Vogel fängt den Wurm, und wahrlich habe ich nun eine ganze Büchse voll von dir. Weisst du, ich bin enttäuscht. Ernüchternd war das: grosse Klappe und nichts dahinter. Einmal, da dachte ich – möglicherweise war das auch gar nicht ich – zwischen uns könnte die Chemie stimmen, wir könnten vielleicht... Aber du kamst wieder als Schaf im Wolfspelz und hast dich in mein Ohr gelegt. Für meine Ohrmuschel hattest du vorerst eine solide Passform, als hättest du den Mund auf dem rechten Fleck. Bei meinem Trommelfell angelangt, klangst du wie tausendmal gefressen und halb verdaut. Der Retter in der Not war mein Steigbügel. Er hob dich auf den Amboss, dort kamst du unter den Hammer. Die Knöchelchen konnten dich meiner Gehörschnecke nicht zumuten.
Während unserem Tanz, den ich heute mit dir wage, merke ich: Mir ist der Buchstabenschnabel nicht nach dir gewachsen, ich überschreibe meine Stimme mit dir, ich schreibe ein Haus ohne Türen und Fenster.
In diesem Haus kann ich nicht wohnen, deshalb geht der Tanz zu Ende, obwohl er gerade erst angefangen hat. Du hängst mir bereits zum Hals heraus, steppst auf meiner Zunge ein letztes Mal mit dem Bären. Lass die Kirche nicht im Dorf und verlasse mich. Schreib dir das hinter die Ohren. Ich weiss, dass du jetzt lachst und klingst, wie wenn man auf eine Handharmonika tritt.
Redewendung, ich habe dich abgeschrieben und schon bist du weg. Es ist beinahe schön ohne dich.
Eine Schreibende
Aber meine Stimme... Hallo, wo bist du, Stimme? Bist du da? Ich kann dich nicht hören? Bist du beleidigt, weil ich nicht mit dir, sondern der Redewendung...? Es war nur ein Tanz. Das verspreche ich dir.
02.4.2008
zu zweit
Ich staple Buch um Buch, lege Blatt um Blatt meinen Schreibort frei, trage nach und nach einen Berg Buchstaben ab. Einiges fällt ins Altpapier, anderes in meine Textschublade. Dort finde ich Vergessenes, Vergangenes: mein erstes Schreibheft.
Ich blättere darin, lese meine ersten Entwürfe, in Kinderschrift. Auf dem Titelblatt steht ein Gedicht, mein erstes Gedicht, von dem ich wusste, dass es eines ist. Ich habe es geschrieben, in meiner kleinen Welt, vom Haus bis zum Ende der Strasse und zurück, in welcher alles grösser war als ich. Und ich erinnere mich noch genau, wie es dazu gekommen ist.
Vor mir glitzerte mit tausend Juwelen, der neue Schnee. Ich stapfte neben meinem Grossvater über eine riesige Fläche. Es war ein gefrorener See. Der Wind blies mir ins Gesicht und macht das Gehen schwer. Er hatte den Schnee zu Haufen auf den Weg geblasen. An manchen Orten sank ich bis zu den Knien ein, an anderen trug mich der Schnee und nur Grossvater wurde für ein paar Schritte etwas kleiner. Neben uns zogen Langläufer vorbei. Der kalte Seewind hielt sie nicht auf. Mitten auf dem See: eine schwarze Fläche, ohne Schnee.
Damals musste ich an meinen Bruder denken, der zu Hause geblieben war. Ein paar Tage bevor ich zu Grossvater fuhr, wollten wir auf dem Parkplatz vor unserem Haus eine Eisbahn bauen. Jeden Abend gossen wir über eine gefrorene Pfütze Wasser, und während ein paar Tagen breitete sich eine rutschige Fläche aus, bis es regnete und später die Sonne kam und das Eis mit sich nahm. Mein Bruder stand vor der Pfütze und sagte: „Vielleicht hätte uns Mutter Schlittschuhe gekauft.“
„Wie weit ist es noch?“ fragte ich Grossvater. Er zeigte auf ein paar Häuser in der Ferne am Rand der Fläche. Der Wind hatte mich müde gemacht und das Weiss breitete sich Schritt für Schritt vor mir aus, wurde immer grösser, so gross, dass sich meine Füsse trotz Schuhen erkälteten. Sie waren wie schwere Klötze an meinen Beinen, zogen mich noch tiefer in den Schnee. Der Schnee erschien mir weisser, heller und stechender. Ich kniff meine Augen zusammen, Grossvater war nur noch ein Schatten vor mir. Worte hatten sich auf einmal in meinen Kopf gesetzt, es waren Worte, die der Sonne sagen sollten: „Auch wenn du mich jetzt störst, komm wieder.“ Ich hatte Angst diese Worte würden mich auf dem Weg wieder verlassen. Die Angst, etwas Geliebtes zu verlieren, kannte ich, immer schon war sie da. Dass auch Worte für mich eine solche Wichtigkeit haben können, das wusste ich nicht. Gleichzeitig wuchs in mir aber auch eine zärtliche Freude, dass sie da waren. Ich fühlte mich zu zweit.
Die Worte hatten mir den Weg verkürzt und aus den Klötzen meine Füsse frei geschmolzen. Endlich waren wir da. Zwischen eingefallenen Häusern, Ställen und Heuschobern stocherten und stelzten die Ziegen durch den Schnee. Zwei legten die Köpfe aneinander und stiessen sich durch das Gehege, bis die eine aufgab, meckernd einen Hüpfer machte und davon trottete. Neben den Ziegen pickten die Hühner Körner. Ich lehnte mich gegen den Holzzaun und notierte die Worte aus meinem Kopf heraus auf Grossvaters Stofftaschentuch.
26.3.2008
Aussteigen
Ich sitze im Zug, vor dem Fenster steht ein Mann und raucht. Er schaut mich an, dann wieder weg, wirft die Kippe aufs Geleis. Seine Lippen liegen jetzt aufeinander, zwei dünne Striche in seinem Gesicht. Dieses Gesicht will ich ausschneiden, in Buchstaben übersetzen und in einen Text kleben. Der rote Zeiger der Bahnhofuhr dreht seine Runden, die Türen schliessen sich zischend. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Der Mann bleibt auf dem Bahnsteig zurück, wird immer kleiner. Während ich mich wegfahren lasse, schreibe ich mit. Er versinkt langsam im Bahnhof, bis nur noch ein dunkler Fleck zu sehen ist.
Der Zug neigt sich zwischen den hohen Häusern, bis sie kleiner werden, sich eine grüne und später weisse Fläche um sie legt. Die hohen Häuser werden durch Berge ersetzt, deren Gipfel weiss in den blauen Himmel ragen. An kleinen Dörfern fährt der Zug vorbei, bei den grösseren, wie dem jetzt, bremst er quietschend und hält mit einem Ruck, am Bahnhof aus Holz. Auf dem Bahnsteig stehen Menschen mit grossen Taschen und Skis, ein Kind sitzt auf einem Schlitten, zwei andere werfen sich Schnee ins Gesicht. Sie steigen in den Wagen, nehmen die kühle Luft, wie das Lachen mit hinein. Zwei Kinder klettern auf die Sitze, schütteln sich den Schnee aus den Mützen und eines klatscht seine Handschuhe zusammen, ganz nah beim Gesicht des anderen. Mütter verteilen Schokoriegel oder Wurst mit Brot. Väter zeihen den Kindern die nassen Schuhe aus. Die Kinder drücken ihre Gesichter an die Scheibe, rufen „da“ oder „dort“ und zeigen mit dem Finger auf etwas, was kaum gesehen, schon vorbei ist. „Wo?“ fragen die anderen, rutschen vom Sitz, rempeln sich gegenseitig vom Fenster weg. Auf dem Polster bleiben dunkle Flecken.
Der Zug schleicht am Hang den Berg hoch, fährt in Tunnels und etwas weiter oben wieder heraus. Ich schaue nach unten, sehe die Geleise, auf denen der Zug vorher gerollt ist und frage mich, welche meiner Buchstaben dort liegen geblieben sind. Bis Tannen, mit Schnee behangen, mir die Sicht nach unten nehmen. Dicht nebeneinander stehen sie am Hang. Sie trotzen dem schweren Schnee und sehen dabei sogar aufrichtig aus.
Ich schreibe weiter, bis der Zug oben angelangt ist und ich mitten drin im Text. Dort wirft er mich hinaus mit den Worten: „Endstation, bitte alle aussteigen.“ „Das geht nicht, ich bin doch mitten drin“, will ich schreien, packe aber stattdessen Stift und Papier ein und steige aus. Neben mir stehen die Buchstaben Hand in Hand auf dem Bahnsteig.
19.3.2008
Keine Hornbrillen
Ich bin im Archiv. Nein, ich bin nicht archiviert, obwohl das manchmal ganz praktisch wäre, sondern Hunderte Nachlässe von Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Ich hoffe, hier im Archiv einen Stoff für meine Bachelorarbeit zu entdecken. Ich bin noch nie da gewesen. Es klang zu gross für mich, zu unübersichtlich. Ich fürchtete, darin verloren zu gehen, erschlagen zu werden von den Millionen Buchstaben und dem vielen Papier.
Jemand hat mir mal gesagt, mit einem roten Pullover könne ich nie verloren gehen. Also bin ich in meinen roten Pulli geschlüpft, habe mich vor der Tür nochmals laut geschnäuzt und bin eingetreten. Ich bin kritisch beäugt worden, ein Eindringling schein ich vorerst zu sein. Ich hoffe, bald „die Neue“, später „die mit dem roten Pullover“ und irgendwann eine von ihnen zu sein, zwischen Schachteln und Stapeln von Papier.
Ich setzte mich an einen freien Tisch und wartete auf die Schachtel. Das Literaturarchiv, oder zumindest das, was ich davon zu sehen bekomme, sieht nicht aus, wie in meiner scheinbar leicht romantisierten Vorstellung. Es ist nicht alt und verstaubt, es beugen sich keine drahtigen Gestalten mit grossen Hornbrillen in schummrigem Licht über Holztische. Nein, es ist hell, sauber, geordnet, als hätte sich der Raum ein andächtiges Kleid übergezogen. Und dieses Kleid hat ihm die Korrektheit mit kleinen geraden Strichen genäht. Schlicht und grau hängt es über dem Lesesaal und den Menschen darin. Ich beobachte, dass man sich erst das Einverständnis der Anderen einholt, bevor das Fenster für einen Moment geöffnet wird, natürlich nur flüsternd. Oder muss ich sagen: wispernd? Ich frage mich: wie spricht man in einem Literaturarchiv miteinander? Warum lieber korrekt, als literarisch? Und warum ist in einem Literaturarchiv die gesprochene Sprache beinahe tonlos? Oder ist es im Archiv laut, vor lauter Buchstaben und ich habe es nur nicht gehört? Darf ich mich noch schnäuzen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen und wo ist hier bitte der Papierkorb?
Der Lesesaal des Literaturarchivs ist sicher kein Ort für mich, um kreativ zu sein, aber ein guter Ort, um zu recherchieren. Ein Raum, der mich umrahmt, der dafür sorgt, dass ich nicht in die Schachteln stürze, in den Dokumenten ertrinke und verloren gehe. Ich zweifle noch daran, dass ich in dieser Ordnung stöbern, graben und entdecken kann.
Eine graue Schachtel steht verschnürt vor mir, eine von zweihundert, in welchen sich der Nachlass eines Schweizer Schriftstellers befindet. Ich öffne den Deckel und nehme einen Stapel Papier heraus. Es sind Briefe. Briefe von seiner Tochter, die oft auf Reisen war. Vater und Tochter haben sich viele Briefe geschrieben, durchschnittlich jeden dritten Tag. Ich beginne zu lesen: Es sind Worte, Sätze aus Paris, wo sie als Aupair in mehreren Familien gearbeitet hatte. Ich fühle, ich bin ein Eindringling. Die Briefe sind nicht an mich gerichtet, hier spricht die Stimme der Tochter an ihren Vater. Die Nähe und Intimität der beiden zeigt mir, wie fremd sie mir (noch) sind. Ich habe den Eindruck, diese Nähe gibt keinen Raum für jemand anderes. Aber ich will mich an diese Sprache herantasten, diese ungewöhnliche Nähe, zu verstehen versuchen, denn hier irgendwo liegt der Kern meiner Bachelorarbeit. Ich bin auch eine Tochter.
12.3.2008
Schriftsteller sind Schreiner
Was mache ich nach meinem Studium? Diese Frage taucht auf, spaziert öfters durch meine Gedanken, obwohl noch mindestens drei Semester an der Hochschule der Künste vor mir liegen. Wörter auf Werbeplakaten überall, kleben sich bald in meine Gedanken: Wir sind für sie da, wir machen mehr aus Ihrem Geld, wir machen den Weg frei... und die Frage nistet sich schleichend bei mir ein, zeichnet sich in die Gesichter, wenn ich von meinem Studium erzähle. Werden aus meiner Buchstabenmischung Brötchen?
Hätte ich besser eine Schreinerinnenlehre machen sollen, nur weil sich darunter jeder etwas vorstellen kann? Weil mein Verdienst vielleicht geregelt wäre? Als Schreinerin würde ich sicherlich physisch bald an meine Grenzen stossen. Auch beim Schreiben begegne ich immer wieder Grenzen. Der Unterschied liegt darin, dass mir die Buchstaben vertraut sind, mich das Drücken der Computertasten beruhigt, ja des Öfteren sogar glücklich macht. Dieses Vertrauen in die Buchstaben gibt mir die Möglichkeit, immer wieder aufs Neue mit den Grenzen zu spielen, sie mir genauer anzusehen, auf ihnen zu tanzen und sie sogar zu übertreten. Ein Stück Holz liegt eher unbeholfen in meiner Hand, es gibt mir keine Antwort, es schreibt nicht, es taucht kein Möbelstück in mir auf. Nein, mein Kopf beginnt Buchstaben zu Worten und Sätzen zusammen zu setzen, die das Holzstück be-schreiben. Trotzdem bin ich eine Schreinerin. Ich skizziere meine Konstruktion, suche mir einen Stoff, säge ihn aus. Später kehle und hoble ich nach der Sprache. Dann schleife ich an, zwischen und über die Worte, bohre Leerlassungen und fülle das Papier nach und nach mit Buchstaben auf.
Meine Kommilitoninnen, Kommilitonen und ich sind die ersten Studierenden in der Schweiz, die mit „Bachelor of Arts in Literarischem Schreiben“ abschliessen werden. Es gibt keine Erfahrungswerte, mit welchen ich meine Sorge, die sich manchmal wie ein Nebel unvorhersehbar um mich legt, auflösen kann. Nach meinem Studium gibt es jedoch Türen, die ich mit viel Eigeninitiative, Selbständigkeit und Wille aufmachen kann. Und wenn ich auch nicht auf direktem Weg zu meiner nächsten Türe finden sollte, weiss ich, dass das Schreiben meine Sicherheit ist. Es ist immer da, es wartet und bisher bin ich stets zu ihm zurückgekehrt.
Zugegeben, es ist nicht gerade ermutigend, immer wieder mit der Tatsache konfrontiert zu werden, wie schwer es ist, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, zu hören, dass Autoren, deren Bücher ich mit Vergnügen lese, Dennerbier im Kühlschrank stehen haben. Aber das hält mich nicht auf, ich schreibe und studiere trotzdem, weil mir sonst die Bewegung, die Lebendigkeit, ein Stück Glück im Leben fehlen würde, und weil ich schreiben will, muss. Also bin ich weiterhin eine Buchstaben-Schreinerin.
05.3.2008
Erinnerungen
Kindheitserinnerungen trage ich in meinem zweiten Studienjahr mit mir herum. Sie sind Grundstein einer Erzählung, an der ich seit September schreibe, sie schwimmen mit mir im Schreibfluss. Aber ich habe keine Kindheitsfotos in meiner Brieftasche. Irgendwann habe ich sie in eine Mappe gelegt. Manchmal öffne ich die Mappe, kippe sie und lasse die Fotos auf den Boden fallen. Da liegen sie zu meinen Füssen, die Bilder meiner Vergangenheit, neu gemischt. Es ist ein neuer Anblick entstanden. Ich erschrecke und frage mich, ob das wirklich ich bin, auf den Fotos und suche vergeblich nach einer Erinnerung, um die Bilder zu ordnen. Gerade diese andere Ordnung im Schreiben ist es aber oftmals, die mich daran erinnert, dass ich da bin, dass ich lebe. Wie aus dem Nichts tauchen Bilder auf, weit weg von den Fotos und doch aus meiner Kindheit. Sie stehen plötzlich da, auf dem Blatt Papier, bringen mein Schreiben in Fluss, und ich bemerke oft erst viel später, dass sich eine Erinnerung in meinen Text eingeschrieben hat. So ist das Schreiben nicht ein Aufschreiben von Erinnerungen, sondern ein Versuch, die Möglichkeit des Wiedererkennens dauerhaft zu machen.
Seit ich an der Erzählung arbeite, schreiben sich die Erinnerungen nicht mehr so zahlreich unbemerkt in meine Texte ein. Vielmehr lassen mich gewisse, meist kleine Erinnerungsstücke nicht mehr los. Sie kreisen tagelang in meinem Kopf herum, bis ich sie aufschreibe. Sobald ich damit beginne, verselbständigen sie sich, entfernen sich von mir und werden zu einem Konstrukt. Erinnerungen sind zu einem grossen Teil bereits ein Konstrukt. Somit ist die Erinnerung, die ich aufschreibe das Konstrukt eines Konstrukts. Ich stelle mir immer wieder die Frage, welche Erinnerung meine Erinnerung konstruiert hat, und wie sie sich in den Jahren verändert.
Seit ich mich mit Kindheitserinnerungen beschäftige, habe ich das Gefühl, dass einerseits eine Annäherung an meine Kindheit, gleichzeitig aber auch eine Entfernung von ihr stattfindet. Wenn ich zurück schaue vom Heute bis in meine Kindheit, liegen viele jüngere Erinnerungen und Erfahrungen auf dem Weg. Schaue ich nach vorne, erahne ich das Unbekannte und Unerfahrene, wovon einiges irgendwann zu meinen Erinnerungen gehören wird. Jeder Moment, den ich erlebe, kann irgendwann eine wertvolle Erinnerung für mein Schrieben sein. So wächst meine Stoffsammlung Tag für Tag.
In meinem Schreiballtag bin ich meistens tagsüber alleine am Schreibort und kehre erst abends nach Hause zurück. Oft müde von den Worten, den Sätzen, dem Gehen in den Schuhen meiner Figuren durch die Textwelt, schlüpfe ich unter die Musik- oder Bettdecke. Gelegentlich habe ich Zweifel, frage mich: Entstehen im Schreiballtag überhaupt Erinnerungen, die sich in meine Stoffsammlung einreihen können? Oder besteht die Möglichkeit, vielleicht auch die Gefahr, dass ich irgendwann beim Schreiben nicht mehr auf meine Erinnerungen zurückgreife, sondern auf jene meiner Figuren?
27.2.2008
Ticken
Heute will ich über das Schreiben schreiben, nur über das Schreiben. Und falls ich abzuschweifen drohe, sagen Sie es doch bitte. Sie werden damit nicht meinen Schreibfluss unterbrechen. Ich bin ja kein Wasserhahn, den man auf- und zudrehen kann.
Vielleicht liegt meinem bisherigen Bloggen über Erlebnisse, in denen ich nicht schreibe, eine simple Tatsache zugrunde: das Tippen oder auf Papier Kritzeln macht den kleineren Teil des Schreibens aus. Am meisten schreibe ich im Kopf - ja, man könnte sagen: dort schreibe ich eigentlich ständig, sogar wenn ich schlafe. Naja, zugegeben, nicht immer, aber manchmal. Wobei ich das so sicher nicht sagen kann, weil: schlafe ich, schreibe ich nicht, zumindest nicht sichtbar. Mitten in der Nacht wache ich jedoch auf und habe Worte, Sätze in meinem Kopf, die ich auf Zettel notiere, im Dunkeln. Meine Schreibuhr versteht sich nicht so gut mit der Träumerinuhr. Sie ist eigenwillig und je mehr ich meinen Tagesablauf nach ihr richte, desto sturer wird sie und manchmal tickt sie mich richtig aus.
Sobald ich am Morgen vor meinem Laptop sitze, auf dem Tisch die Stapel Zettel, die Bücher ihre Ordnung gefunden haben und meine Schreibkerze brennt, schlüpfen die Worte in meine Hände und ich komme kaum mehr nach mit Tippen. Ich versuche möglichst lange an nichts anderes zu denken, als an meinen Text, um im Schreibfluss zu bleiben, keine Worte zu verpassen oder gar welche zu vergessen. Meine Fingerspitzen rasen über die Tasten, bis irgendwann die Schreibuhr aufhört, zu ticken und ich wieder auftauche aus dem Text, auf die Uhr schaue: zwei Stunden sind vergangen.
Manchmal, besonders im Winter, besteht die Gefahr, meine Schreibuhr zu verärgern, wenn ich den Morgen und damit tausende von Buchstaben verschlafe, weil meine Träumerinuhr stärker ist. Meine Schreibuhr zeigt sich dann nur selten versöhnlich. Ich quäle mich vor dem Laptop, versuche die Sprache in mir zu wecken, aber die scheint jetzt zu schlafen und meine Gedanken kreisen in allen anderen Welten, nur nicht in der Textwelt. Zum Glück tickt seit Semesterbeginn meine Schreibuhr laut und regelmässig. Die beiden Uhren sollten eigentlich miteinander befreundet sein. Ich versuche die zwei zu einer zu verschmelzen und dies gelingt mir besser, seit die Träumerinuhr nun gerne morgens der Schreibuhr zu liebe leiser tickt: oft vergesse ich alles um mich herum. Ich vergesse, wo ich bin, wer ich bin, vergesse, dass ich nicht der Text bin. Gerate ich ins Stocken, lese ich mir das bereits Geschriebene vor, damit ich wieder den Rhythmus höre, den Fluss des Textes spüre. Die Worte finden fast von alleine den Weg aus meinem Kopf. Wenn ich nach einigen Stunden etwas geschrieben habe, Text entstanden ist, dann verlasse ich meinen Schreibort oft beschwingt und in den letzter Zeit, irgendwie verliebt in die Buchstaben.
20.2.2008
Magdeburg
Kaum aus der Grippe aufgetaucht, fliege ich nach Berlin. Berlin, klingt gross, vielleicht zu gross für eine wie mich, aus einem kleinen Nest, das niemand kennt. Ich fliege aus der Nacht zuerst über und später in eine Fläche aus hellen Punkten hinein.
Vor dem Flughafen drehe ich mich nochmals um, schaue zurück, „Berlin Schönefeld“ steht in grossen Leuchtbuchstaben über dem Eingang des Gebäudes.
Später im Zug: Rucksacktouristen, Frauen mit grossen schwarzen Handtaschen, Männern mit Fahrrädern zwischen den Beinen, bärtigen Herren und Mädchen mit kreischenden Haarfarben und irgendwo ich. Kaum entleert sich der Zug, füllt er sich wieder, bis ich nach einer Ewigkeit aus Berlin herausfahre. Auf Schildern lese ich seltsame Namen an schummrigen Bahnhöfen in der Nacht. Und immer wieder, erklingt die seichte Stimme: „Meine Damen und Herren, wir treffen in... ein. Aussteig rechts bitte.“ Ich fahre weiter bis zur Endstation, nach Magdeburg. „Magdeburg, was willst du dort? Magdeburg, wie hässlich! Was gibt es da zu sehen? Du solltest nach Berlin fahren!“, tönte es von allen Seiten, als ich von meinen Plänen erzählte. Ich weiss nicht, ob ich mich freuen soll auf Magdeburg, eine Stadt, von der man behauptet, sie sei hässlich. Aber in Magdeburg wohnt Jan, studiert dort. Er ist ein Freund von mir, ein schreibender Medizinstudent. Und auch wichtig, ich fahre nach Magdeburg, um den Abstand zu meinen Texten zu vergrössern, um die Tapete zu wechseln. Ich will die alte abreissen und eine neue hochziehen. Wenn ich zurück bin, werde ich auf die neue schreiben, beginnt das vierte Semester „literarisches Schreiben.“ Ich habe Pläne gemacht für Magdeburg: Mit Jan Teetrinken, mich für ein paar Euro ins Kino setzen, in seinem Romanmanuskript lesen, lachen, faulenzen im Wohnheim, in der Mensa der Uni fades Essen in mich reinstopfen, zwischen zerfallenen und neuen Häusern umhergehen, fotografieren, schreiben, mit Jan und seinen Kommilitonen in der Bibliothek sitzen... mich in einen Alltag werfen, mal etwas ganz anderes sehen. Ja, ich will anders sehen, wieder sehen. Meine Welten sind etwas durcheinander geraten in letzter Zeit: Meine Umwelt, die Welt in mir drin und meine Schreibwelt.
Jan steht auf dem Bahnsteig, er kommt langsam auf mich zu, begrüsst mich, nimmt mir den Koffer aus der Hand. Er lächelt mich an, aber Melancholie hat sich während den letzten zwei Jahren in sein Gesicht gelegt.
Mit der Strassenbahn fahren wir durch Magdeburg an den Stadtrand. Die Strassenlampen werfen ein flüchtiges Licht auf einen Ort, den ich nicht kenne. Dunkelheit macht zwischen hässlich und schön keinen Unterschied. Im Wohnheim, einem alten Backsteinbau, riecht es nach Krankenhaus. Ich frage mich, ob ich diesen Geruch die nächsten Tage ertragen kann, ihn irgendwann nicht mehr riechen werde, während wir den langen Flur zur Wohnung entlang gehen.
Ich lese in Jans Romanmanuskript, Bilder steigen in mir hoch, Bilder, für die ich eigentlich zu müde bin. Als ich später versuche, einzuschlafen, bleiben die Bilder vor meinem inneren Auge. Also schreibe ich, notiere Sätze, einzelne Worte. Und wieder gibt mir das Schreiben ein Zuhause, vielleicht auch ein wenig Schutz gegen den grenzenlosen Raum der Welt. Eine Welt, in der alles Sichtbare das Ergebnis eines unwiederholbaren flüchtigen Zusammentreffens ist.