19.4.2008

Fragen

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, Fragen an ihm persönlich unbekannte Literaturbloglesende zu richten, die ihm, wie er hat erfahren dürfen, gern und bestimmt Antwort geben.

Liebe Literaturbloglesende:

Abgesehen von den scharfen Kanten, an die man stößt – ist die Welt sonst gut und warm?

Wurden Sie rasch, angenehm und gründlich in der schönen Literatur gebildet, zu guten Sitten geführt, mit Frömmigkeit erfüllt? Wurde Ihnen die Poesie mit Beispielen aus den mathematischen und chemischen Künsten dargetan? Oder waren Eichen und Buchen Ihre Lehrerinnen, indem Sie in den Wäldern sich ergingen und studierten?


Bei welchem Filmemacher, bei welcher Buchautorin, bei welcher Musikgruppe sind Sie daran interessiert, dass diese Geheimtipp bleiben, und dass Sie zu den wenigen gehören, die den Tipp kennen?

Welchen Büchern verdanken Sie Nachdenklichkeit?

Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, von denen Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie Ihnen nie etwas Interessantes erzählen werden?

Wo verstecken Sie intime Aufzeichnungen? Hinter dem Spiegel?

Wen haben Sie wider Erwarten nie mehr wiedergesehen?

Schämen Sie sich, wenn Sie sich den Inhalt von Büchern und Filmen nicht vergegenwärtigen können?

Was wissen Sie über Mikrophone, Smartphones, Wanzen und Menschen, die Sie aus dem Lieferwagen vor Ihrem Haus mit Feldstechern überwachen?

The traveller arriving with nothing – wieso gibt’s keinen „swiss way of life“, keine vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichtentradition in der Schweizer Literatur? Weil es hier nie ein Asylant zum Millionär bringt?

Welche Bücher und Zeitschriften halten Sie hinter Schloss und Riegel?

Welches Verbrechen sind Sie willens, baldmöglichst zu wiederholen?

Konsumieren Sie Medikamente unter- oder überdosiert?

Fürchten sich die Menschen im Dunkeln vor Ihnen? Löschen Sie das Licht und sagen Sachen wie „die Zahl Null existiert nicht“, oder „im Jahre 7515 seit Anbeginn der Welt“?

Legen Sie Reissnägel auf die Straße, damit Fahrradreifen sich dran wund schneiden?

Wenn Sie sich einen Revolver in den Mund steckten, um sich, wie man so treffend sagt, „das Hirn wegzupusten“, würden Sie dann den Lauf nur so leicht mit den Lippen umschließen, oder mit den Zähnen darauf beissen? Erwarten Sie Metall- oder Schmierfettgeschmack im Mund?

Sehen Sie Zusammenhänge, wo Menschen in Ihrem Umfeld keine sehen? Wuchert zum Beispiel der Holunder am niedergetretenen Zaun, weil Großmutter einen Apfel schält? Quietscht das Gartentor, weil die Kreidezeichen am Schuppen verwischt wurden? Wächst Moos über die Steine, weil Sie ein Angebot ausgeschlagen haben? Schwimmen die Fische bauchoben im Teich, weil Sie freihändig fahren?

Müssen Sie im Kino immer ganz schief sitzen, um dem Knie der Nachbarsperson zu entgehen?

Liebe Literaturbloglesende: Zu welchem Zweck geboren? Um auszusprechen, was keiner hören will? Um Jahreszahlen und Ereignisse von sich zu geben, wie man’s gelernt hat, und als Genie bezeichnet werden? Um zu sehen, wie die Menschen einander umbringen? Um die Dinge, nach denen man sich sehnt, nicht zu bekommen? Um als grosser starker Mann auf dem Meer Wellen zu reiten? Um eine Medaille zu bekommen und sagen zu können: „Ich habe hart dafür trainiert“? Um den eigenen Namen falsch ausgesprochen zu hören? Um die Hand über die Bettkante zu hängen, und der Hund spielt mit ihr?

Machen Sie die Wörter „gottverdammt“ und „Mutterficker“, einmal nicht als Schimpfwörter gebraucht, verlegen?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.



12.4.2008

Fahrprüfung

[ Christoph Simon ]

Fahrprüfung

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, mit 35 Jahren Kulturtechniken zu erlernen, die andere seit Beginn ihrer Volljährigkeit ausüben. Etwa die Steuerung eines Personenkraftwagens.

Vergangenes Wochenende. Serge platzte herein und wir unterzogen ihn einer eingehenden Musterung: Der sturmartige Regen hatte seinen blauen Anzug in eine dunkle Lache verwandelt. Seine Augen hatten den stoisch-gedämpften Blick eines Mannes, der soeben erfahren musste, wie relativ alles sein kann: Der rasche Sprung über die Strasse, die Dienste eines Regenschirms, das kurze Warten beim Kebabstand an der Ecke. Serges Brust wogte auf und ab wie die Brust eines Schiffbrüchigen, der sich mit letzter Kraft an Land gerettet hat.
Marianne wollte ihm die nassen Kleider ausziehen, aber Serge lehnte ab und verteilte die Zwischenverpflegung, während er für sich einen Whisky verlangte. Ich sah Marianne und Florian einen bedeutungsvollen Blick wechseln, der das Thema aufzunehmen schien, das wir in Serges Abwesenheit diskutiert hatten: „Serge hat ein Alkoholproblem.“ „Nein, echt?“ „Total.“ 
Was uns verband – Florian, Serge und mich – und in Mariannes Wohnzimmer führte, war unsere Sorge um die Zulassung als motorisierte Strassenverkehrsteilnehmer. Wir würden ein zweites Mal zur praktischen Prüfung antreten müssen, was aber nicht unsere eigene Schuld war: Aus Trägheit oder Unaufmerksamkeit hatte Fahrlehrer Christof Meyer (Mit Meyer-Stöff zu Charä u Töff) uns nicht darauf hingewiesen, dass unsere Leistungen auf der Strasse unter dem staatlich erwarteten Schnitt lagen. Bei der Fahrprüfung wurde dann tüchtig gesiebt, und Florian, Serge und ich machten angesichts des bevorstehenden zweiten Anlaufs und der drohenden Schande eines abermaligen Versagens schwere nervöse Spannungen durch. Marianne hatte keinen Führerausweis, kannte jedoch Mittel gegen nervöse Spannungen. Florian hatte behauptet, was Marianne über Verspannung und Entspannung wisse, könne man niederschreiben und in einen Zügelanhänger der Kategorie E legen, aber bestimmt bleibe dann kein Platz mehr für „auch nur ein einziges Tassli“. Serge und ich waren von Mariannes Fähigkeiten überzeugt, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatte, sie uns zu demonstrieren.
Wir verpflegten uns, Serge tropfte verdrossen Regenwasser auf Stuhl und Fussboden und Marianne munterte ihn auf. „Das nächste Mal, wenn du Kebab holst, brauchst du sicher nicht mehr zu Fuss zu gehen. Also, meine Herren“, sie wandte sich an alle, „wir setzen die Sitzung mit Atemübungen und korrekter Haltung fort, gehen später über zu Konzentration und Selbstvertrauen und zur Frage der richtigen Einstellung.“
Wegen einer heftigen Erkältung, die sich zu einer regelrechten Lungenentzündung auswachsen sollte, fehlte Serge die letzte Sitzung am Mittwoch. Florian und ich blieben bei der Sache und gestern Abend, vor der Prüfung, schlangen wir die Arme umeinander und sangen „Stay on the road“.
Bei der heutigen Prüfung war ich so gelassen und selbstbewusst, dass ich das Auto wie ein alter Profi durch die Strassen lenkte: Eine Hand am Steuer, die andere aus dem heruntergekurbelten Fenster baumelnd, während ich den Prüfer belehrte hinsichtlich Atmung, Konzentration und einer erfolgversprechenden Lebenseinstellung. Als wir in Meyers Fahrschule zurückgekehrt waren, herrschte eine eigentümliche Stimmung im Wagen, die erst greifbar wurde, als der Prüfer von mir Satisfaktion verlangte. (So sehr ich Gewalt verabscheue, irgend etwas im Gebaren des Prüfers veranlasste mich, auf seine Forderung einzusteigen. Wir würden uns also duellieren, morgen Sonntag um fünf Uhr früh im Bremgartenwald, wo ich ihm mehr durch Zufall und mit vollstem Bedauern eine Kugel ins Herz schiessen werde.)
Auch Florian ging, wie er telefonisch bestätigte, die heutige Fahrprüfung unter besten mentalen Voraussetzungen an. Souverän habe er vor Fussgängerstreifen gebremst, die Spuren konzentriert gewechselt. Er habe korrekt geblinkt, als er in die Einbahnstrasse gebogen sei. In ihre Sitze gepresst, hätten Florian und sein Prüfer aufs Gehupe eines entgegenkommenden Wagens gehorcht und die folgenden Wochen würden sich die beiden mit Basics wie aufrechtem Gang und selbständig Essen beschäftigen.
Serge hingegen meldete sich lungenkrank, angstgeplagt und kaum nüchtern zu seiner Prüfung – und bestand. Das kommt so unerwartet, dass ich mich gar nicht für ihn freuen kann. In ein paar Tagen, wenn ich Serge in einem fabrikneuen whisky-goldenen Smart vorbeifahren sehen sollte, werde ich bestimmt weinend zusammenbrechen, vor dem Kebab an der Ecke, im prasselnden Regen.

 



05.4.2008

Hemmung

[ Christoph Simon ]

An manchen Tagen schreibt der Berufsschriftsteller. Hindert ihn keine Schreibhemmung daran.

Donnerstag Morgen. Ich starre auf den Bildschirm und überlege angestrengt, nach welcher mathematischen Formel die Buchstaben anzuordnen wären, damit ein literarisch überzeugender Eindruck entstände. Dann verbringe ich die Zeit damit, auf einer mechanischen Schreibmaschine alle Zahlen von eins bis fünfhundert zu tippen. Am Ende füllt das beinahe 30 Seiten. (Ich bin ein Muster von einem Arbeitgeber. Ich stelle keine Tippsen ein, die ich unterbezahle und ausbeute. Leider kann ich kaum Maschinenschreiben. Schauen Sie, so tippe ich: Zeigfinger. Als Tippse wär ich schwer zu plazieren.)
Den Mittag verbringe ich in der Buchhandlung meines Vertrauens und betrachte die Flut der Neuerscheinungen. Bei fast jedem neuen Buch der nackte Rücken einer Frau als Titelbild, und innen überall dieselbe gesichtslose Typografie – wenn man die Titelblätter abreisst, weiss man schon nicht mehr, in welchem Verlag man sich befindet. Die Bücher sind lieblos hergestellt, die Ränder ungleichmässig breit. Rowohlt überträgt das k vom ck auf die nächste Zeile, Suhrkamp trennt „Erlaucht“ in „Erl“ und „aucht“. Um einen Text zum Roman aufzublasen, setzt ihn Fischer in einer so grossen Schrift, dass das Buch auch im Winter nördlich des Polarkreises noch lesbar wäre. Ich wünsche, dass Verlegern dafür die Hände abfaulten.
Am Nachmittag beginne ich die Meisterwerke der Weltliteratur zu berichtigen. Cendrars Signatur des Feuers, die ich streckenweise unvollkommen finde. Ich mache mich ans ausbessern, lasse schwache und unnütze Dinge verschwinden und füge neue Schönheiten hinzu. Dann gebe ich einem verkannten Autorenkollegen Ratschläge, welche Schritte erforderlich seien, um sich für den Nobelpreis ins Rennen zu bringen. Ich erwäge, auszuwandern, da ich mich für viel zu begabt halte, als dass ich in einem Land mit begrenzter Leserschaft bleiben könnte. Es kommt so weit, dass ich mich per Internet für Speditionsjobs in Hongkong bewerbe – die Schreiberei habe ich aufgegeben. Aber um neun Uhr an der Bar im Luna Llena beginnen die Menschen sich zu benehmen, als ob sie trotz meiner Weigerung zu schreiben weiterleben würden. Zerknirscht gehe ich ins Atelier zurück. Was nichts an der Schreibhemmung ändert.
Am nächsten Tag vermindere ich das Rauchen, halte eine fett- und alkohohlarme Diät ein und erhöhe die Anzahl Spaziergänge pro Stunde. Versuche dabei, mir die Dinge, die ich auf dem Spaziergang sehe, höre, rieche, einzuprägen. Irgendwann bin ich so damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu notieren, Beschreibungen von Dingen festzuhalten, bevor sie mir verloren gehen, dass ich die Blockade schlicht vergesse.
Im Atelier erwäge ich, die gesammelten Klangeindrücke (Wind, Tierlaute, plätschernde Wasser, verschiedene Sprachen) mit historischem Material zu mischen – Cleopatra beduftete die Segel ihres Schiffes, damit Caesar sie schon aus grosser Entfernung begehrte. Liesse sich daraus nicht eine berauschend poetische Kurzgeschichte deichseln? Ich erzähle dem nobelpreiswürdigen Kollegen davon.
Mit dieser unnatürlich hohen, Begeisterung heuchelnden Stimme, mit der man gewöhnlich den im Sandkasten gebackenen Kuchen Dreijähriger probiert, sagt er: „Mhm! Entzückend, eine bezabernde Idee, wirklich!“



29.3.2008

Berufswunsch

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen nicht darin zu schreiben, sondern sich auf Anregung von Literaturbloglesenden nach einem anderen Beruf umzusehen.

Ich studierte zwei Jahre Psychologie und schlug mich dann mit diversen Jobs durch, bevor ich vom Schreiben leben konnte. Ich diente als Laufbursche im Schuhgeschäft. Als Putzer bei einem Ikonenmaler. Als Tellerwäscher auf einem Flussdampfer. Ich schlug mich als Lumpensammler, Brezelbäcker, Nachtwächter, Vogelsteller, Hafenarbeiter, Schiefertafelschnitzer durch, beständig von geistigem Hunger geplagt. Wenn man mir sagte, dass ich nicht alle paar Wochen die Arbeit wechseln könne, antwortete ich: „Schlagt mich tot, wenn ihr wollt, aber weiter hier arbeiten kann ich nicht.“Ich arbeitete auf der Paketpost, in einem Museum. Auf einer Bank, verliess das Kopiergerät mit folgenden Einstellungen: 200% vergrössern, A3 Papier, 99 Kopien. Es ist schwierig, sich immer zu beherrschen.

Ein Schweizer ohne abgeschlossene Ausbildung. So ist das. Markus Beutler sagt, eine Ausbildung sei das Einzige, das erhalten bleibe, wenn es mal Wirbelstürme in der Welt gäbe. Bis jetzt wurden mir keine Wirbelstürme verderblich.

Was aber, wenn ich erblinde oder wenn die Quelle der Eingebungen versiegt? Wenn ich enttäuscht feststellen muss, dass ich als Schriftsteller meiner eigenen Zielsetzung nur in begrenztem Mass gewachsen bin? Falls ich das Schreiben einmal aufgeben muss, was für einen Beruf beabsichtigte ich zu ergreifen?

Erlebnispädagoge wäre ein Beruf nach meiner Vorstellung – Kinder, das war märchenhaft schön, den ganzen Vormittag sind wir im Segelboot gesessen und haben uns treiben lassen. Oder Bundesrat – bewimpelte Perrons und die Trommelwirbel der Ehrenkompanie. Oder wie Thierry Henry im Auftrag der UNESCO als Botschafter des Fairplays in viele Länder reisen. Nur glaube ich nicht, dass ich für das alles als Studienabbrecher qualifiziert bin.
Vielleicht aber: Verkehrsplaner für den Kanton Aargau? Oder scheuer Strassenmusikant? Missionar unter primitiven Völkern? Als Goldsucher nach Honduras? Ein schneidiger Fliegerleutnant mit schmalem Bärtchen? Metzgermeister in Vaduz? Einen Club zum Schutze verirrter Alpinisten gründen? Pulswärmer für die Armen stricken? Mit meinem Verleger ein paar Steinbrüche in Brasilien kaufen, wo wir Marmor und Granit abbauen? Oder wie in Peter Bichsels Geschichte im Milchmann: In einem Blumenladen stehen, mit grüner Schürze und Nelkenlächeln. Wie Paul Nizon in Paris: Ein verkappter Bourgeois, der ein Croissant in seinen Café au lait tunkt. Archivar im Schweizer Literaturarchiv: Die aus den Relikten Traugott Vogels zu ziehenden Folgerungen den Massen laufend zur Kenntnis bringen. Oder wenn ich körperlich und geistig zu schwach wäre, um Bohnenpflücker oder Erbsenschäler oder Cronopium zu sein: Draussen auf einer Parkbank, mit Zeitungen zugedeckt, Clochard Simon.

Cronopium?

Cronopien sind eigentümliche Figuren Julio Cortàzars. Cronopien tanzen Espera. Cronopien ziehen jedesmal, wenn sie eine Schildkröte treffen, die Schachtel mit Farbkreide aus der Tasche und malen auf den runden Schild wie auf eine Tafel eine Schwalbe. Wenn ein Löwe ein Cronopium fressen will, sagt das Cronopium sehr traurig, aber mit Würde: „Nun gut.“



22.3.2008

Bern

[ Christoph Simon ]

Vielleicht kann man gut an Bern vorüber fahren, ohne etwas zu verpassen. Vielleicht drückt sich aber in dieser Behauptung nur die herkömmliche Ansicht des Zürcher Weltbürgers aus, für den in Bern zu leben gleichbedeutend mit Verbannung wäre.

Ich fühle mich hier wohl. Ich glaube an die von Experten verbreitete Theorie, derzufolge sich ein Schwingungsfeld, ungefähr fünfzig Kilometer breit und dreihundert Kilometer lang, unter dem Erdboden von Niederbipp am Jurasüdfuss über Bern, Innertkirchen, Vaduz bis Zirl in Tirol hinzieht. Menschen in dieser Gegend werden von einem energetischen Strom belebt, sie sind erfinderisch, zuversichtlich, wach bis überschwänglich und sterben früh. Kreislauferkrankungen durch unermüdliches Spazieren kommen häufig vor. Der Zoologe Theophil Nord berichtet, dass sogar Regenwürmer und Asseln sich in diesem Feld schneller fortbewegten. Ich glaube, Bern ist kein Ort, Bern ist eine Lebensweise. Die Berner Brunnen sind, wie ich glaube, eine echte Sensation. Der Chindlifresser beim Kornhaus, der Carlo-Lischetti-Brunnen beim Rathaus, der Meret-Oppenheim-Brunnen auf dem Waisenhausplatz ... London soll ja ein paar hübsche Monumente haben, aber bestimmt hat es keine inspirierende Brunnensammlung wie Bern. Chauvinismus? Ich weiss schon, dass ich nicht aus dem Zentrum der Welt komme.

Welche Orte in Bern haben eine Besichtigung verdient? Die Kleine Schanze beim Bundeshaus, die sich in warmen Nächten in den Ölberg der Schwulen verwandelt, wie Christoph Geiser im Roman Wüstenfahrt erzählt. Der Bremgartenwald, wo schon viele Leute am Morgen hinein gegangen und nicht mehr heraus gekommen sind. Der Schosshaldenfriedhof, wo die Überreste von Paul Klee und Lily Klee-Stumpf liegen und diejenigen Albert Jakob Weltis – Verfasser des Romans Wenn Puritaner jung sind. Auf dem Schosshaldenfriedhof liegen auch die Knochen des ersten Menschenopfers, das die Autobahn Grauholz noch vor der offiziellen Eröffnung gefordert hat. Eine junge Frau. Ihr Bräutigam und Fahrer des Unglückswagens, berichtet Kurt Marti, war, kaum von seinen Verletzungen genesen, über die Nydeggbrücke in den Tod gesprungen. An der Friedhofmauer der Name Eduard von Steiger, Bundesrat. Unter seiner Amtsführung als Justizminister wurden Tausende jüdischer Flüchtlinge zurück in die Hände der Nazis getrieben. Bis heute ist es ein beliebtes Aufgabenfeld schweizerischer Justizminister, das reiche Land gegen Flüchtlinge zu verteidigen.

Stationen eines literarischen Spaziergangs? Die Junkerngasse, wo 1928 der Dichter Hans Morgenthaler eine Wohnung bezogen hat, 38-jährig und todkrank, um hier „zu verrrecken wie ein Schneetoggel im Frühling“. In derselben Junkerngasse schrieb Hans A. Moser Vineta, seinen „Gegenwartsroman aus künftiger Sicht“, und Guido Bachmann, Autor von Zeit und Ewigkeit, klimperte dort auf einem schwarzen Flügel. Aus dem Erlacherhof winkt Ihnen vielleicht ein Eiger-Mord-und-Jungfrau-lesender Stadtpräsident bürgernah zu. Pedro Lenz schreibt in einem Büro in der Rodtmattstrasse, Urs Mannhart in einer Schachtel auf dem Dach in der Rütlistrasse 11, Tür an Tür mit Konrad Pauli – Heldenleben, Sperrsitz, Vorgefühl. Raphael Urweider schreibt in der Wylerstrasse, Katharina Zimmermann in der Gerechtigkeitsgasse und Lukas Hartmann in der Jurablickstrasse. Beat Sterchi wortspielt auf der Münsterplattform bei einem Café crème, die Beine unters Tischchen gestreckt. Jürg Halter braucht Publikum und sitzt dichtend im Carlo-Lischetti-Brunnen beim Rathaus.

Werde ich Bern je verlassen? Ich behaupte nicht, dass Bern mein letzter Wohnort ist. Vielleicht die Weltstadt Zürich? Nun, Zürich ist eine harte Stadt. Unerbittlich frisst sie Menschen und scheisst Kreaturen. Wohin also? Vielleicht will die Gefährtin einmal aufs Land, an den Murtensee, in die korsischen Berge, an die chilenische Küste. Sie melkt manuell und berichtet jeden Morgen, wie die Hühner legen. Ich arbeite am Destillierapparat. Die Kleinen lernen Fremdsprachen oder malen mit einem erbärmlichen Lackfarbenkasten ein grossartiges Gemälde: Weinbergschnecken überziehen die grünen Gummistiefel, die über Nacht vor der Tür gestanden haben.

Nirgends sonst fühle ich mich so aufgehoben wie hier. Ich betrete das Luna Llena wie die eigene Küche. Christoph Simon – so untrennbar verbunden mit Bern wie ein granitgrauer Pflasterstein der Firma Guber im unteren Teil der Gerechtigkeitsgasse.

 

 



15.3.2008

Widerwärtigkeiten

[ Christoph Simon ]

Welchen Widerwärtigkeiten ein junger, gutmütiger Schriftsteller ausgesetzt ist! Die geläufigsten Kränkungen, Verdriesslichkeiten, Versehrungen:

Die Buchpräsentation, zu der niemand kommt, der Veranstalter, die das Honorar drücken will, das Radiogespräch, bei dem die erste Frage lautet: „Weshalb ist Ihr drittes Buch nicht so erfolgreich wie das erste?“ Verwandte, die sich über die hohen Buchpreise verbreiten und implizit oder explizit Nachlass verlangen. Nicht in einer Anthologie vertreten zu sein. In einer Anthologie vertreten zu sein, aber dein Name steht nicht auf dem Titel. In einer Anthologie vertreten zu sein mit deinem Namen auf dem Titel, aber nicht in der Rezension der Anthologie erwähnt zu werden. Vor zwei Leuten zu lesen – die Inhaberin der Buchhandlung und eine Freundin von dir, die so freundlich ist, hereinzuschauen und so zu tun, als sei sie eine interessierte Leserin. Schüler im erzwungenen Schreibatelier, die dich sofort respektieren würden, wenn sie dich nur einmal im Fernsehen gesehen hätten. Und dich das eine mal, als du tatsächlich im Fernsehen warst, nicht gesehen haben. Ein hoch verehrter Autorenkollege taucht an der Lesung auf und sitzt während der gesamten Zeit kopfschüttelnd in der ersten Reihe. Leute, die behaupten, viel zu lesen und dann deinen Namen nicht kennen. (Sie lesen tatsächlich viel und kennen deinen Namen zu Recht nicht.) Buchhandlungen, die deine Bücher nicht haben. Buchhandlungen, die die Bücher haben, aber sie offenkundig nicht verkaufen. Ganze Landstriche, die dich ignorieren. Podiumsdiskussionen zum Thema Schreibende Lebensformen – und du bist nicht eingeladen.

„Weshalb ist Ihr zweites Buch nicht so erfolgreich wie das erste?“

Zweitens ist Planet Obrist voll von Anspielungen auf Ereignisse und Bräuche, mit denen der lokale Leser vertraut ist, die aber ausserhalb Berns ohne Kommentar völlig unverständlich sind.

Und Sie? Auch einen sauren Tag gehabt? Untröstbar? Schon viele Erfahrungen machen müssen, die geeignet waren, Ihnen jegliches Interesse an weltlichen Dingen zu verleiden? Kann mir nichts mehr passieren, was Ihnen nicht schon passiert ist? Oder tritt Ihr Fuss nie in Dornen? Wünschten Sie sich nicht auch manchmal einen Stock, mit dem Sie auf den Grund klopfen und sich versichern könnten: Ich bin auf festem Boden? Sind Sie mengenmässig häufiger gut oder häufiger schlecht dran? Wem haben Sie Ihren Alkoholismus zuzuschreiben? Haben Sie noch Bekannte, die sich freuen, wenn Sie diese im Urlaub besuchen? Sind Sie es Leid, ständig Leuten „auf Wiedersehen, merci“ nachzurufen, die es von Rechts wegen verdienten, mit Benzin übergossen und angezündet zu werden?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.

 

 



08.3.2008

Recherche

[ Christoph Simon ]

Manche Tage bestehen daraus, Zeitungen nach verwertbarem Material zu durchforsten.

Seit jeher interessieren mich rätselhafte Erscheinungen. Ich befasse mich mit Phänomenen wie Menschen und Milchsäuerungsprozessen, mit Literaten und anderen Untoten, mit Besonderheiten von Licht und Wasser, mit dem Phänomen, dass Tauben, wenn sie sich im Flug erleichtern, eher meine Begleitung treffen als mich. Ich befasse mich mit wundersamen Begebenheiten in meiner Umgebung, wie etwa mit der Geschichte von jener Frau in der Rütlistrasse im Breitenrain, die beschuldigt wird, ihren Bruder mit der Axt erschlagen zu haben. Wie der Nordquartier-Anzeiger  Anfang Woche berichtete, tötete die Frau eine Ziege, welche sich hernach auf magische Weise in ihren Bruder verwandelt habe. Am Abend des Mordes habe die Frau eine Herde Ziegen im Schlafzimmer entdeckt, und diese sofort verscheucht. Als eine der Ziegen sich nicht schlich, sei sie wütend geworden und habe sie mit der Axt niedergestreckt. Dass in der toten Ziege ihr Bruder zum Vorschein kam, ist nicht nur dem Nordquartier-Anzeiger ein Rätsel.
Wie viele andere verfolge ich seit Jahren die Gerüchte, die sich ums Bundeshaus am Bundesplatz ranken. Schon oft ist behauptet worden, ein Schnarchen sei darin zu hören; das Schnarchen des Mannes, der durch einen Sturz vom Bürostuhl 1998 tödlich verunglückt ist. Seit jenem Vorfall stehe die normalerweise verschlossene Luftschutzkellertür jeden Morgen offen. Ein Mitarbeiter der Parlamentarischen Dienste äusserte sich am Dienstag gegenüber dem Berner Bär: „Wir registrieren eine Menge Aktivitäten in der Nacht. Die Alarmanlage ist stets aktiviert, gibt aber nie Alarm. Verschiedene Parlamentarier stellen Fragen zu unserem Sicherheitskonzept.“
Während der schnarchende Geist im Bundeshaus ein Spielball politischer Interessen zu werden droht, ist der Berner Flughafen in Belp diesem Schicksal bisher entgangen. Im vergangenen Herbst wurde dort ein Ritual durchgeführt, nachdem beim Umbau der Toiletten Geister gesehen worden sind. Um die zukünftigen Fluggäste und Bediensteten zu beruhigen, reisten insgesamt neunzig Kerzenzieherinnen und Kerzenzieher an, um einen Kerzenzeremonie abzuhalten. Wie ein Flughafensprecher vorgestern gegenüber der Berner Zeitung schilderte, sei die Errichtung eines Altars für die nahe Zukunft geplant.
Viele Menschen schwören auf bestimmte Nahrungsmittel, um gesund zu bleiben. Ich zum Beispiel schwöre auf Vitamin C und das Glas Wein am Abend, um mein Leben zu verlängern. Trudi Tobler in der Länggasse schwört auf Sandstein. Laut dem Magazin Das Magazin vom letzten Samstag nimmt die mittlerweile 81-jährige täglich zwischen ein und anderthalb Kilogramm Sand zu sich, um agil zu bleiben. „Als ich jung war, versuchte ich es aus Spass“, erklärte Trudi Tobler. „Seitdem ist es eine Gewohnheit.“ Probleme ergaben sich mit dem Denkmalschutz, da Trudi Tobler den Sand aus dem Sandstein der Berner Altstadt zu gewinnen pflegt.
Gestern Mittag berichtete Radio Rabe von einem jungen Burschen in Ausserholligen, der mit Röntgenaugen in den Körper anderer Menschen schauen und Krankheiten diagnostizieren könne. In der Sendung stellte er bei vier ihm unbekannten Personen die richtige Diagnose: eine fehlende Niere, ein Wirbelsäulenschaden, Operationsnarben an der Milz und eine alte Schulterverletzung. Der Arzt in der Sendung, der sich anfangs skeptisch zeigte, war hörbar beeindruckt. Der Röntgenblick wurde entdeckt, als der Bursche im Alter von zehn Jahren die inneren Organe seiner Mutter zeichnete. Man brachte ihn zum Psychologen, und dort malte er dessen Magen samt einem bereits diagnostizierten Geschwür.
Wie der Newsticker auf espace.ch informiert, sprang heute um 17:58 der hintere Teil eines RBS-Zuges aus den Schienen. Der Zug fuhr über fünfzig Meter, dann sprangen die Wagen in die Schienen zurück. Die Passagiere blieben die ganze Zeit ruhig sitzen, obschon sie ordentlich durchgeschüttelt wurden.
Bevor ich diese Medienberichte zu einem rätselhaften Roman verdichte, würde ich nun gern noch selber Zeuge eines Wunders werden, um den Wunsch der Leserschaft nach autobiografischem Hintergrund zu befriedigen. Morgen gehe ich in die Heilsarmee-Brockenstube in der Lorraine, wo angeblich seit Anfang dieser Woche Stoffpuppen und Holzfiguren Milch aus Schalen trinken, die ihnen Brockenstubenmitarbeiter, Kunden, Pilger und Zweifler reichen.

Wie steht’s mit Ihnen? Wähnen Sie sich unter Gespenstern? Ist Ihre Zeitungsausschnittssammlung für einen Schriftsteller eine Goldgrube?  Ist die Welt, in der Sie geistig leben, in einer anderen Dimension beheimatet? Sagt Ihnen Ihr Schutzengel, wem Sie als nächstes begegnen sollen? Suchen Sie die Tagespresse ebenfalls nach rätselhaften Ereignissen ab, oder lesen Sie die Zeitung gar nicht – sitzen im Kaffeehaus und spielen den Kaffeehauszeitungsleser, und in Wahrheit gilt Ihre ganze Aufmerksamkeit dem jungen Paar am Nebentisch?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.

 

 



01.3.2008

Geldsorgen

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Berufsschriftstellers bestehen darin, seine Geldsorgen mit eitlen Phantasien zu bekämpfen.

2006 und 2007 waren keine fetten Jahre. Schreibend geht man Risiken ein und nicht immer ist’s einfach, sich selbst oder mögliche Mäzene vom Erfolg einer Idee zu überzeugen. Man braucht Durchhaltewillen und den Glauben an die Idee und an sich selbst. Man hat schlaflose Nächte, weil man nicht weiss, wie man zu diesem oder jenen Zeitungsauftrag kommen soll. An Weihnachten verkauft man zwar ein paar Bücher, aber auch die Diebstähle nehmen zu.

Wird junge Literatur ausreichend unterstützt? Zumindest nicht von den Banken. Kulturschaffende sind leider uninteressant für die Banken. Es gibt keine Kredite wie für andere Jungunternehmer oder Geschäftstreibende. Nicht einmal die Bewegungsfreiheit, die eine Kreditkarte bietet, will man ihnen einräumen.

Ich lebe in billigen Zimmern. Trinke Dennerbier. Die Bücher gehören der Stadtbibliothek. Die wenigen Kleidungsstücke, alle von der Firma Hennes & Mauritz aus Norwegen, lassen sich über einen Stuhl werfen. Gäste sitzen auf der Bettkante. Die Kinder kosten weniger als befürchtet, noch sind keine Rechnungen für Mal- und Reitunterricht zu begleichen. Den Internetanschluss bezahlen die Wohnkollegen. Die Gleichstellung befreit mich davon, für jedes Nachtessen aufzukommen, wenn die Gefährtin und ich ausgehen. Der Lebenszweck von eher kontemplativen Schriftstellern scheint ganz entschieden darin zu liegen, nicht für Geld zu schreiben.

Der Schweizer Buchmarkt ist eng. Selbstverständlich wünschte ich mir mehr Erfolg im Ausland. Ich bin für Internationales immer zu haben. Würde ich allerdings in Österreich plötzlich gelesen, müsste ich mich fragen, ob Franzobel, Schneitter oder Köhle dermassen abgegeben haben, dass man nun auf mich zurückgreifen muss.

Mein Umgang mit Geld – wenn ich Rechnungen auszustellen habe, tue ich es viel zu spät, oder ich tue es so, dass sich niemand verpflichtet fühlt, zu bezahlen. Ich lasse mich anpumpen von Menschen, die mehr Geld haben als ich selber. Ich wage nie, den vollen Wert für meine Arbeit zu verlangen, aus Furcht, man könnte mich für habgierig halten. Ich wäre gern ein Sparer, Kleinanleger. Jedoch hat ein Mann mit einer höchst beschenkungswürdigen Gefährtin kaum Möglichkeiten, Geld zur Seite zu legen. Ist der Weg der Liebe nicht ohne Gefahr, so ist er noch viel weniger umsonst. (Zudem ist „He never kissed an ugly girl“ eine überzeugendere Grabinschrift als „Jährlich 11 % Rendite“.)

Was täte ich, wenn ich unvermuteterweise einen Bestseller landete? Auf dem Schreibtisch eine Schreibtischgarnitur mit der Aufschrift Danke Mutter! platzieren. Beim Lavabo Handtücher mit Mutter! Auf dem Leintuch im Bett gestickt: Grossmutter! Auf der Matratze Grossmutter väterlicherseits! Auf den Tüllgardinen Urgrossmütter allerorten! Auf den alten Möbeln mit Samtpolstern. Sachen, die ich ganz gerne hätte: Vergoldete Stühlchen. Armspangen. Kreditkarten. Erstausgaben – mit einem Autör einen doppelten Schilten gegen einen Fernen Klang tauschen. Luxusbetten nach italienischen Modellen. Mit einem Löwengespann durch die Strassen fahren. Christoph Simon studiert einen Plan seines Anwesens, um zu sehen, wie es sich günstig umgestalten liesse: Hier eine Hecke zuschneiden, dort einen Horizont erweitern, etwas Dünger, ein paar Grassamen, Kies für den Spazierweg, einen Gartenschlauch und einen Rasenmäher, und schon hat er ein Vermögen verpulvert. Punkt zwölf Uhr entzündet die Gefährtin das Pulver und löst in der Kanone einen Böllerschuss aus. Auf, zum Mittagessen. Mahlzeiten ersetzen Snacks. Spitzenwein ersetzt Dennerbier. Ein Fiat Cinquecento ersetzt die Einlegesohlen. Passanten, die den Wagen vorbeirollen sehen, will ein Blick ins Innere nicht gelingen. Dichte Seidenvorhänge.

„Im Ernst: Was würdest du mit einer Million Franken anfangen?“

Spenden für Kinder in Not. Kinder sind unser aller Zukunft und jedes Kind verdient eine Zukunft.

„Und mit dem Rest der Million?“

Mit welchem Rest?

„Einen Urlaub mit Mutter und Grossmutter?“

Kinder in Not verschlingen soviel. Da bliebe nichts übrig für einen Urlaub.



23.2.2008

Auslandschweiz

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Schweizer Berufsschriftstellers bestehen darin, sich über die Schweiz äussern zu dürfen.

„Was glauben Sie, weiss das Ausland von der Schweiz?“ lautet die Frage einer Umfrage von fünfzehnjährigen Redaktorinnen und Redaktoren der Thuner Schülerzeitung See-Blick unter heimischen Kulturschaffenden.

Was wird das Ausland schon von der Schweiz wissen? Ich glaube, die fernen Länder stellen sich unter der Schweiz eine Ansammlung von feinmechanischen Betrieben und milchverarbeitenden Fabriken im Schatten der Berge vor. Wie ich gehört habe, führt Heimweh in der Poebene noch heute den Namen „Schweizerkrankheit“. Woher das kommt? Eidgenössischen Söldnern in Frankreich und Italien war es zeitweilig unter Todesstrafe verboten, schwermütige Lieder anzustimmen, da es „Pathopatridalgia“ auslöse, krankhafte Vaterlandssehnsucht. Von ihr gepackt, seien Schweizer Söldner in Scharen desertiert.

„Wie unterscheidet sich das Leben in der Schweiz von dem in der übrigen Welt?“

Die Schweiz stand lange still. Als in der Schule zum ersten Mal von der Erdrotation gesprochen wurde, interessierte mich vor allem, wie man im Ausland verhindert, dass die Meere in den Weltraum abfliessen und ob alle Fussgänger Krallen wie Katzen haben, damit sie sich auf der Erdoberfläche halten können.

Was zeigen Sie ausländischen Gästen, wenn Sie ihnen die Schweiz zeigen?“

Ich würde ihnen lieber Paraguay zeigen. Abgesehen davon zeige ich ihnen die Gratiszeitungen als faule Form der Pressefreiheit und die perforierten Umschläge für die briefliche Stimmabgabe als leicht zu manipulierendes Instrument des Stimm- und Wahlrechts. Ich zeige ihnen das Literaturarchiv und deute es als Gebäude eines Totenkults. Die Schweiz hat den Vorteil, dass man keine riesige Karte auszubreiten braucht, um zu zeigen, wo man geboren wurde, studiert hat, in welchem Kirchgemeindehaus man die Gefährtin kennen gelernt hat.

„Was erzählen Sie Ausländern über die Schweiz?“

Die Schweiz ist nach allgemeiner Ansicht das Land der Geister und Propheten. Nicht gering ist die Zahl der Leute, die behaupten, der Bundesrat sei mit übermenschlichen Kräften begabt. Die Bundeshausdiener machen ein florierendes Geschäft daraus, das Badewasser von Bundesräten in Flaschen abzufüllen und an Bauern in den Tälern zu verkaufen, die es trinken, um auch übernatürliche Kräfte zu erlangen. Zudem erzähle ich von den vielen verschiedenen Abzeichen. Nach vorsichtigen Schätzungen sind in den letzten 150 Jahren in der Schweiz mehr als 30’000 verschiedene Abzeichen hergestellt worden, die dem Jubiläum von Banken, Waffenfabriken, wissenschaftlichen und künstlerischen Institutionen gewidmet sind. Besonders aktive und begeisterte Sammler haben sich im Verein „Abzeichensammler“ zusammengefunden. Mit Unterstützung des Bundes veranstaltet dieser Verein regelmässig Zusammenkünfte in Kulturzentren und Fachausstellungen in der ganzen Schweiz. Besonders beliebt sind bei den Sammlern Abzeichen mit Motiven aus dem Schiesssport, der Fasnacht, dem Skirennsport, insbesondere die Abzeichen von der FIS-Abfahrt am Lauberhorn in Wengen, sowie Abzeichen mit Kantons- und Gemeindewappen. Auch Abzeichen mit Motiven aus der Schweizer Geschichte, mit Porträts von Pestalozzi, Dunant, Federer, mit Slogans der Anbauschlacht und der Antifreihandelsbewegung sind sehr beliebt. Viele sammeln Abzeichen, die in irgendeiner Weise mit ihrem Beruf zusammenhängen. Ich halte zum Beispiel das Abzeichen vom Berner Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband in Ehren. Das älteste und wertvollste Schweizer Abzeichen ist eine Messingplakette von 2,6 Zentimeter Durchmesser aus dem Jahre 1848. Die Plakette hat eine Öse, durch die ein rotes Band gezogen wird, um sie an der Kleidung zu befestigen. Die Stirnseite zeigt in der Mitte zwei gekreuzte Schweizerfahnen, die Rückseite trägt den Text „Natura non facit saltus“ – die Natur macht keine Sprünge.

Wer ist Ihrer Meinung nach ein guter Schweizer?“

Wer nicht nur Schweizer ist.

 

 



16.2.2008

Autorengruppe

[ Christoph Simon ]

Manche Tage eines Schriftstellers bestehen darin, sich von anderen Schriftstellern die Schwächen der eigenen Manuskripte vorhalten zu lassen.

Ich bin Mitglied der Autorengruppe „Autören“. Bestehend aus Urs Mannhart, Markus Beutler, Lorenz Langenegger und mir, ihrem untertänigsten Schüler. Wir schreiben alle, bis tief in die Nacht, und halten wöchentliche Zusammenkünfte ab. Die Autören haben sich von der weit verbreiteten Untugend verabschiedet, Schriftsteller müssten das Schreiben allein und erst noch perfekt beherrschen, bevor sie sich einer Kritik stellen könnten. Der mutige Autör rückt das Manuskript heraus. Mit einer Heidenangst, sich zu blamieren, aber er rückt es heraus. Ein rauer Wind der Manuskript-Kritik schlägt ihm ins Gesicht. Ein Wind, von dem ich mir einrede, dass er mich weiterbringt und dass ich unter bärbeissigen Freunden eine auffühlige Zeit verbringe. (Auffühlig – eine Wortschöpfung einer Schreibwerkstattteilnehmerin aus Dübendorf.)

Beim Diskutieren der Manuskripte gelten folgende Regeln: Widerspreche den Aussagen des Vorredners. Verteidige deine Meinung, auch wenn du den Text nicht verstanden hast. Diskutiere nicht, konkurrenziere und profiliere dich. Bereite dich nicht vor. Eine Figur, die nur einen kurzen Auftritt hat, behandle man für den Rest der Sitzung. Es reden oder schweigen immer alle gleichzeitig. Formuliere die Kritik als Schachtelsatzgestrüpp. Artikel 1 bis 7 der autörlichen Betriebsordnung. Wir sind Geboten gegenüber nicht abgeneigt und verlängern die Betriebsordnung dann und wann um ein paar Punkte.

Die Autören sind dazu da, einander vor Fehlentscheiden zu schützen. In der Regel heisst das: „So nicht. Anders. Mehr. Weniger.“ Ab und zu lässt die Achtung vor unseren Fähigkeiten schmerzlich nach und man rät einander, mit dem Schreiben aufzuhören. Dann schimpft man sich gegenseitig aus. Was ich am meisten zu hören bekomme: Ein gelegentliches „Gebirgstrottel! Dilettant! Spätaufsteher! Textausdünster! Sichtbehinderer! Weissbrotfresser! Studienabbrecher! Schnulzverein! Aufzähler! Niederfrequenzdenker! Asphaltliterat! Stinkende Waschschüssel! Aushilfspreisträger! Taube Nuss! Tastenquäler! Kinderwindler!“ Die Welt des Kritisierten mag untergehen, aber man sitzt gemütlich auf dem Balkon, die Beine übereinander geschlagen, ein Glas Wein vor sich, einen Teller Teigwarensalat, in Hausschuhen.
Was tut der Autör mit der eingesteckten Häme? Er kann entweder darüber weinen, oder er kann das Manuskript verbessern. Wir alle überarbeiten viel. Bis der Text weder Feile noch Korrektur erlaubt.

Der Name „Autören“? Hermann Burger berichtet in Schilten von der „Oberschilttaler Spezialität, die sonst nirgends in der schweizerischen Sprachgeographie bezeugt ist, nämlich die konjunktivisch gemeinten Substantiv-Umlaute: ‚de gong’ für einen möglicherweise durchgeführten Gang, ‚de Töd’ für einen eventuell eintretenden Tod.“ Die Autören haben diese Spezialität in ihre Sprachgeographie aufgenommen und sind also unter Umständen eines Tages mal richtige Autoren. Was wären richtige Autoren? Autoren, deren Karriere nicht allein auf Jugend und Schönheit gegründet ist.

Was wird aus den Autören, wenn sie einmal weder Jugend noch Schönheit mehr besitzen? Irgendwann heisst es wohl, friedlich auseinander zu gehen. Was mich bereits heute traurig stimmt. Es ist immer wieder etwas Einmaliges, so viel Talent geballt auf einem Balkon. Der Gedanke, auseinanderzugehen, bedrückt mich sofort. Viel lieber stelle ich mir vor, wie die Autören zusammen alt werden und halb so dick wie eine Herde Elefanten. Wir sitzen im Garten, glühend heisse Luft an hellen Tagen. Artischocken wachsen und Zitronen und eine grosse Weinlaube ist wie ein Zelt über den Garten gespannt; es sieht ganz aus wie Hugo Balls Albori am 30. Mai 1925 – „ein arabisch wirkendes Dorf, wenn es weiss und phantastisch in der Sonne oder im Mond liegt“. Wir sitzen im Garten, voller Sorgen wegen des moralischen Verfalls der Gesellschaft und wegen unserer Bandscheiben. Wir stänkern über Schillerpreisträger. Urs liest mir aus meinen Büchern vor, um mir zu bestätigen, dass sie endlos fade sind. So sollte es sein bei uns im Alter: Die Welt liegt weit weg von uns. Wir sind zahnlose Deppen, die für sich ihren Spuk haben. Wir empfangen ungern Besuch. Pedro Lenz hat eine Kamera dabei und knipst unsere Gehböcke ab. Die Interviewerin vom Berner Bär, eine junge Studentin, jagen wir von der Türschwelle. Ab und zu dringt eine Spitzmaus in das mit Wachtürmen und Stacheldraht umfriedete Gelände ein.

Die Autören vertreten kein Bekenntnis, kein Manifest, keine Überzeugung, keine ideelle Basis. Abgesehen davon, dass wir weder Trunkenheit noch Rauschgiftsucht zum Massstab eines kräftigen Gefühlsleben erhöhen, haben wir keinen gemeinsamen Standpunkt. Wir sind Individuen ohne kollektive Identität. Wir fliegen solo. Bis heute haben wir nicht genug Angriffslust aufgebracht, um als Gruppe in die Öffentlichkeit zu treten. Vom Publikum aus gesehen sind wir eine Grüppe. Eine verloren treibende Autorengrüppe.



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