21.4.2008

Buch

[ Emil Zopfi ]
Literatur lebt auch ohne Bücher, dieser Blog ist der beste Beweis. Diese Geschichten, Erinnerungen, Gedanken und Tagebuchnotizen existieren ohne Papier und Druckfarbe. Dass daraus auch ein Buch werden soll, hat mit dem «Welttag des Buches» zu tun, der Anlass für dieses Projekt bot. Doch der Widerspruch ist offensichtlich: Wir zelebrieren das Buch auf dem Medium seiner Abschaffung, indem wir Netzliteratur produzieren. Tag der Kranken, Tag der Menschenrechte, Tag der Arbeiterbewegung, Tag des Buches: was immer Gefahr läuft, unterzugehen im Getöse der Welt, wird zum Gedenktag erhoben. Hat das Buch das nötig?
Offenbar schon. Technisch gesehen ist der zwischen zwei Buchdeckeln gebundene Datenträger auf Papier längst veraltetet. Selbst die Literatur braucht ihn nicht mehr zwingend, viele Autorinnen und Autoren betreiben inzwischen ihre kreative Homepage oder «bloggen». Für lupenreine Netzautoren und -autorinnen ist das gedruckte Buch ohnehin so was wie die Bibel für den Teufel. Slampoeten rezitieren papierlos. Genauso wie die Mütter und Grossväter, die aus dem Stegreif ihre Kinder und Enkel mit Geschichten unterhalten und erziehen.
Vor etwa zehn Jahren hat man schon einmal das Ende des Buchs verkündet, auch ich hielt Grabreden. Das eBook kam auf den Markt, eine Art Laptop zum Aufklappen mit mobilem Netzanschluss zu elektronischen Bibliotheken, die jedes Buch der Welt auf den Schirm zaubern können, gegen angemessene Gebühr. Oder gar gratis, so wie man heute Musik fürs ganze Leben auf den iPod herunterladen kann. Ein bestechender Gedanke: Ich sitze am Mount Everest im Biwak, für Tage im Schneesturm blockiert, lade mir zum Zeitvertreib schnell den neuen Philip Roth runter. Das eBook war ein Flop, die Zeit offenbar noch nicht reif, das Angebot dürftig, die technischen Standards noch nicht klar.
Ist das Buch gerettet? Ich weiss es nicht. Auch das Mobiltelefon war zu Anbeginn ein Flop. Fach- und wissenschaftliche Literatur liegt längst im Netz, jetzt verzichtet sogar der ehrwürdige Brockhaus auf eine gedruckte Ausgabe und stellt sein in zweihundert Jahren gesammeltes Wissen online gratis zur Verfügung – finanziert durch Werbung. Ist die werbefinanzierte Literatur der Anfang vom Ende der Buchkultur?
Oder war schon der Fall der Buchpreisbindung der erste Schritt ins Büchergrab? Killt die Globalisierung den Rest des lebendigen lokalen Literaturschaffens? Kulturpessimismus hilft gewiss nicht weiter. Vielleicht ist der Gedanke sogar tröstlich, dass Literatur auch ohne gedruckte Bücher leben wird, allenfalls ergänzt durch «Books on Demand» für jene, die gern Papier zwischen den Fingern spüren, wenn sie im Bett oder am Strand Geschichten lesen. Denn der Mensch braucht Geschichten, in welcher Form auch immer. «So lange es noch Geschichten gibt, so lange gibt es noch Möglichkeiten», sagt Peter Bichsel in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. So lange es Geschichten gibt, können wir hoffen.
Selbst Diktaturen, die Bücher verbrennen liessen, haben es nicht geschafft, alle Autorinnen und Autoren zum Schweigen zu bringen. Sie haben ihre Texte im Untergrund getippt oder von Hand kopiert und weitergereicht. Der politische Witz, das revolutionäre Gedicht oder Lied brauchte kein Papier. Für totalitäre Regimes ist das Internet heute die grössere Bedrohung als das Buch. Darum wird auch die Diktatur der globalen Märkte die Literatur nicht töten.



Kommentare

Fatima Vidal - info [at] schreibszene.ch - http://www.schreibszene.ch
2008-04-21 09:21:07

Lieber Emil Zopfi
Sprechen wir von Afrika, Südamerika, Australien... oder eben von reichen Nationen.
Ich könnte mir vorstellen, dass hier bei uns das Hörbuch gefragter sein wird als Online-Texte. Das Lesen ab Bildschirm ist ermüdend und man kann den Laptop nicht so gut drehen und wenden im Bett wie ein gedrucktes Buch. Schnelle Menschen in einer schnellen Welt brauchen schnelle Zerstreuung. Haben wir denn wirklich Zeit, Bücher zu lesen?
Denn jede Minute kostet... ein Haufen Geld.
Es grüsst, Fatima Vidal

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