20.4.2008

Zum Schluss ein Anfang

[ Peter Zeindler ]

Nach Schreiben "über", das Schreiben an sich: So beginnt (vorläufig) mein neuer Roman...

Das Gesicht des Mannes in Weiss drückte Erstaunen, Begeisterung und Besorgnis zugleich aus. Er fixierte den Monitor, schloss dann das linke Auge wie ein Schütze, der über Visier und Korn sein Ziel sucht, schüttelte den Kopf, immer wieder. Endlich senkte er den Blick und betrachtete wohlgefällig den Unterleib seines Patienten, der mit angehaltenem Atem die Diagnose erwartete.

„So etwas habe ich noch nie gesehen! Einmalig!“

Das war noch immer kein medizinisch überzeugendes Urteil. Der Arzt brauchte wohl Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte. Jetzt schaute er verklärt, als ob er soeben eine weltverändernde wissenschaftliche Entdeckung gemacht hätte. Noch immer ruhte das Ultraschallgerät mit der feuchten Sonde oberhalb von Hypolit Froschauers Penis, der schlaff und unerheblich dalag. Hypolit erinnerte sich an ein frühes Foto, das sein Vater gemacht hatte: Der gefeierte Stammhalter des Geschlechts der Froschauer, acht Wochen alt, lag rücklings nackt auf dem Wickeltisch, mit geöffneten Beinen, der scheinbar überdimensionierte Geschlechtsteil, designierter Garant des Überlebens der Familie, ungeschützt dem fotografierenden Vater dargeboten. Eine Dokumentation, die verpflichtete. Eine uneingelöste Hypothek.

„Ihre Blase erinnert mich an die Antike – ich weiss nur nicht weshalb,“  sagte der Arzt beina-

he feierlich. „Irgendwie archaisch.“

Dieser unvermittelte Ausflug in eine historisch weit zurückliegende Ära kam überraschend und traf Hypolit an einer neuralgischen Stelle seiner Biographie, und so war es naheliegend, dass ihm seine Assoziationen umgehend Gustav Schwabs Standardwerk „Die Sagen des klassischen Altertums“ aufdrängten. Dieser Band hatte ihn in seiner Jugend wie ein dräuender Schatten begleitet, war ihm vom Vater, dem  eine umfassende Allgemeinbildung alles bedeutete hatte, aufgedrängt worden. Hypolit war noch heute ein ewiger Gefangener dieses antiken Territoriums, auf das ihn ja schon sein Vorname festlegte, den ihm sein Vater gegen den Willen der Mutter, die einen biblischen Namen wie Samuel oder Johann vorgezogen hätte, verpasst hatte.

Oskar Froschauer hatte diesen Namen aus Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ herausdestilliert: Hippolytos, Sohn des Theseus, unschuldig und schön von Gestalt.

„Schauen Sie!“ befahl der Gott in Weiss und zeigte mit spitzem Finger auf den Bildschirm.

Hypolit sollte jetzt also Fernsehen. Wie fern?

„Das ist ja wie zuhause vor dem Bildschirm“, murmele Hypolit ausweichend. Er wollte nur Zeit gewinnen.

„Ja, ein bisschen wie Television“, lächelte Dr. Blarer. „Ich habe ihre Blase gescannt, und die Sonde erzeugt ein zweidimensionales Schnittbild. Das ist das sogenannte Echo – Impuls – Verfahren.“

Hypolit drehte den Kopf und betrachten seine Blase, die gar nicht so aussah, wie Blasen aussehen sollten, ein kompaktes Gebilde. Seine Blase hatte Seitengänge, Nischen, Narben.

„Nicht wahr?“ sagte Dr. Blarer, und wieder klang Stolz in seiner Stimme mit, als ob er der Erfinden dieses zerklüfteten Gebildes sei. „Diese Verzweigungen. Mysteriös. Geheimnisvoll.“

„Sie haben recht, Doktor“, sagte Hypolit mit schwacher Stimme. „Ein Labyrinth!  Und da hockt Minotaurus, das Ungeheuer in Gestalt eines Menschen, ein bisschen Mensch, ein bisschen Stier, Gefangener des Labyrinths.“

„Respekt!“ antwortete Dr. Blarer. „Ich habe eigentlich an die Hölllochgrotten gedacht. Oder irgendwo an Frankreichs Küste gibt es auch solche Grotten, vielfach verzweigt, in denen man sich verirren kann. Eine Verwechslung. Aber Sie denken in die richtige Richtung: Minotaurus – ein Mensch mit dem Kopf eines Stiers?“

 


Zum Schluss ein Anfang

[ Peter Zeindler ]

Nach Schreiben "über", das Schreiben an sich: So beginnt (vorläufig) mein neuer Roman...

Das Gesicht des Mannes in Weiss drückte Erstaunen, Begeisterung und Besorgnis zugleich aus. Er fixierte den Monitor, schloss dann das linke Auge wie ein Schütze, der über Visier und Korn sein Ziel sucht, schüttelte den Kopf, immer wieder. Endlich senkte er den Blick und betrachtete wohlgefällig den Unterleib seines Patienten, der mit angehaltenem Atem die Diagnose erwartete.

„So etwas habe ich noch nie gesehen! Einmalig!“

Das war noch immer kein medizinisch überzeugendes Urteil. Der Arzt brauchte wohl Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte. Jetzt schaute er verklärt, als ob er soeben eine weltverändernde wissenschaftliche Entdeckung gemacht hätte. Noch immer ruhte das Ultraschallgerät mit der feuchten Sonde oberhalb von Hypolit Froschauers Penis, der schlaff und unerheblich dalag. Hypolit erinnerte sich an ein frühes Foto, das sein Vater gemacht hatte: Der gefeierte Stammhalter des Geschlechts der Froschauer, acht Wochen alt, lag rücklings nackt auf dem Wickeltisch, mit geöffneten Beinen, der scheinbar überdimensionierte Geschlechtsteil, designierter Garant des Überlebens der Familie, ungeschützt dem fotografierenden Vater dargeboten. Eine Dokumentation, die verpflichtete. Eine uneingelöste Hypothek.

„Ihre Blase erinnert mich an die Antike – ich weiss nur nicht weshalb,“  sagte der Arzt beina-

he feierlich. „Irgendwie archaisch.“

Dieser unvermittelte Ausflug in eine historisch weit zurückliegende Ära kam überraschend und traf Hypolit an einer neuralgischen Stelle seiner Biographie, und so war es naheliegend, dass ihm seine Assoziationen umgehend Gustav Schwabs Standardwerk „Die Sagen des klassischen Altertums“ aufdrängten. Dieser Band hatte ihn in seiner Jugend wie ein dräuender Schatten begleitet, war ihm vom Vater, dem  eine umfassende Allgemeinbildung alles bedeutete hatte, aufgedrängt worden. Hypolit war noch heute ein ewiger Gefangener dieses antiken Territoriums, auf das ihn ja schon sein Vorname festlegte, den ihm sein Vater gegen den Willen der Mutter, die einen biblischen Namen wie Samuel oder Johann vorgezogen hätte, verpasst hatte.

Oskar Froschauer hatte diesen Namen aus Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“ herausdestilliert: Hippolytos, Sohn des Theseus, unschuldig und schön von Gestalt.

„Schauen Sie!“ befahl der Gott in Weiss und zeigte mit spitzem Finger auf den Bildschirm.

Hypolit sollte jetzt also Fernsehen. Wie fern?

„Das ist ja wie zuhause vor dem Bildschirm“, murmele Hypolit ausweichend. Er wollte nur Zeit gewinnen.

„Ja, ein bisschen wie Television“, lächelte Dr. Blarer. „Ich habe ihre Blase gescannt, und die Sonde erzeugt ein zweidimensionales Schnittbild. Das ist das sogenannte Echo – Impuls – Verfahren.“

Hypolit drehte den Kopf und betrachten seine Blase, die gar nicht so aussah, wie Blasen aussehen sollten, ein kompaktes Gebilde. Seine Blase hatte Seitengänge, Nischen, Narben.

„Nicht wahr?“ sagte Dr. Blarer, und wieder klang Stolz in seiner Stimme mit, als ob er der Erfinden dieses zerklüfteten Gebildes sei. „Diese Verzweigungen. Mysteriös. Geheimnisvoll.“

„Sie haben recht, Doktor“, sagte Hypolit mit schwacher Stimme. „Ein Labyrinth!  Und da hockt Minotaurus, das Ungeheuer in Gestalt eines Menschen, ein bisschen Mensch, ein bisschen Stier, Gefangener des Labyrinths.“

„Respekt!“ antwortete Dr. Blarer. „Ich habe eigentlich an die Hölllochgrotten gedacht. Oder irgendwo an Frankreichs Küste gibt es auch solche Grotten, vielfach verzweigt, in denen man sich verirren kann. Eine Verwechslung. Aber Sie denken in die richtige Richtung: Minotaurus – ein Mensch mit dem Kopf eines Stiers?“

 


13.4.2008

Spontanes Schreiben

[ Peter Zeindler ]

Als ich auf die Anfrage, ob ich mich an diesem Blog – Schreiben mit Kolleginnen und Kollegen beteiligen möchte, habe ich zugesagt, spontan, weil mich dieses spontane Schreiben und Nachdenken reizte, das ja – wie ich in Erfahrung gebracht zu haben glaubte – wesentliches Element dieser wohl zeitgemässen Form, sich öffentlich zu äussern ist. Die komplizierte Art und Weise, wie ich das Problem zu definieren versuche und mich ausdrücke, zeigt wohl, dass ich mich schon bald einmal mit dieser sogenannten Spontaneität schwer tat. Ein Blog ist ja so etwas wie ein Tage – bzw. ein Wochenbuch, in dem man niederschreibt, was einem so durch den Kopf geht, was man gerade zu tun im Begriff ist. Als ich mich dann zum ersten Mal überhaupt an meinen PC setzte, um meinen ersten Blog, ohne Entwurf, weil ja wohl eben diese verflixte Spontaneität Sinn der Sache ist, zu verfassen und dann im sogenannten Netz zu platzieren,  scheiterte ich bald einmal. Weil ich ja meinen PC eigentlich nur als etwas raffiniertere Schreibmaschine benütze (wunderschön, keine Tipp – Ex mehr benützen zu müssen und so schweinische Manuskripte abzuliefern) tat ich mir beim sogenannten Einloggen schon schwer und musste Sabina Altermatts fernmündliche Hilfe in Anspruch nehmen, um dabei sein zu können. Mir wurde schon bei diesem ersten Versuch, ja eigentlich schon beim Nachdenken, klar, dass sich etwas in mir verweigerte, frisch von der Leber weg zu schreiben. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich im Vergleich zu den meisten Mitschreibenden einer Generation angehöre, die dieses spontane Schreiben höchstens im eigenen Tagebuch und so ganz im Privaten gepflegt hat. Wenn Schriftsteller oder Schriftstellerinnen schreiben, im Hinblick auf eine Veröffentlichung (und das ist ja wohl unser erklärtes Ziel: Öffentlichkeit herstellen und nicht für die Schublade schreiben) dann ist der Formwille, ist die bestmögliche Formulierung, der ausgereifte Gedanke und noch manches mehr, was auf Vollkommenheit zielt, Sinn und Ziel dieser Tätigkeit.

Und als ich dann noch darüber informiert wurde, dass die versammelten Blogs in einem Buch herausgegeben werden sollen, hielt ich mich noch mehr zurück, fragte ich mich, ob denn Privates, unverarbeitet und unbearbeitet, es verdient, zwischen zwei Buchdeckeln gefasst und dadurch gewissermassen „geadelt“ der Öffentlichkeit vorgelegt zu werden.

Zwar gebe ich zu: Es hat mich interessiert, was die Kolleginnen und Kollegen geschrieben haben, auch das Private. Ich weiss, dass ich in einem früheren Blog geschrieben habe, dass jede Äusserung letztlich politisch sei und die Befindlichkeit einer Generation spiegle. Ich gehöre eben einer andern Generation an, darum ist mein Zugang ein anderer. Mich stört es ja letztlich auch, wenn ich im Tram Junge (nicht nur Junge) lautstark mit ihrem Handy telefonieren höre, dabei Privates erfahre, was ich gar nicht erfahren möchte und feststelle, dass es diese eigentliche Intimsphäre gar nicht mehr gibt (oder jedenfalls weniger Wert darauf gelegt wird) Deshalb wohl habe ich meine Blogs einem Thema gewidmet, in dem zwar Privates enthalten ist, aber so von mir wegformuliert, dass es als solches nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist. Ich habe dabei eben immer ein wenig an die Öffentlichkeit gedacht – altmodisch? Aus diesem Grund werde ich in meinem nächsten letzten Blog den Anfang meines neuen Romans, der nächstens Frühjahr erscheinen soll, veröffentlichen. Erstens: Mein Protagonist ist ja auch eher von gestern, und zweitens: es handelt sich dabei um ein Stück Prosa, an dem ich gearbeitet habe, immer wieder  (und später ja noch einmal überarbeitet werden wird), und letztlich ist dieser Text ja für die Veröffentlichung zwischen zwei Buchdeckeln gedacht.

 
 


06.4.2008

Umfrage

[ Peter Zeindler ]

Umfrage

Da hat mich doch kürzlich abends, so um neun Uhr herum, eine Frau angerufen. Nein! Nicht, die Frau. Eigentlich hatte sie eine angenehme Stimme. Aber die Tatsache, dass sie sich eigentlich nicht mit Namen vorgestellt hat, nein nicht aus Scheu, weil sie als mein vorläufig mindestens noch anonym bleiben wollte, hat mich dann doch sehr irritiert. Die Ernüchterung liess nicht auf sich warten. Anstatt eines klangvollen Namens, zum Beispiel Anna Maria, Ernestine, Laura oder Helena konfrontierte sie mich mit einem Firmennamen, ein Institut oder so, in dessen Auftrag sie eine Umfrage durchführe. Ich war ernüchtert. Ich äusserte meine Verstimmung, und ich wies auf die Uhrzeit hin, jetzt, da es ja so nach Geschäft und nicht mehr nach Traum klang. Ich wollte aufhängen, sie sprach schnell weiter, immer zu, nicht flehentlich, eher bestimmt, und ich wäre mir eben dann doch unhöflich vorgekommen, wenn ich aufgelegt hätte.

 „Nur fünf Minuten! – Ob ich nicht...?“

Ich resignierte. Und dann legte sie los, wollte von mir wissen, welche Anbieter, Telecom, Tele 2, Cablecom, Sunrise oder Orange mir am sympathischsten seien. Sie bot mir eine Wertungsskala von 1 – 10 an. Nicht nur Sympathie spielte eine Rolle, auch der Bekanntheitsgrad, die Zuverlässigkeit, das Vertrauen in den betreffenden Anbieter, die Kundenfreundlichkeit, das Preis-Leistungsverhältnis. Ich war überfordert. Nicht nur, weil ich eigentlich diesbezüglich keine Meinung hatte und zum Teil ja auch nicht kannte, dem Namen nach, mehr nicht, sondern auch deshalb, weil ich als Zensor hoffnungsvoll überfordert war. Ich wollte meine Ruhe haben, nichts weiter. Ich wollte die Frau loshaben, möglichst schnell und schmerzlos.

Und so legte ich mich in der Wertung durchwegs auf die Zahl 6 fest, ein bisschen über dem Durchschnitt, aber eigentlich nicht Spitze, was aber letztlich nicht unbedingt mit der Sache zu tun hatte, mit der ich konfrontiert worden bin, sondern mit meiner Verstimmung, meinem Bedürfnis, auflegen zu können.

Sie hat sich bedankt, hat dann meine in keiner Weise repräsentative Wertung notiert und wird sie dann wohl an ihre Auftraggeber weitergeben. Und wenn ich mir denke, dass ich wohl nicht der einzige war, der sich auf diese saloppe Weise dieser Umfrage stellte – ja dann!

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Klagen eines befreundeten Buchhändlers, den die Umfragen der Bestsellermacher oft abends erreichten, wenn er entweder in der Badewanne gesessen oder Besuch empfangen hat oder eigentlich überhaupt keine Lust darauf hatte, gestört zu werden: Und dann höre ich seine resignierte Wertung: Lobsiger 6, Schweikert 6,

Zopfi 6, Simon. 6, Default 6, Chen 6, Zeindler 6…

Danke für Ihre Auskunft und auf Wiederhören!



30.3.2008

Von Ferne gesehen

[ Peter Zeindler ]
 

 

Einmal mehr hat es mich überrascht, was die Medien im allgemeinen, das Fernsehen im speziellen, bewirken können. Das, was ich kürzlich diesbezüglich erlebt habe, ist ja so noch irritierender als das Schreiben von Literatur. In diesem speziellen Fall. Schreibende gehen von der Realität aus, auch von der eigenen Biographie, benützen diese Stoffe als Startrampe, und heben dann ab, verdichten Erlebtes zur Fiktion, machen Realität unkenntlich, verwischen die Spuren.

Als mich, es ist ein paar Wochen her, die Redaktion 10 vor 10 des Schweizer Fernsehens anfragte, ob ich bereit wäre, mich zum Kunstraub in der Bührle –Stiftung zu äussern, zu spekulieren, waa da wirklich abgelaufen ist, habe ich nach kurzem Zögern zugesagt. Wir, die schreibende Zunft, alle kreativ Tätigen, das fünf Minuten Fernseh-Präsenz in der Öffentlichkeit ein ungleich grösseres Echo auslösen als Lesungen oder eine Buchkritik. Und eitel ist man ja schon, selbst in meinem fortgeschrittenen Alter. Also setzte ich mich, als das Aufnahmeteam bei mir zu Hause eintraf, willig an meinen Computer und fingerte ein paar improvisierte Sätze vor mich hin, dichtete ganz offiziell und sichtbar für jeden, der nicht weiss, wie Schriftsteller arbeiten. Weil ich ja selbst auch einmal für das Fernsehen tätig gewesen bin, wusste ich natürlich, dass dieses stumme Klappern auf dem PC zum Handwerk gehört, dass die zuständige Journalistin diese Bilder dazu benützen würde, das Thema vorzustellen und auch die Person, offensichtlich ein Dichter, den der Bührle – Raub nicht mehr loslässt, ihn Tag und Nacht beschäftigt. Soweit so gut. Weiter ging es zum Tatort, wo besagter Dichter durch die Eisenstäbe äugte, den Tattort, der hermetisch abgeriegelt war, zu inspizieren. Anschliessend gab ich da noch ein Statement ab, äusserte Mutmassungen, was die Täterschaft betrifft Und weiter ging’s hinauf zum Burghölzli, wo ja zwei der Bilder in einem weissen Opel Astra, der vor der psychiatrischen Anstalt geparkt worden ist, gefunden wurden.. An dieser zweiten neuralgischen Stelle des kriminellen Geschehens bewegte ich mich nachdenklich, dann aber wieder hellwach und mit Schnüfflerblick um mich schauend, auf die Kamera zu. Dann war das zweite Statement gefragt: Wo endet die Geschichte? Sie endet, dachte ich laut, dort, wo auch Dürrenmatts Geschichten oft endeten: Im Irrenhaus. Ich dachte also laut an Dürrenmatt, an seine „Physiker“ zum Beispiel und an Friedrich Glauser,

an die Waldau, wo er behandelt wporden ist oder an seinen Roman „Matto regiert“. Bei einer zweiten Aufnahme dieses Statements wurde ich gebeten, Glauser wegzulassen. Ja und dann wurde das Ganze abends noch gesendet, etwas gekürzt und auch ohne Mittun einer Kollegin, deren Meinung vor mir auch noch erkundet worden ist. Aber eben: Die deutschen Schwarzgeldakrobaten auf liechtensteinischen Banken, brandaktuell, wollten auch abgehandelt werden. Und so sah ich mich dann in kunstvoller Verkürzung als der Schriftsteller dargestellt, der, vom Bührle – Raum angeturnt, angefangen hat, diese realistische Vorgabe in die Fiktion zu transferieren. Zeindler schreibt einen Roman über diesen toll-dreisten Kunstraub. Wäre ich doch zur Zeit nicht mit einem andern Stoff beschäftigt, der mich ganz besetzt! Dann hätte ich nicht den vielen Kollegen und Freunden und auch nur halbwegs Bekannten erklären müssen, dass das, was sie am Fernsehen als Realität verkauft wurde, blosse Fiktion gewesen ist: Fake. Das einzige was stimmte: Mein Name ist Peter Zeindler.

 

 



23.3.2008

Keine Moralpredigt

[ Peter Zeindler ]

Blog 7

Dass mir diese Osterpredigt so viele Schwierigkeiten bereiten würde, hätte ich trotz meiner Skepsis, die mich befallen hatte, kurz, nachdem ich eingewilligt habe, nicht gedacht. Wie redet man denn die Leute, zu denen ich spreche, überhaupt an? Das ist ja keine Lesung, kein Referat vor einem Fachpublikum.

Also: So werde ich beginnen:

Meine Damen und Herren –
Ja, hier stocke ich bereits Sie merken, wie schwer ich mir schon bei der Anrede tue. Ich spreche zu Ihnen als Schriftsteller. Ich bin kein Pfarrer, kein studierter Theologe. Und als Schriftsteller, der nur in seinem eigenen Namen spricht, kann ich wohl die Anrede „Liebe Gemeinde“ nicht benützen. Wenn ich von dieser Anrede „Liebe Gemeinde“ das Wort „gemeinsam“ ableiten kann, ja dann: Wir verbringen diese österliche Stunde gemeinsam, und ich möchte sie mit den Gedanken vertraut machen, die ich mir im Zusammenhang mit diesem, nach Karfreitag wohl bedeutendsten protestantischen Feiertag gemacht habe.

Nachdem ich mich also erklärt, meinen Einstieg vorsichtig vorbereitet habe, gibt es da schon eine zweite Klippe, die ich umschiffen muss. Ich halte eine Predigt. Ich rede nicht einfach daher. Ich muss ich also wieder erklären, meine Position umreissen, die Position eines Schriftstellers zuerst und nicht eines Gläubigen. Ein Zweifler also:

Ich halte jetzt also eine Predigt. Doch – der Ausdruck „Predigt“ irritiert mich. Ich assoziiere, wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, damit eigentlich weniger die Ansprache, die ein Pfarrer am Sonntagvormittag in seiner Kirche hält. Der Ausdruck Strafpredigt oder Moral – oder Gardinenpredigt hat den ursprünglichen Sinn dieses Wortes unterlaufen, verdrängt. Womit das wohl zu tun hat?

Vielleicht auch damit, dass die predigenden Geistlichen ja früher oft ihre Schäfchen auf den Weg der Tugend bringen wollten. Die unten, zu ihren Füssen, sassen da mit ihrem schlechten Gewissen, konfrontiert mit all dem, was ihnen an höllischen Qualen in Aussicht gestellt wurde, wenn sie nicht gehorchten, nicht den Weg der Tugend gingen. Da wurde die Gemeinde in die Rolle der Kinder gedrängt, der Kinder Gottes, dies nicht im positiven Sinn des Wortes, und ich frage mich im Nachhinein, wie denn diese Geistlichen von damals die tröstliche Botschaft interpretieren wollten, die letztlich diese Ostertage, von Karfreitag bis heute, Christi Leiden, Sterben und Auferstehung beinhaltet...

Beim Schreiben an dieser Predigt habe ich immer wieder gefragt, ob denn ein Schriftsteller der richtige Mann für eine solche Aufgabe ist, weil unsereiner ja Ausdrücke wie „Moral“ eher verdächtig sind. Oder bin ich da allein mit meiner Meinung, weil ich der Sorte Literatur, die eine Moral transportiert, eigentlich misstraue? Schliesslich hat ja Schiller das Theater auch als moralische Anstalt verstanden.

Doch: Schreiben von Prosa ist ja letztlich etwas Privates, richtet sich nicht an ein grosses Publikum, sondern meint den Einzelnen, der zusammen mit all den andern Leserinnen und Lesern unser Publikum ausmacht. Öffentlichkeit stellen wir im Umweg über das Private her. Als predigender Schriftsteller muss ich mich vor einer Gemeinde erklären, muss ich weit hinten Anlauf nehmen, kann die Zuhörenden mit meinen Gedanken nicht direkt konfrontieren, sondern muss berücksichtigen, dass sie als wohl regelmässige Kirchgänger von andern Voraussetzungen ausgehen als ich, dass sie sich an Inhalte und Formulierungen gewöhnt haben, an das, was ihr Gemeindepfarrer üblicherweise predigt. Der Pfarrer kann ja von dieser in der Bibel festgeschriebenen Übereinkunft  ausgehen: Wenn er zu reden beginnt, baut er auf das grundsätzliche Einverständnis seiner Zuhörer. Und so frage ich mich heute, am Vorabend meines Auftritts in der Kirche, ob ich denn nicht besser mir treu geblieben wäre: Schreiben und nicht reden.

 
 


16.3.2008

"Die Kunst geht nach Brot..."

[ Peter Zeindler ]

Schon ein eigenartiges Gefühl für einen Schriftsteller, von einem Pfarrer gebeten zu werden, in seiner Kirche die Osterpredigt zu halten. Und dieses, obwohl mich dieser Pfarrer noch nie an einem Sonntag in seiner Kirche gesehen hat. Dass ich im Quartier wohne, war ihm offensichtlich Grund genug, mich anzufragen. Doch dann die Präludien: Wie soll ich dem Pfarrer beibringen, dass ich diese Predigt, wenn schon, nicht umsonst schreiben werde? Dieses: „Wie sag ich’s meinem Kinde?“ war gar nicht das eigentliche Problem. Der Draht zum Pfarrer war unkompliziert, freundschaftlich, wie sich herausstellte. Er sah durchaus ein, dass nicht nur die Kunst, sondern auch die Predigt eines Autors „nach Brot aus ist“, also bezahlt werden sollte. Nicht so jedoch die verantwortlichen Stellen, die anscheinend grundsätzlich der Meinung waren, das Privileg, als Laie  in einem Gotteshaus predigen zu dürfen, (und womöglich die Aussicht auf einen Platz im Himmel) sei schon Entschädigung genug. Der schnöde Mammon war eigentlich kein Thema in diesen Kreisen. Dass man sich dann doch noch auf ein, im Vergleich zum Aufwand, bescheidenes Honorar einigen konnte, sprach  letztlich für diese Gremien.

Nicht zum ersten Mal stelle ich fest, (und ich denke, manche Kolleginnen und Kollegen haben dieselben Erfahrungen gemacht) dass in gewissen Kreisen die Meinung vorherrscht, es sei ja schon Ehre genug, wenn ein Autor sich vor einem erlesenen Publikum präsentieren und aus seinem Werk vorlesen dürfe. Von Bezahlung ist oft nicht die Rede. Ein, zwei Flaschen Wein als Präsent oder vielleicht sogar ein Bildband mit Sehenswürdigkeiten des Ortes, an dem der Auftritt stattfand oder eine Jubiläumsschrift der Institution, die geladen hat, waren Ausdruck des Wohlwollens der jeweiligen Gastgeber: Der Schriftsteller in der Rolle des Hofnarren, der zwar alles sagen darf, dessen „Weisheiten“ jedoch nur mit Almosen, mit „Brosamen vom Tische des Herrn“ vergolten werden.

Ich meine, dass sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller in dieser Hinsicht solidarisieren und auch besser organisieren sollten. Es geht hier nicht um Lesungen in Gemeindebibliotheken oder Kulturkreisen, es geht um Aufritte vor einem Publikum, das scheinbar  immer noch der Meinung ist, dass Schriftsteller keinem Brotberuf nachgehen; dass sie Schreiben als Hobby betreiben und froh sein müssen, wenn sie von sogenannt Kulturinteressierten zur Kenntnis genommen werden und ihnen eine Plattform geboten wird. Zwar hat schon zum Teil ein Gesinnungswandel in der Öffentlichkeit stattgefunden, doch sind unsere Honorare (ich meine nicht nur bei Lesungen, die ja keine zusätzliche Schreib- und Denkarbeit verlangen) im Vergleich mit gewissen Referenten aus  Bank- und Wirtschaftskreisen, aus dem Bereich des Sports etc. noch immer äusserst bescheiden: Eine Anpassung, verbunden mit einer entsprechenden Einschätzung des gesellschaftlichen Stellenwerts der Schreibenden ist unbedingt gefragt! Und auf unserer Seite ist das auch eine Frage des Selbstbewusstseins der Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

 
 
 


09.3.2008

Unpolitische Autoren?

[ Peter Zeindler ]

Da stand doch in letzter Zeit immer wieder der Vorwurf im sprichwörtlichen Raum: Die heutigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind unpolitisch. Sehnen sich diese Kritiker  in einer nostalgischen Anwandlung etwa in die 68er Jahre zurück, als die Literatur scheinbar auf der Strasse stattfand oder die Literatur mindestens ihre Stoffe von der Strasse bezog? Klingen ihnen noch immer die Kriegsrufe der demonstrierenden Jugend in den Ohren?: „Ho – Ho – Ho – Chi minh!“  Oder trauert man den 80er Jahren nach, denkt man an „Züri brännt“, als die Schaufensterscheiben an der Bahnhofstrasse in Brüche gingen, und die Polizei, martialisch mit Helm und Schild ausgerüstet, das Opernhaus bewachte? Das sind Bilder, die sich mir eingeprägt und die Geschichte gemacht haben. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an die sogenannte Vergabung von Geldern für literarische Werke und die ebenfalls mit Geld verbundenen literarischen Auszeichnungen im Zürcher Rathaus: Franz Hohler hat damals dem Zürcher Regierungsrat Gilgen, dem Vertreter der Obrigkeit, der diese Auszeichnungen per Handschlag überreichen wollte, eben diesen Handschlag verweigert. Genommen hat er das Geld damals schon, nur...es war die Geste, die zählte. Schriftsteller machten damals von sich reden. Von sich reden, mehr nicht.

Trauert man heute zum Beispiel auch den Zeiten nach, als sich Adolf Muschg um das Amt  eines Ständerats bewarb und dafür Wahlkampf betrieb? Wenn letztlich auch ohne zählbaren Erfolg. Aber er hat sich öffentlich politisch geäussert; er hat Stellung bezogen. In Namen einer grossen Minderheit. Und vermissen wir Niklaus Meienberg, den Amokläufer, den Mann mit dem Zweihänder, vor dessen brillanten Attacken sich mancher Protagonist des politischen Establishments durch Wegducken zu retten versuchte?

Wenn ich die Aufzeichnungen meiner Kolleginnen und Kollegen in diesem Literaturblog lese, finde ich keine politischen Manifeste, keine Aufrufe zum Umsturz, eigentlich kaum Gedanken, die jene, denen das politische Element in der Literatur fehlt, glücklich stimmen könnten. Da erfährt man viel Privates, vieles aus dem Alltag der Kolleginnen und Kollegen, Reflexionen über das Schreiben.  Man liest von Begegnungen, über die Wehmut bei der Wiederbegegnungen mit eigenen Büchern im Antiquariat oder es geht um Geldsorgen. Und wenn ich diese Aufzeichnungen lese, stelle ich fest, dass es mich interessiert, was diese Kolleginnen und Kollegen denken und tun und möchten.

Ja, das ist alles sehr privat; da wird nicht provoziert, nicht einmal subversive Gedanken werden geäussert. – War denn das bei Max Frisch anders? Ich erinnere mich an meine Lektüre seiner „Tagebücher“; die mich faszinierten, an diese unprätentiöse Art, über das nachzudenken, was ihm während einer Reise oder im Alltag „zufiel“, und dieses Nachdenken in einleuchtende Sätze fassen zu können.. Das war eigentlich alles auch sehr privat; aber es regte an zum Weiterdenken. Wie hat Frisch doch schon geschrieben? „Zum Fragen bin ich da, nicht zum Antworten.“

Frischs Tagebücher sind nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, in diesem politischen Vakuum, in der Zeit des Versuchs einer Neuorientierung. Und es waren ja auch nicht die Schriftsteller, die die 68er Bewegung ausgelöst haben, sondern die Studenten. Und auch in den Achtzigern kamen die Impulse aus einer andern Ecke.

Das literarische Werk beruht schliesslich auf eigenem Erleben, auf Biographischem, auf Privatem. Die Autoren sind Seismographen, die Erschütterungen registrieren, die sich im Innern unserer gesellschaftlichen Systeme bemerkbar machen, und ihr Schreiben ist vergleichbar der Aufzeichnung dieser Ausschläge. Die Beiträge in diesem Literaturblog, scheint mir, liefern einen Querschnitt durch die gegenwärtige Befindlichkeit von Schweizer Autorinnen und Autoren. Schreibende geben Aufschluss darüber, was sie beschäftigt, und wenn sie denn in den Augen kritischer Zeitgenossen unpolitisch daherkommen, hat das nicht mit den Autoren, sondern mit ihrem Umfeld zu tun, in der sie sich bewegen. Diese Welt ist zwar voller Angriffspunkte, eine Welt der Kaufenden und Käuflichen, aber sie ist in ihrem Innern erstarrt, und es zeigt sich, dass ihr nicht einmal die Experten, zum Beispiel die Finanzexperten, beikommen, und die sogenannten Laien sind so oder so ratlos. Der Rückzug ins Private spiegelt eben auch die Position der Schreibenden zwischen allen Stühlen, zeigt ihre Ohnmacht im Umgang mit dieser kompakt–komplexen, scheinbar hermetischen  Welt.  Und was heisst denn in diesem Zusammenhang überhaupt „unpolitisch“? Ist nicht unser gesamtes Leben, im Kleinen wie im Grossen, letztlich politisch?

 
 


02.3.2008

Lesungen

[ Peter Zeindler ]

Eigentlich freut man sich ja, wenn wieder eine Lesung ansteht. Autoren, die keine Lesungen haben, werden weniger zur Kenntnis genommen. Je mehr Lesungen, desto höher der Marktwert, denkt man. An Lesungen begegnen sich die Leserschaft und der Schreibende direkt;  Autor und Publikum Auge in Auge. Beide wollen sich kennen lernen: Wer ist der Mensch, der ein bestimmtes Buch geschrieben hat, und wer sind meine Leser? Diese beiden Fragen suchen eine Antwort. Die Menschen, die zu Lesungen kommen – vorwiegend Frauen und auch ein paar wirklich interessierte Männer, aber auch solche, die von ihren Gattinnen gewissermassen genötigt wurden, sie zu begleiten und, für einmal, das Spiel der Championsligue am Fernsehen auszulassen -  sind grundsätzlich zugewandt, sind bereit, zuzuhören, sich auf den Autor einzulassen.  An einem solchen Abend vor interessierten Menschen zu lesen und nicht nur in mürrische verstockte Männergesichter zu schauen, ist wohl das höchste der Gefühle für Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Nur – wenn ein zur Lesung geladener Autor sich bereits mit einem neuen Stoff beschäftigt, wenn er vielleicht schon die ersten Seiten eines neuen Romans geschrieben hat, sich hineintastet, Schritt für Schritt, sein Personal rekrutiert hat,  besetzt ist von seinen neuen Figuren, kommt ihm eine Lesung oft in die Quere. Ich spreche von mir: Ich sehe mich dann in der verzwickten Lage, authentisch zu wirken. Identifikation mit dem Buch, aus dem ich lese, ist gefragt, obwohl mich ja bereits der neue Stoff ausfüllt. Ich bin ein Fremder in meinem eigenen Text.

Zuerst also ist da eine Irritation. Lesungen zwingen mich als Autor zum Innehalten. Ich muss, wenn ich aus einem bereits „abgelegten“ Text vorlese, notgedrungen einen Schritt zurück tun.  Es ist ja nicht der Text eines andern, den ich vorlese. Ich begegne vorlesend ja immer mir selbst, einem vermeintlich „abgelegten“ Stück Biographie, die sogar mir, dem Autor, manchmal fremd vorkommt.

Aber dann denke ich auch: Lesungen können heilsam, nützlich sein. Die Wiederbegegnung mit einem eigenen Stoff, dem ich scheinbar „weggeschrieben“ habe, zwingt mich zum Nach – Denken im wörtlichen Sinn.

„Reculer pour mieux sauter“ lautet die französische Weisheit, die ich schon einmal zitierte. Sie erinnert mich an eine Periode in meinem Leben, in der ich oft von Flugzeugen geträumt habe, die zu immer neuen Startversuchen ansetzten und letztlich doch am Boden blieben. Oder wenn sie dann in späteren Träumen doch abhoben, flogen sie, mit mir als Passagier, durch enge Häuserfluchten  - die Flügelenden touchierten beinahe die Fassaden – oder sie flogen schwankend durch Schluchten oder unter Brücken durch, immer in Bodennähe, ohne an Höhe zu gewinnen.  Dann resignierte der anonyme Pilot und startete einen neuen Versuch. Und plötzlich, eines Tages, sass ich in meinem Traum selbst im Cockpit, war ich der Chefpilot, flog steil in den Himmel und ereichte endlich die erwünschte Flughöhe.

So gesehen, sind Lesungen letztlich kein unwillkommener Break im Schreibprozess, sondern sie zwingen uns ganz einfach dazu, noch einmal zurückzugehen, immer wieder Anlauf zu nehmen, uns auf das zu besinnen, was vorher war. Sie bringen uns zum Nach – Denken, bringen uns dazu,  uns immer wieder selbst zu begegnen. Das ist letztlich eben doch ein notwendiger Prozess, der uns auch ermöglicht, Ballast abwerfen, um endlich abheben zu können, unterwegs zur angepeilten neuen Destination.

Wie habe ich doch kürzlich in einem meiner „Sonntagsblogs“ geschrieben?

„Letztlich aber ist dieser Einfall nur das Resultat immer neuer Versuche, einen Stoff literarisch in den Griff zu bekommen, ihn zu formen. Der Einfall ist das Resultat von zahlreichen Prozessen der Euphorie und des Verwerfens eines Gedankens, des Sich – Drehens an Ort, von Attacken der Resignation auch.“

Hilfreich auch, wenn man zurückschauend, sich selbst zitieren kann.

 
 


24.2.2008

Deutsche und Schweizer

[ Peter Zeindler ]

Hat doch letzte Woche so etwas wie ein halboffizieller Annäherungsversuch zwischen Deutschen und Schweizern stattgefunden. Annäherungsversuch? Wohl ein Versuch, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Ich weiss ja nicht, ob ein solches Unternehmen notwendig ist, denn in meinem Freundeskreis gibt es viele Deutsche, und eigentlich habe ich nie den Eindruck, es gäbe zu viele Reibungspunkte, die Nähe, Austausch verunmöglichen. Zwar: Ich erinnere mich an das sogenannte „Doktorandenseminar“ beim Zürcher Germanisten Emil Staiger, dessen 100. Geburtstag letzte Woche gefeiert wurde. Wenn Staiger damals in diesem erlesenen Kreis im Zusammenhang mit einem zur Diskussion stehenden literarischen Thema eine Frage stellte und dann lächelnd auf eine Antwort wartete, dauerte es nicht lang, bis unsere deutschen Kommilitonen die Hand hoch streckten und auch gleich zu reden begannen. Nein, nicht dass sie die Antwort auf Anhieb präsentiert hätten; sie begannen einfach einmal zu reden, entwickelten ihre Gedanken vor den andächtig lauschenden Schweizer Kollegen, die einmal mehr feststellen mussten, dass die „deutsche Methode“, das Laut – Denken, ihnen nicht liegt. Wir Schweizer dachten immer, dem Professor die definitive, die gültige Antwort sofort und komprimiert geben zu müssen: in einem Satz, auf den Punkt gebracht.

Ich frage mich manchmal, ob sich aus solchem Verhalten nicht auch ein grundsätzlicher Unterschied in der Art und Weise, wie die Autorinnen und Autoren dieser beiden Länder sich ihrer Stoffe annehmen, ableiten lässt. Dieses spontane Drauflosschreiben, das ja auch Thema verschiedener Blogs war, ist, glaube ich, nicht Sache der Schweizer. Ich verallgemeinere jetzt: Schweizer fangen an zu schreiben, wenn ein Gedanke in ihrem Kopf Kontur annimmt, wenn er gereift ist. Sie bekennen dann Farbe, wenn sie das Ende, wenn auch vage, vor sich sehen. Es gibt Ausnahmen: Ich erinnere mich an eine Begegnung, Jahre her, mit Jürg Federspiel, der mir von seinen drei Anläufen erzählte, die er im Zusammenhang mit einem neuen Romanstoff unternommen hat. Der erste Versuch ist über 200 Seiten weit gediehen, bevor er ihn abbrach. Der zweite endete schon nach 100 Seiten. Und beim dritten Mal sei er schon nach dreissig Seiten gescheitert, hat er geknickt gestanden.

Damals habe ich mir überlegt, ob ich mich nur deshalb für das Genre des Krimis, bzw. Agentenromans, entschieden habe, weil ich mich so gezwungen sah, auf ein fixiertes Ende zuzuschreiben, alle meine Figuren im Hinblick auf dieses Fernziel zu entwickeln und ihnen „Seitensprünge“ und mir Exkurse zu verbieten. Somit wäre ja der Krimi ein typisch schweizerisches Genre, was man angesichts der vielen Schweizer Autoren, die dieses Genre als Start-

rampe benützen, eigentlich annehmen könnte. Der Krimiplot als Korsett.

Im Verlauf der Jahre, stelle ich fest, bin ich, wenn meine These stimmt, kein typischer Schweizer Schriftsteller mehr. Ich beginne zu schreiben, wenn das Ziel noch keine festen Konturen erkennen lässt. Ich schreibe und immer wieder, bei jedem neuen Anlauf, kehre ich zurück zum Anfang, korrigiere, festige das Fundament, und dann schreibe ich weiter, und so jeden Tag. Ich erinnere mich an eine französische „Lebensweisheit“, die ich einmal aufgeschnappt habe und die ich mittlerweile wohl verinnerlicht habe: „Reculer pour mieux sauter“.

Immer wieder Anlauf nehmen, die Möglichkeit des Sich – Verirrens, „Sich – Verschreibens“

auf sich nehmen. Das gilt vielleicht nicht nur für die mündliche Auseinandersetzung mit einem Thema; das mag auch für die Schreibenden Gültigkeit haben, die ihre „Schreibe“ letztlich auch als Wagnis verstehen. Feigheit, Duckmäusertum ist wohl ein schlechter Ratgeber für Autoren, wenn sie anfangen zu schreiben. Die Verantwortung für das, was man schreibt, übernehmen wir dann, wenn wir aus kritischer Distanz, beim Versuch, die Basis zu zementieren, uns immer wieder in Frage stellen. Nicht gleich – aber später. Und dann gibt es noch das Lektorat – wenn unterwegs das Geschriebene unseren eigenen Kriterien genügt.



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