15.3.2008

Widerwärtigkeiten

[ Christoph Simon ]

Welchen Widerwärtigkeiten ein junger, gutmütiger Schriftsteller ausgesetzt ist! Die geläufigsten Kränkungen, Verdriesslichkeiten, Versehrungen:

Die Buchpräsentation, zu der niemand kommt, der Veranstalter, die das Honorar drücken will, das Radiogespräch, bei dem die erste Frage lautet: „Weshalb ist Ihr drittes Buch nicht so erfolgreich wie das erste?“ Verwandte, die sich über die hohen Buchpreise verbreiten und implizit oder explizit Nachlass verlangen. Nicht in einer Anthologie vertreten zu sein. In einer Anthologie vertreten zu sein, aber dein Name steht nicht auf dem Titel. In einer Anthologie vertreten zu sein mit deinem Namen auf dem Titel, aber nicht in der Rezension der Anthologie erwähnt zu werden. Vor zwei Leuten zu lesen – die Inhaberin der Buchhandlung und eine Freundin von dir, die so freundlich ist, hereinzuschauen und so zu tun, als sei sie eine interessierte Leserin. Schüler im erzwungenen Schreibatelier, die dich sofort respektieren würden, wenn sie dich nur einmal im Fernsehen gesehen hätten. Und dich das eine mal, als du tatsächlich im Fernsehen warst, nicht gesehen haben. Ein hoch verehrter Autorenkollege taucht an der Lesung auf und sitzt während der gesamten Zeit kopfschüttelnd in der ersten Reihe. Leute, die behaupten, viel zu lesen und dann deinen Namen nicht kennen. (Sie lesen tatsächlich viel und kennen deinen Namen zu Recht nicht.) Buchhandlungen, die deine Bücher nicht haben. Buchhandlungen, die die Bücher haben, aber sie offenkundig nicht verkaufen. Ganze Landstriche, die dich ignorieren. Podiumsdiskussionen zum Thema Schreibende Lebensformen – und du bist nicht eingeladen.

„Weshalb ist Ihr zweites Buch nicht so erfolgreich wie das erste?“

Zweitens ist Planet Obrist voll von Anspielungen auf Ereignisse und Bräuche, mit denen der lokale Leser vertraut ist, die aber ausserhalb Berns ohne Kommentar völlig unverständlich sind.

Und Sie? Auch einen sauren Tag gehabt? Untröstbar? Schon viele Erfahrungen machen müssen, die geeignet waren, Ihnen jegliches Interesse an weltlichen Dingen zu verleiden? Kann mir nichts mehr passieren, was Ihnen nicht schon passiert ist? Oder tritt Ihr Fuss nie in Dornen? Wünschten Sie sich nicht auch manchmal einen Stock, mit dem Sie auf den Grund klopfen und sich versichern könnten: Ich bin auf festem Boden? Sind Sie mengenmässig häufiger gut oder häufiger schlecht dran? Wem haben Sie Ihren Alkoholismus zuzuschreiben? Haben Sie noch Bekannte, die sich freuen, wenn Sie diese im Urlaub besuchen? Sind Sie es Leid, ständig Leuten „auf Wiedersehen, merci“ nachzurufen, die es von Rechts wegen verdienten, mit Benzin übergossen und angezündet zu werden?

Antworten nimmt der Verfasser gern entgegen.

 

 



Kommentare

Alice - http://wwwkreuzundquer.blogspot.com
2008-03-15 13:19:26

Sie haben noch was vergessen. Endlich in der Zeitung erwähnt zu werden (beim 8. Buch), nur um gnadenlos verrissen zu werden.

Hand aufs Herz: Sie wollen ja gar nicht in einer Antho vertreten sein; das sind doch die Bücher, die nur von besten Freunden (aus purem Mitleid) und garstigsten Feinden (um Sie danach verhöhnen zu können) gekauft werden.

Darf ich Ihnen einen Benzinkarnister schenken?

Mitfühlende Grüsse


epices6 - epices6 [at] yahoo.com
2008-03-15 17:56:55


Ach ja, wohl gibt es Verdriesslichkeiten für SchriftstellerInnen, kleine und kleinere Widerwärtigkeiten, schön aufgelistet von Ihnen. Versehrungen? Gleis-und Gerüstbauer, Dachdecker und Schlachter, Stahlbauschlosser und Pflasterer werden versehrt, SchriftstellerInnen werden gekränkt. Get real!

“Wem haben Sie Ihren Alkoholismus zuzuschreiben?” Eine willkommene Frage. Momentan beschuldige ich das pilzähnliche Wachstum von fantastischen Mikrobrauereien, die immer besseren Weine aus allen Weltteilen, die zahllosen Destillationskünstler.

Betreffs Leuten, “die es von Rechts wegen verdienten, mit Benzin übergossen und angezündet zu werden”: Mit diesem Satz haben Sie sich wirklich vergriffen – es ist nichts Humorvolles daran.



McCain
2008-03-15 23:00:28

Depression Hurts - Cymbalta can help:
http://www.youtube.com/watch?v=3x1OEaFD2Es

sie sind wohl wie der wining dog.

zitat: "die es von Rechts wegen verdienten, mit Benzin übergossen und angezündet zu werden".

ARE YOU NUTS?

Das gab es mal in irgendeinem der vielen konflikte in afrika. kam in die tv news.

es gab das auch ganz nah von der ch 1939 - 45. in dem fall waren die leute zuerst nicht mal zuerst angeschossen worden (anders als der oben geschilderte vorfall in afrika).

fuer mich sind sie als schriftsteller mit solchen texten 'finished'.

oeffentlicher aufruf zu gewalttaten ist in ihrem land doch strafbar, nicht? theoretisch koennte ich da irgendwo eine beschwerde einreichen, aber ich glaube an free speech.

@Alice: "Darf ich Ihnen einen Benzinkarnister schenken? - Mitfühlende Grüsse"

ARE YOU EVEN MORE NUTS? Fuer das Mitgefuehl muessten sie sich wohl selber anzuenden. oeffentlicher aufruf zu gewalttaten ist in ihrem land doch strafbar, nicht? auch mithilfe.

Alice - http://wwwkreuzundquer.blogspot.com
2008-03-16 09:01:43

Lieber McCain (danke, das ist besser als "anonym" in meinem Blog)

Der Versuch einer Antwort. Es sind eigentlich zwei Versuche. Ein kurzer und ein etwas längerer.

Der kurze Versuch:
Ja, ich habe mich tatsächlich prächtig amüsiert ob dem Beitrag von Christoph Simon - und nein, nicht wegen des letzten Satzes, sondern ganz allgemein (der Grund folgt im längeren Versuch) - und mein schräger Humor hat sich von seinem mitreissen lassen (wofür ich die Verantwortung nicht an Herrn Simon abschieben, sondern sie selber tragen möchte).

Der längere Versuch:
Schriftsteller sind in der Vorstellung vieler Leute edele Menschen, die sich politisch und gesellschaftlich für Benachteiligte einsetzen, sich hauptsächlich aber im stillen Kämmerlein oder dem "richtigen" Schreibcafé wichtige und gewichtige Worte einfallen lassen. Herr Simon kratzt an diesem Bild. Mit billigen Dennerbier und einem Internet-Anschluss, den seine Mitbewohner zahlen. Mit der nüchternen Schilderung seines Alltags, ohne dass er dabei je ins Lamentieren gerät. In seiner Kolumne gestern hat er einen sehr mutigen Schritt getan: Er hat uns in die dunklen Ecke der Autorenseele blicken lassen, in die kleinkrämerischen und kleinlichen Gedanken, die selbst einen so "edlen" Menschen wie den Schriftsteller heimsuchen können: Selbstzweifel, Neid und Groll. Lassen wir vorerst den letzten Abschnitt weg und reden von dem restlichen Text: Er tut das auf eine herrlich selbstironische, schräge Art und Weise, dass man nicht anders kann, als darüber zu lachen. Ich habe diese Zeilen absolut befreiend gefunden und herzhaft gelacht beim Lesen.

Zum letzten Abschnitt, jenem, der Sie so in Rage versetzt hat: Herr Simon lässt da seine Gedanken explodieren - es ist die logische Konsequenz und das unerschrockene Nichtinnehalten vor dem gedanklichen letzten Schritt. Zugegeben, es ist ein sehr happiges Ende und auch ich habe mich beim Lesen gefragt, ob er nicht etwas anderes hätte in Rauch und Asche aufgehen lassen (zum Beispiel einen Stapel Zeitungen). Ich habe mich auch gefragt, wie lange Herr Simon gezögert hat, den Text genau so abzuschicken (er musste mit Reaktionen wie der Ihren rechnen) - und ich bin überzeugt, dass er es nicht aus Kalkül getan hat.

Ich sehe das so: Er ist die ganze Strecke dunkler Gedanken gegangen, die er im richtigen Leben nie und nimmer ausleben würde (ich übrigens auch nicht). Sowohl er als auch ich sind im fiktiven Text geblieben. Und haben es fiktiv knallen lassen.

Was dann brennt am Ende: Das ganze kleinkrämerische Gedankengut, das selbst den edelsten Menschen ab und zu anfällt. Dazu der angebotene Karnister und das Mitgefühl als Ausdruck dafür, dass auch ich diese ganz dunklen Gedanken kenne.

Es kann so weitergehen: Nach der Exlosion der dunklen Gedanken ist wieder Platz für das reale Gute, das gelassene Annehmen des Alltags. Das ist einer der Vorteile des Schriftstellerlebens: Wir können unsere dunkelsten Gedanken auf dem Papier ausleben (ich schreibe deshalb Krimis und gestehe das auch bei meinen Schullesungen).

Was ich übersehen habe - weil es für mich nicht vorstellbar ist: Dass jemand den Text so liest wie Sie. Als reale Aufforderung, jemandem weh zu tun. Und es zeigt mir wieder einmal, dass man mit Wörtern vorsichtig umgehen muss.

Alice


McCain
2008-03-16 17:39:11

@Alice:

offensichtlich haben Sie das Filmli auf Youtube nicht angeschaut. Das war naehmlich mein Kommentar zum unkritischen Teil des Blogs. Stop the whining. Das war wirklich wie ein whining dog - selbstmitleidig flennend.

(Cymbalta ist ein Antidepressivum. Die TV-Werbung zu dem Produkt ist ein close encounter der propagande-mit-vorschlagshammer-art. der flennende hund macht das auf geniale art zur parodie)

das ganze kratzt nicht an einem image, es bestaetigt den falschen charme der Bohème. Als freischaffender ist man den 'marktkraeften' eben frei ausgesetzt und wenn sein literarisches schaffen keinen interessiert, dann geht niemand zur lesung.

ich sehe den von Ihnen beschriebenen Gedankenfluss nicht so, dass der letzte passus als teil einer solchen assoziativen kette gesehen werden kann.

das ganze zeigt etwas:
literatur - worte - sind real. deshalb gibt es straftatbestaende wie verbal abuse. und verbal abuse loest irgendwann meist zeitversetzt realen abuse aus und realer abuse fuehrt zu mehr gewalt und irgendwann kommt die letzte steigerung in den news. irgendein schulkind dreht durch und fuchtelt mit der knarre rum - mit fatalen folgen in reichweite der waffe. oder in irgendeiner wohnung kommt es nach uebermaessigem konsum irgendeines fusels -Wem haben Sie Ihren Alkoholismus zuzuschreiben - zum grossen chlapf und partner 1 hat kuechenmesser im bauch und partner 2 springt ueber den balkon waehrend die kinder verstoert in der ecke eines zimmers sind. posttraumatischer stress - das ist dann die episode 2, so in 20 jahren. dazu gibt es kriminalstatistiken, die zumindest in meinem land dies mit erdrueckend eindeutigen zahlen belegen.

die formulierung "die es von RECHTS wegen verdienten..." ist dann noch der Gipfel.

Junge Menschen haben meist eine grosse Neugier und eine Phantasie, die nicht abgestumpft ist. Und sie nehmen Erwachsene weitaus ernster als sie vorgeben. Da haben Erwachsene eine Verantwortung mit dem was sie sagen oder schreiben. Vor allem im oeffentlichen Raum wie ein Blog oder Buch oder als Journalist. Oder Schule...

"Ich sehe das so: Er ist die ganze Strecke dunkler Gedanken gegangen, die er im richtigen Leben nie und nimmer ausleben würde (ich übrigens auch nicht). Sowohl er als auch ich sind im fiktiven Text geblieben. Und haben es fiktiv knallen lassen."

Er hat ueber seine sehr reale situation als nicht erfolgreicher literat geschrieben. der letzte passus ist eine sehr irritierende 'fiktion' in einem nicht fiktiven text. - die er im richtigen Leben nie und nimmer ausleben würde - Sie wissen wie ich ganz genau, dass es 'NUR' eine Frage psychischer Umstaende und Ausloeser ist, die Gedanken materialisieren koennen - bei jedem menschen.

"Was ich übersehen habe - weil es für mich nicht vorstellbar ist: Dass jemand den Text so liest wie Sie" - Leider sehe ich JEDEN TAG in den News einen neuen vorfall der bizarren Art, wie oben geschildert.

Bohème:
http://youtube.com/watch?v=oTq74ZiuKLE

das kinder einen verrueckt machen koennen, wird hier schoen gezeigt:

http://youtube.com/watch?v=Isc0uPjXiFI&feature=related

christof Moser - qualifriend [at] hotmail.com
2008-03-17 15:05:35

ach, christo mit ph, ich schreibe und bekomme dafür viel geld, aber richtig glücklich macht das auch nicht. gehen wir mal zusammen ein bier trinken, lad dich herzlich gerne ein. bern. oder zürich. der christo mit f.

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