01.3.2008

Geldsorgen

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, seine Geldsorgen mit eitlen Phantasien zu bekämpfen.

2006 und 2007 waren keine fetten Jahre. Schreibend geht man Risiken ein und nicht immer ist’s einfach, sich selbst oder mögliche Mäzene vom Erfolg einer Idee zu überzeugen. Man braucht Durchhaltewillen und den Glauben an die Idee und an sich selbst. Man hat schlaflose Nächte, weil man nicht weiss, wie man zu diesem oder jenen Zeitungsauftrag kommen soll. An Weihnachten verkauft man zwar ein paar Bücher, aber auch die Diebstähle nehmen zu.

Wird junge Literatur ausreichend unterstützt? Zumindest nicht von den Banken. Kulturschaffende sind leider uninteressant für die Banken. Es gibt keine Kredite wie für andere Jungunternehmer oder Geschäftstreibende. Nicht einmal die Bewegungsfreiheit, die eine Kreditkarte bietet, will man ihnen einräumen.

Ich lebe in billigen Zimmern. Trinke Dennerbier. Die Bücher gehören der Stadtbibliothek. Die wenigen Kleidungsstücke, alle von der Firma Hennes & Mauritz aus Norwegen, lassen sich über einen Stuhl werfen. Gäste sitzen auf der Bettkante. Die Kinder kosten weniger als befürchtet, noch sind keine Rechnungen für Mal- und Reitunterricht zu begleichen. Den Internetanschluss bezahlen die Wohnkollegen. Die Gleichstellung befreit mich davon, für jedes Nachtessen aufzukommen, wenn die Gefährtin und ich ausgehen. Der Lebenszweck von eher kontemplativen Schriftstellern scheint ganz entschieden darin zu liegen, nicht für Geld zu schreiben.

Der Schweizer Buchmarkt ist eng. Selbstverständlich wünschte ich mir mehr Erfolg im Ausland. Ich bin für Internationales immer zu haben. Würde ich allerdings in Österreich plötzlich gelesen, müsste ich mich fragen, ob Franzobel, Schneitter oder Köhle dermassen abgegeben haben, dass man nun auf mich zurückgreifen muss.

Mein Umgang mit Geld – wenn ich Rechnungen auszustellen habe, tue ich es viel zu spät, oder ich tue es so, dass sich niemand verpflichtet fühlt, zu bezahlen. Ich lasse mich anpumpen von Menschen, die mehr Geld haben als ich selber. Ich wage nie, den vollen Wert für meine Arbeit zu verlangen, aus Furcht, man könnte mich für habgierig halten. Ich wäre gern ein Sparer, Kleinanleger. Jedoch hat ein Mann mit einer höchst beschenkungswürdigen Gefährtin kaum Möglichkeiten, Geld zur Seite zu legen. Ist der Weg der Liebe nicht ohne Gefahr, so ist er noch viel weniger umsonst. (Zudem ist „He never kissed an ugly girl“ eine überzeugendere Grabinschrift als „Jährlich 11 % Rendite“.)

Was täte ich, wenn ich unvermuteterweise einen Bestseller landete? Auf dem Schreibtisch eine Schreibtischgarnitur mit der Aufschrift Danke Mutter! platzieren. Beim Lavabo Handtücher mit Mutter! Auf dem Leintuch im Bett gestickt: Grossmutter! Auf der Matratze Grossmutter väterlicherseits! Auf den Tüllgardinen Urgrossmütter allerorten! Auf den alten Möbeln mit Samtpolstern. Sachen, die ich ganz gerne hätte: Vergoldete Stühlchen. Armspangen. Kreditkarten. Erstausgaben – mit einem Autör einen doppelten Schilten gegen einen Fernen Klang tauschen. Luxusbetten nach italienischen Modellen. Mit einem Löwengespann durch die Strassen fahren. Christoph Simon studiert einen Plan seines Anwesens, um zu sehen, wie es sich günstig umgestalten liesse: Hier eine Hecke zuschneiden, dort einen Horizont erweitern, etwas Dünger, ein paar Grassamen, Kies für den Spazierweg, einen Gartenschlauch und einen Rasenmäher, und schon hat er ein Vermögen verpulvert. Punkt zwölf Uhr entzündet die Gefährtin das Pulver und löst in der Kanone einen Böllerschuss aus. Auf, zum Mittagessen. Mahlzeiten ersetzen Snacks. Spitzenwein ersetzt Dennerbier. Ein Fiat Cinquecento ersetzt die Einlegesohlen. Passanten, die den Wagen vorbeirollen sehen, will ein Blick ins Innere nicht gelingen. Dichte Seidenvorhänge.

„Im Ernst: Was würdest du mit einer Million Franken anfangen?“

Spenden für Kinder in Not. Kinder sind unser aller Zukunft und jedes Kind verdient eine Zukunft.

„Und mit dem Rest der Million?“

Mit welchem Rest?

„Einen Urlaub mit Mutter und Grossmutter?“

Kinder in Not verschlingen soviel. Da bliebe nichts übrig für einen Urlaub.



Kommentare

epices6 - epices6 [at] yahoo.com
2008-03-01 05:29:13

Sie lassen sich hier über ein sehr schwieriges und ernstes Thema gelassen-humorvoll aus: wie können SchriftstellerInnen ohne schlaflose Nächte durch Schreiben ihr Brot (Bier) verdienen? Der “Literaturbetrieb” ist eine harte Branche (und war es immer schon), ohne zusätzliches Einkommen aus einem “Brotberuf” (haupt- oder nebenberuflich) ist das Einkommen unsicher und tief. Wo die Aufträge holen? Bei den Zeitungen? Wie viele haben noch ein anständiges Feuilleton und bezahlen ordentlich? Andere Genrewahl? Vielleicht Kinder – oder Jugendbücher schreiben? Science Fiction? Krimis (wie drei der in diesem Blog vertretenen AutorenInnen dies tun)?

Unterstützt man junge Literatur genug? Ich kann es nicht beurteilen. Frühere Blogs hier waren kritisch gegenüber Pro Helvetia und anderen Organisationen, deren Zweck die Unterstützung von “Kulturschaffenden” ist. Kann man sich andere Förderungsinstitutionen vorstellen? Soll der Markt, soll das Lese-Publikum entscheiden?
Ich hatte mir vorgenommen, nie wieder Gedichtbände zu kaufen, die von EnglischprofessorenInnen geschrieben wurden – ich glaube jetzt, dieser Entschluss war zu harsch.

Nach dem Lesen dieses Beitrages glaube ich, Sie sind ein guter Satiriker/Komiker (ein einträgliches Genre). Mir gefallen die “eitlen Phantasien”, mit denen Sie der gefühllosen Philisterwelt entgegentreten: mit Löwengespann und böllernder Kanone!

Noch etwas: ich kann zwar kein Mäzen sein (obwohl ich gerne einer wäre), aber ich bin bereit, für eine Qualitätserhöhung Ihres Biers aufzukommen – besonders jetzt, wenn interessante Kleinbrauer sich tapfer gegen die die fade Lagerbierschwemme in der Schweiz stemmen. Jetzt trinkt man sogar Biere der Jura Brauerei Brasserie
des Franches-Montagnes in meiner Philly neighborhood. Adresse = Bier retour!


Erich Buol - erich.buol [at] bluewin.ch
2008-03-01 07:41:11

... und was ist jetzt mit mir? Warum sitze ich stundenlang, ja nächtelang vor meinem schwarzen Mac, mit gläsernen Augen, einem gut gefüllten Glas Rotwein und lasse durch meine Gedanken die Finger auf der Bühne die das (Literatur)Leben bedeuten, tanzen? Doch wohl einzig um irgendwann in den (Literatur)Himmel getragen zu werden von Lesern, Kritikern und Verkaufszahlen. Jetzt wird mir in so grausamer, offener und alles zersetzender Weise die Realität vor Augen geführt dass ich beinahe schon den SBB-Fahrplan lese um den kürzesten Weg in den Himmel (ohne Literatur), schnellstmöglich finden zu können. Oh je. Wie sagte doch Stephen King: Ich schreibe so lange, wie der Leser davon überzeugt ist, in den Händen eines erstklassigen Wahnsinnigen zu sein. So öffne ich den Deckel meines Laptop auf ein Neues und lasse die Finger weiter tanzen...


Petra - petra [at] hotmail.com
2008-03-01 15:10:25

Wer dermassen schlecht schreibt, sollte sich die Veröffentlichung einigermassen peinlicher Geldträumereien qua schrifstellerischem Erfolg versagen. "Man kann ja auch eine Schreinerlehre machen" (E. Keller).

Whining Dog9
2008-03-15 23:47:07

Depression Hurts - Cymbalta can help:
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