Zum Schluss ein Anfang
| [ Peter Zeindler ] |
Nach Schreiben "über", das Schreiben an sich: So beginnt (vorläufig) mein neuer Roman...
Das Gesicht des Mannes in Weiss drückte Erstaunen, Begeisterung und Besorgnis zugleich aus. Er fixierte den Monitor, schloss dann das linke Auge wie ein Schütze, der über Visier und Korn sein Ziel sucht, schüttelte den Kopf, immer wieder. Endlich senkte er den Blick und betrachtete wohlgefällig den Unterleib seines Patienten, der mit angehaltenem Atem die Diagnose erwartete.
„So etwas habe ich noch nie gesehen! Einmalig!“
Das war noch immer kein medizinisch überzeugendes Urteil. Der Arzt brauchte wohl Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte. Jetzt schaute er verklärt, als ob er soeben eine weltverändernde wissenschaftliche Entdeckung gemacht hätte. Noch immer ruhte das Ultraschallgerät mit der feuchten Sonde oberhalb von Hypolit Froschauers Penis, der schlaff und unerheblich dalag. Hypolit erinnerte sich an ein frühes Foto, das sein Vater gemacht hatte: Der gefeierte Stammhalter des Geschlechts der Froschauer, acht Wochen alt, lag rücklings nackt auf dem Wickeltisch, mit geöffneten Beinen, der scheinbar überdimensionierte Geschlechtsteil, designierter Garant des Überlebens der Familie, ungeschützt dem fotografierenden Vater dargeboten. Eine Dokumentation, die verpflichtete. Eine uneingelöste Hypothek.
„Ihre Blase erinnert mich an die Antike – ich weiss nur nicht weshalb,“ sagte der Arzt beina-
he feierlich. „Irgendwie archaisch.“
Dieser unvermittelte Ausflug in eine historisch weit zurückliegende Ära kam überraschend und traf Hypolit an einer neuralgischen Stelle seiner Biographie, und so war es naheliegend, dass ihm seine Assoziationen umgehend Gustav Schwabs Standardwerk „Die Sagen des klassischen Altertums“ aufdrängten. Dieser Band hatte ihn in seiner Jugend wie ein dräuender Schatten begleitet, war ihm vom Vater, dem eine umfassende Allgemeinbildung alles bedeutete hatte, aufgedrängt worden. Hypolit war noch heute ein ewiger Gefangener dieses antiken Territoriums, auf das ihn ja schon sein Vorname festlegte, den ihm sein Vater gegen den Willen der Mutter, die einen biblischen Namen wie Samuel oder Johann vorgezogen hätte, verpasst hatte.
Oskar Froschauer hatte diesen Namen aus Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ herausdestilliert: Hippolytos, Sohn des Theseus, unschuldig und schön von Gestalt.
„Schauen Sie!“ befahl der Gott in Weiss und zeigte mit spitzem Finger auf den Bildschirm.
Hypolit sollte jetzt also Fernsehen. Wie fern?
„Das ist ja wie zuhause vor dem Bildschirm“, murmele Hypolit ausweichend. Er wollte nur Zeit gewinnen.
„Ja, ein bisschen wie Television“, lächelte Dr. Blarer. „Ich habe ihre Blase gescannt, und die Sonde erzeugt ein zweidimensionales Schnittbild. Das ist das sogenannte Echo – Impuls – Verfahren.“
Hypolit drehte den Kopf und betrachten seine Blase, die gar nicht so aussah, wie Blasen aussehen sollten, ein kompaktes Gebilde. Seine Blase hatte Seitengänge, Nischen, Narben.
„Nicht wahr?“ sagte Dr. Blarer, und wieder klang Stolz in seiner Stimme mit, als ob er der Erfinden dieses zerklüfteten Gebildes sei. „Diese Verzweigungen. Mysteriös. Geheimnisvoll.“
„Sie haben recht, Doktor“, sagte Hypolit mit schwacher Stimme. „Ein Labyrinth! Und da hockt Minotaurus, das Ungeheuer in Gestalt eines Menschen, ein bisschen Mensch, ein bisschen Stier, Gefangener des Labyrinths.“
„Respekt!“ antwortete Dr. Blarer. „Ich habe eigentlich an die Hölllochgrotten gedacht. Oder irgendwo an Frankreichs Küste gibt es auch solche Grotten, vielfach verzweigt, in denen man sich verirren kann. Eine Verwechslung. Aber Sie denken in die richtige Richtung: Minotaurus – ein Mensch mit dem Kopf eines Stiers?“
Kommentare
Kommentar verfassen
Sie haben hier die Möglichkeit die publizierten Artikel zu kommentieren. Bitte beachten Sie dabei folgende Regeln:
Kommentare ohne Bezug zum publizierten Artikel werden gelöscht.
Drohungen, ehrverletzende Beiträge oder solche mit rassistischen, sexistischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten sind untersagt. Missbrauch wird verfolgt.
Bitte geben Sie Name, Vorname und Ihre gültige E-Mail-Adresse an. Damit bieten Sie anderen Lesern die Möglichkeit, Ihnen direkt zu antworten.

