17.3.2008

schweigen

[ Emil Zopfi ]


Der Tages-Anzeiger bietet auf zur Debatte: «Das Schweigen der Denker». Heute Abend in Zürichs Cüpli-Hochburg «Kaufleuten». Im Inserat blickt Max Frisch nachdenklich durch seine Hornbrille auf die Schlagzeile, die offensichtlich dem Thriller «Das Schweigen der Lämmer» nachgedichtet ist. Auf dem Kaufleuten-Podium werden also einige Denker im Lammpelz sitzen, darunter Lukas Bärfuss, der die Debatte im vergangenen Oktober losgetreten hat mit einem bemerkenswerten Text in Tagi-«Brennpunkt»: «Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?» Es standen Wahlen an, die SVP begeisterte die Medien mit dumpfen Drohungen angesichts der drohenden Abwahl Bundesrat Blochers; wir Schriftsteller waren offenbar zu schreib- oder denkfaul um uns einzumischen. Lukas Bärfuss distanzierte sich aber auch von den «untauglichen Pfeifen rauchenden Vorbildern der Vätergeneration», wenn ich ihn richtig verstanden habe, den Meienberg, Frisch und Muschg, die sich in historisch so bedeutsamen Momenten reflexartig zu Wort gemeldet hätten mit einem grossen Essay zum Zustand der Nation. Er forderte Raum für das freie Wort. Danke, Lukas!
Ich habe natürlich sogleich meinen Laptop angeworfen und einen Leserbrief verfasst, doch geriet er zu lange und würde von der Redaktion gekürzt, dachte ich, und habe die Delete-Taste gedrückt. Also geschwiegen. Mit schweren Gewissensbissen. Der Vorwurf peinigt uns ja in regelmässigen Zeitabständen, mal kommt er von der Weltwoche, mal von der WoZ: Die Welt steht am Abgrund und ihr Schreiber schweigt! Ihr kassiert Werkbeiträge und ab nach Berlin oder Dublin und nach euch die Sündflut. Oder noch schlimmer, die SVP.
Man vermisse die Voten der Dichter und Denker heute mehr denn je, schreibt der Tagi im Inserat. Ist das ein Angebot zur Mitarbeit? Damit schiesst sich die Redaktion aber in den eigenen Fuss, meine ich. (Ich hoffe, der Bär-Fuss schiesst heute Abend zurück.) Wo ist denn in diesem und in andern Blättern noch Raum fürs «freie Wort», eine nicht auf Leserbriefmass gestutzte Meinungsäusserung zum Zustand der Welt oder der Asylpolitik oder der Rechtschreibung? Die politische und kulturelle Meinungsbildung in der Presse wird mit wenigen Ausnahmen längst durch die Redaktionen selbst bestritten, so weit sie neben Skandal und Lifestyle noch Platz findet. Wo, bitte, soll man sich zu Wort melden? Hier im Blog? Im Internet, das Joseph Weizenbaum einen riesigen Misthaufen genannt hat, mit ein paar versteckten Perlen?
Ein bescheidener Nachruf auf den kürzlich verstorbenen Informatikpionier, Computerkritiker und Autor steht übrigens direkt über dem Inserat mit dem nachdenklichen Max Frisch, zwischen zwei Konzertkritiken und dem Bericht über einen poppigen Tibet-Vortrag im rappelvollen Volkshaus. Weizenbaum erinnert mich, dass der Tages-Anzeiger und andere Medien vor einigen Jahren noch dem Computer und den Technologien, die unser aller Leben bestimmen und verändern, breiten Raum widmeten, dicke Beilagen druckten mit informativen und mitunter auch kritischen Texten. Da durfte ich mich auch gelegentlich mal zu Wort melden. Doch die Inserate der Branche sind zurückgegangen, und wo keine Werbung ist, da ist auch kein Raum für Text.
Dabei meine ich, es gäbe auch heute noch genügend Themen, die gesellschaftspolitisch wichtiger wären als die Augustfeier auf dem Rütli oder Hillary Clintons Misserfolg bei den Vorwahlen in Wyoming. Man könnte zum Beispiel Joseph Weizenbaums vor 30 Jahren formulierte These diskutieren, dass der Computer ein «Instrument zur Zerstörung von Geschichte» sei, dass die neuen Medien also unser historisches Bewusstsein auslöschen. Vielleicht hat er recht: unser Gedächtnis ist Google, unser «vernetztes» Denken der nächste Hyperlink.  
«Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?» Die Antwort ist einfach: Gebt uns Raum in der Zeitung und wir schreiben. Oder lest unsere Bücher.



Kommentare

Alice
2008-03-17 13:09:41

Ein möglicher Anfang: Diesen Text im Tagi veröffentlichen. An prominenter Stelle. Und Herrn Zopfi und den anderen Bestreitern und Bestreiterinnen dieses Blogs regelmässige Kolumnen anbieten. In der Zeitung. Nicht nur auf dem Netz.

Es gäbe nur eins, das noch besser wäre als diesen Blog online zu lesen: Ihn jeden Morgen in der Zeitung lesen zu können / dürfen. Oder von mir aus einmal in der Woche im Tagi-Magi. Raum wäre zur Genüge vorhanden, wenn die Zeitungsredaktion in Sachen Lifestyle und Bauchnabelschau etwas ausmisten würde. Es hätte übrigens auch Platz in der Sonntagszeitung :-)

Und vor allem wäre ich froh, wenn das nicht ein zeitlich befristetes Projekt bliebe. Ich sehe die Entzugserscheinungen ab Ende April schon auf mich zukommen!


epices6 - epices6 [at] yahoo.com
2008-03-17 14:41:08

Der pompöse, wichtigtuerische Titel des Anlasses (Entschuldigung: des events) scheint der noblen Umgebung gut angepasst, und in der Tat diskutiert heute Abend dort ein “hochkarätiges” panel (Zum Glück ist Robert Menasses Humor und Witz ein gutes Ventil für die Aufgeblasenheit der Sache). Und was ist der dringliche Grund der Diskussion? Die Wahlen vom letzten Herbst? Die zunehmende Xenophobie in der Schweiz? Die offiziell sanktionierte Beihilfe zur Steuerhinterziehung? Etc. Aber nein, es ist der Kinostart des Films “Max Frisch, Citoyen” – die Synergie ist beeindruckend.

Ich hoffe, in einem langen Artikel im Tagi wenigstens eine Zusammenfassung der Diskussion zu lesen und ein paar Antwoten auf “die brenneneden Fragen der Zeit” zu finden.

Wie Herr Zopfi richtig bemerkt, werden die “Freiräume” für SchriftstellerInnenn in den Massenmedien immer kleiner. Kulturelle und politische Meinungsbildung (im Druck) kann nicht in Schlagzeilen oder in auf ein paar Paragraphen gekürzten Beiträgen geschehen. Und zudem: sind SchriftstellerInnen besser für diese Art der Bildung geeignet als PolitologenInnen, Wirtschaftsfachleute, oder JournalistenInnen? Wer will denn heutzutage als “Gewissen” auftreten? Wo ist die Grenze zwischen konstruktiver Kritik und nörgelnder Besserwisserei?

@Alice: zahlreiche und unterschiedliche Stimmen in den Zeitungen zu Wort kommen lassen wäre, wie Sie schreiben, ein möglicher Anfang.

Christian Hofstetter - christianhofstetter [at] gmx.net
2008-03-17 22:11:08

Es ist natürlich richtig, dass der Markt bestimmt, wer in den Printmedien schreiben darf und wer nicht. Und wir Schreiberlinge stören - wenn wir z.B. die Kauflust der Gesellschaftstauglichen hinterfragen - den Marktbetrieb. Ein paar Intelektuelle, also die sogenannten Stars auf der Weltbühne, die im Übrigen keine revolutionär anmutenden Denkansätze produzieren, sind als Meinungsmacher (Quotenbringer) in Gazetten und Magazinen zugelassen. Ein eigentlicher Diskurs über ein Thema findet hierbei selten statt, wobei es ja auch nicht darum geht, sondern um eine Homestory, mit einhergehender Werbeplattform für ein neues Buch eines weltbekannt Porträtierten. Somit schreiben und philosophieren die besten Köpfe, deren Bücher dann überall in den Buchhandlungen zuoberst aufliegen. Der Vorteil davon ist, dass die wichtigsten Gedankenmacher und Gedankentäter als Suggestivkoryphäen für einen funktionierenden demokratischen Meinungsprozess in den Medien geradestehen. Alles im grünen Bereich, eine grundlegend andere Werteordnung würde die Nachhaltigkeit des kommerziellen Erfolgs eines Blattes oder/und die Leichtigkeit des Seins einer These oder Antithese in Frage stellen. Also, hocken wir weiterhin schwermütig vor unseren Zeilen und klinken uns ins Netz ein.

Heinz Robert - heinz_1970 [at] mac.com
2008-03-17 23:02:34

In dem Podiumsgespräch heute Abend im Kaufleuten wurde zum Ende hin viel über etwas gesprochen was ich folgendermassen zusammenfasse: "Wichtig ist, dass wir etwas sagen wenn wir eine Meinung haben, ob es gehört wird oder nicht".
Ich bezeichne mich als Denker aber nicht unbedingt als Intellektueller, da ich mich zwar intellektuell betätige allerdings nichts studiert habe. Und doch bilde ich mir zu vielen Themen meine Meinung und bringe diese immer wieder in verschiedenen Foren und Medien zum Ausdruck. Wichtig ist mir dabei, meine Meinung offen kund zu geben auch wenn ich eventuell nicht gehört werde. Wenn dies mehrere Tausend oder Hunderttausend Menschen tun würden die sonst ihre Meinung nur am Stammtisch oder im Büro verbreiten, dann könnte dies mehr bewirken. Oft schreibe ich ganz spontan ein E-Mail an Politiker und sende dies auch den gegnerischen Parteien und involvierten Organisationen in Kopie. Ich schreibe an Firmen und Organisationen und bitte sie um ihre Meinung zu Themen die in den Medien depatiert werden (z.B. Nokia - Werk Bochum). In den meisten Fällen erhalte ich Antwort, manchmal dauert es länger, hin und wieder höre ich nichts mehr. Allerdings kann ich mit ruhigem Gewissen sagen ich habe "mein Bestes" versucht. Wir alle wurden in der Schule und von unseren Eltern dazu erzogen unser Bestes zu geben, warum tun wir dies nicht in politischen Diskussionen? Wenn ich etwas zu sagen habe, dann ist es auch gut dies einem breiten Publikum zu unterbreiten und Anlass für weitere Diskussion zu geben, so wie hier in dieser Form. Ein Anstoss zum Weiterdenken. Genauso wie diese Podiumsdiskussion ein Anstoss zum Weiterdenken war und ich wünsche mir, dass es nicht die letzte war.

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