18.4.2008
Ein Tag, 108
Ein Tag, 108
1. Einen fulminanten Schlusspunkt wollte ich setzen, eine Bilanz ziehen nach drei Monaten AutorInnenalltagsmitschrift; stattdessen sitze ich müde am Bett des Zehnjährigen, der lange nicht einschlafen kann, weil er heute von einem Unbekannten aus einem stehenden Auto heraus angesprochen wurde, ob er Panini-Bildli sammle. Der ältere Mann lud den Fünftklässler ein, sich zu ihm ins Auto zu setzen, er wolle ihm seine Bildli zeigen undsoweiter (zum Glück hat R. sich genau richtig verhalten, ist mit seinem Trotti davon gefahren, der Mann zunächst hintendrein, dann liess er ihn ziehen. Mein Mann ruft die Schule und die Polizei an, die sofort einen Streifenwagen losschickt). Die Geschichte klingt, als sei sie schlecht erfunden (oder von Dürrenmatt); als hätte sie bloss die Wahl zwischen „grässliches Schauermärchen“ oder „einem drittklassigen Film entsprungen“. Trotzdem ist sie wahr.
Rs aufwühlender Anruf erreichte mich um zehn vor vier, mitten in einem hoch spannenden Brainstorming zum (im ersten Blog-Eintrag erwähnten) Theaterprojekt zum Thema Macht. Wir phantasierten zu viert über die Macht einer möglichen Hauptfigur: ein (vermeintlich) ohnmächtiger, weil abhängiger Kranker, als innert Sekunden meine BinnenFamilienwelt aus den Fugen geriet, und ich mich für einen Moment lang wirklich ohnmächtig fühlte. Ohnmächtig, weil ich in diesem Moment nicht dort war, wo R. war; ohnmächtig, weil ich ihn nicht sofort in die Arme nehmen konnte; ohnmächtig, weil dieser Moment nicht durch einen anderen Moment zu ersetzen war.
2. Später feiern wir Ds 19. Geburtstag: trotzdem.
3. Und dann naht die Bookparade: Einmal mehr werden besorgte Eltern, Lehrer und andere pädagogisch Interessierte die Wichtigkeit der Leseförderung betonen. Als ob das Lesen an und für sich etwas Gutes sei. Als ob nicht das allermeiste, was heutzutage gelesen und geschrieben wird, Schrott wäre (und womöglich auch nichts anderes sein will als eben: Schrott). Ist es nicht eigentümlich: Nachdem man schon das Ende der Schriftkultur befürchtete, ist das Medium der Schrift mit SMS, Chat und Gratiszeitungen noch einmal so richtig durchgestartet und massentauglich geworden.
Weit weg allerdings sind wir da von der Schrift als kulturelles Erbe, als Selbstversicherung der eigenen Geschichte. Weit weg auch von der Sprache als Machtinstrument, von der Sprache als Medium, in dem Wissen gespeichert wird...
4. Ach ja, fast hätte ich’s vergessen (Achtung, Werbung in eigener Sache): es erscheint nicht nur demnächst das wundersam zauberhaft schnellgeschwinde Blogbuch - auch ein jahrelanges Projekt hat nach etlichen Schwierigkeiten seine Präsentationsform gefunden: die Künstlerinnen Pascale Gmür und Mara Mars haben über zehn Jahre hinweg zehn Leute fotografiert – je einmal pro Jahr – und daraus ein reproduzierbares Objekt generiert. Dazu habe ich ein paar Texte beigesteuert, die mir beim Betrachten der Gesichter eingefallen sind. Eins oder zwei dieser kostbaren Objekte werden am 23. April im Neumarkttheater aufliegen.
5. Das ist kein Schlussatz, aber dennoch ein Abschied.
11.4.2008
Ein Tag, 101
Ein Tag, 101
Vergeblich habe ich epice6@yahoo.com eine Mail zu schicken versucht. Die Adresse scheint nicht zu existieren, was gerade das erschwert, was von gar manchen KommentatorInnen hier moniert wird: der fehlende Austausch, die fehlenden Debatten, dass die Blogger kaum reagieren auf die Kommentare, aber auch nicht unbedingt auf die Beiträge der KollegInnen.
Dazu ein paar Überlegungen, während ich einmal mehr im Zug sitze auf dem Weg nach Biel und es die ganze Zeit über regnet, als wolle es nie mehr aufhören; als gäbe es für das Himmel keine andere Möglichkeit, als eben zu regnen und die Wassermassen in satten Schrägstreifen dem Zugfenster entlangzuschicken.
Also: Entsteht nicht auch im Nicht-Expliziten-Antworten auf Beiträge der KollegInnen so etwas wie ein Dialograum? Indem ich nicht explizit auf Zeindler oder Zopfi eingehe, bedeute ich doch nicht, dass ich nicht mit ihnen kommuniziere, bzw. mich in einem Kommunikationsraum mit ihnen bewege. Spannender als ein Frage- und Antwort-Spiel finde ich die Berührungen, die sich ungewollt, absichtslos ergeben, das Umkreisen ähnlicher Fragen auf je eigene Weise, die auf jeden Fall auch widerspiegeln, dass die hier beteiligten AutorInnen einander lesen, zumindest deren Einträge in diesem Blog.
Warum daraus nicht eine fulminante Debatte wurde? Vielleicht bewegen sich die hier beteiligten AutorInnen auf zu unterschiedlichen Ebenen? (Jetzt bin ich schon wieder auf der Rückfahrt, und erinnere mich, wie ich einer sehr klugen, sehr begabten Studentin begreiflich zu machen versucht habe, dass das Wesentliche an einer Begabung ihre Begrenzung ist. Ihre Begrenztheit. Nur so und nicht anders können. Widmer kann nur wie Widmer, Altermatt nur wie Altermatt und Zeindler nur wie Zeindler. Das ist dann das, was man „unverwechselbar“ oder „der hat eine eigene Sprache“ nennt. Und wenn Zeindler wie Frisch könnte, dann wär er weder Zeindler noch Frisch Frisch....)
Ausserdem suche ich zB. erst vorsichtig nach einer Sprache, die in nicht- fiktionalen Texten "funktioniert". Dann ist die ganze Bloggerei ja eine Instant-Geschichte, verlangt also Geschwindigkeit, Text sofort, quasi live, was mir zuweilen recht eigentlich widerstrebt, manchmal indessen – auch das sei nicht verschwiegen - dem Tag erst den entscheidenden Kick gibt. Big Brother is watching you, jetzt, now, das hat ja auch etwas Beruhigendes, gesehen und beurteilt zu werden (und solang niemand aufschreit, darf man/frau sich getrost für normal halten); ausserdem bin ich selber es, die mich und meine Nächsten schreibend betrachtet und bewacht.
Interessiert bin ich durchaus an Reaktionen; es überfordert mich aber manchmal, dass sich da Leute anonym äussern, während die AutorInnen hier noch die medizinischen Diagnosen verkaufen (müssen), die gegebenenfalls die Arbeitsunfähigkeit bescheinigen.
Ich hätte nicht gedacht, dass hier zu schreiben, so viel Raum einnimmt.
Dann schreibe ich endlich einmal wieder szenisch; erste Entwürfe für ein halbes Stück; vorsichtig, freudig, ohne zu wissen, ob daraus etwas wird; zwei Geschwister um die vierzig, die sich über Ostern im Tessin treffen, wo sie als Kinder immer in den Ferien waren. Die eine Schwester hingegen fehlt, sie ist vor ein paar Monaten tödlich verunfallt; stattdessen ist ihr Lebenspartner mit dem zehnjährigen Sohn mit dabei. Jeder und jede, zeigt sich, beansprucht ein Recht auf die Tote..., will sie als einzigeR wirklich gekannt haben, etc...
Wenn ich das hier so lese, denke ich, dass Inhaltsangaben fast immer alles kaputtmachen. Man verzweifelt an der Form, nicht am Stoff. Man verzweifelt am Stoff, nicht an der Form. Beide Sätze scheinen mir abwechslungsweise richtig, und dann sage ich doch tatsächlich zu, an einem orientalischen Geschichtenabend in Winterthur Geschichten nach Zuschauerwünschen ad hoc zu erfinden - als vermöchte das Erzählen mich vom Dilemma des Schreibens zu erlösen.
Zuhause dann ein krankes Kind und vor mir eine lange Nacht.
P.S: Nun ja, ich habe den Fehler erkannt: nicht epice6 heisst der belesene Kommentator, sondern epices6; leider (zum Glück) ist mir das erst jetzt "siedendheiss" bewusst geworden, als ich die Adresse nochmals überprüft habe... ich bitte um Verzeihung, untertänigst
04.4.2008
Ein Tag, 94
Ein Tag, 94
Eigentlich hätte ich diesen Eintrag (und die zwei verbleibenden Texte ebenso) bis Sonntagabend, 30. März schreiben sollen, damit sie Eingang finden ins geplante Buch. Ich habe es redlich versucht; gescheitert bin ich an meiner mangelnden Vorstellungskraft, was die Zukunft angeht. Was geschehen ist, weckt meine Fantasie, weckt die Lust, es umzudeuten und in der Erinnerung dem „was wäre gewesen wenn“ nachzuspüren, während das, was geschehen wird, mich merkwürdig uninspiriert und ratlos vor dem Bildschirm sitzen lässt.
Ausserdem war ich dieses Wochenende zum ersten Mal zwei volle Tage ohne das jüngste Familienmitglied (und auch ohne alle anderen Familienmitglieder) von zu Hause weg. Zurück also aus Bad Tölz. Bad Tölz ist ein Kurort in den Bayrischen Alpen südlich von München, mit Jodquelle und Alpamare, das deutsche Pendant zum Alpamare in Pfäffikon. Zum Baden bin ich zwar nicht gekommen – die Zeit reichte nicht -, dafür aber zum Diskutieren, Debattieren, Zuhören und Vorlesen: ungefähr 20 Schriftstellerinnen und Schriftsteller ungefähr meiner Generation haben sich dort getroffen, um über ihre Texte zu reden und über das wachsende Unbehagen, das manche – auch ich - empfinden angesichts des schalltoten Raums, in dem und in den hinein wir seit einigen Jahren schreiben. Das ist zunächst ohne Schuldzuweisung zu konstatieren: Literatur und damit auch die SchriftstellerInnen sind aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden – Ausnahmen gibt es natürlich und sie sollen hier nicht zur Bestätigung der Regel missbraucht werden. Daran schliesst die Frage an: Gibt es überhaupt noch so etwas wie Öffentlichkeit als Verständigungsraum, der allen BewohnerInnen des Landes offen steht? Anders gefragt: Was ist aus unserer Gesellschaft geworden; existiert noch das Empfinden einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit – nicht zu einer bestimmten Schicht, sondern zu einer Solidargemeinschaft?
Und rührt vielleicht daher das offenbar wachsende Bedürfnis nach einer Figur, wie Max Frisch sie verkörperte?
Aber wie verhält sich der lauter werdende Ruf: „Wo sind die Intellektuellen?“ zum eigenen Bedürfnis, eine Sprache zu finden für das, was uns AutorInnen umtreibt, sei es nun das Ergebnis der letzten Parlamentswahlen, die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche oder die grassierende Professionalisierung, die uns Individuen (im Wortsinn „Unteilbare“) in diverse Funktionseinheiten aufsplittet?
Mitten in meine gedanklichen Suchbewegungen trifft mich der Kurzessay des Professors für Politische Philosophie, Georg Kohler im TA vom 1. April. Er trifft meinen Nerv schmerzhaft, wenn er von einem fälligen Kulturkampf spricht angesichts der Aufspaltung der Schweiz in eine „Blocherschweiz“ und eine, die „nicht mehr recht begreift, was sie eigentlich ausmacht“.
Nein, mächtige Identifikationsbilder wollen wir keine liefern, daher auch das Unbehagen an der eventuell frei gewordenen Rolle, der zu besetzenden Leerstelle nach Max Frisch; ebenso wenig wollen wir uns einigeln – schon wieder hat sich ein Wir in den Text geschlichen – und in der Bedeutungslosigkeit/Wirkungslosigkeit versinken.... Soviel erstmal zu diesem komplexen und komplizierten (Minen)Feld. Wir bleiben dran, verspricht der Tages-Anzeiger und ich verspreche es auch.
28.3.2008
Ein Tag, 87
Ein Tag, 87
Eine kleine Hommage wollte ich schreiben auf einen jungen Mann, der heute (am 27. März; wenn das Blog – ich dachte immer, es heisse d e r Blog – aufgeschaltet wird: gestern) vor genau siebzig Jahren in Aarau geboren wurde. (Ich weiss schon, es ist ein zwiespältiges Kompliment, die Behauptung der Jugendlichkeit eines Siebzigjährigen, als wäre das Jungbleiben, das Jünger-scheinen-als-man-ist eine Qualität an sich. Ist es nicht. Trotzdem). Und wenn er nicht Schriftsteller geworden wäre, wollte ich schreiben, würde er stattdessen den Leuten zuhören, die mit ihm in der Quartierbeiz hocken, er würde ihnen sein Ohr leihen, wenn sie ihre Geschichten erzählen (eher traurige, hoffnungslose, immergleiche, als hätten sie sich im eigenen Unglück eingerichtet), und dann würde er selber erzählen, von den alten abgerundeten Hügeln des Schwarzwalds vielleicht, von Johan Peter Hebel oder von Sophie Täuber-Arp, als hätte er sie beide gekannt, vom Webfehler in der übergrossen Jacke eines Obdachlosen, ebenso farbig, lebendig und präzis, wie er es als Schriftsteller tut, wenn er Landschaften, Dinge, Menschen beschreibt. Gerne also hätte ich Hansjörg Schneider als einen überaus geschätzten Kollegen geehrt, ihn ein bisschen auf den Sockel gehoben, den ich eigens für ihn errichtet hätte, mit einem grossen Scheffel darüber, unter den er sein Licht hätte stellen können, damit es ihm nicht gar zu unwohl ist. Viel lieber nämlich als intelligent oder gar intellektuell zu tun, ist er gescheit. Wahrscheinlich wüsste er auch, was ein Scheffel ist (während ich es nachschlagen muss): ein schaufelartiges Gefäss, das früher als Getreidemass verwendet wurde, und das immerhin in der Sprache weiterlebt, zum Beispiel im Geldscheffeln.
Ein gerüttelt (Scheffel)Mass an Freude und Heiterkeit hätte ich ihm gewünscht, ja, und uns, dass er noch eine lange Zeitlang weiterschreibt und ab und zu vom Todtnauberg heruntersteigt.
Wollte, hätte, würde: Schreiben als Möglichkeit, die das Ungenügen mitdenkt, die Unmöglichkeit, das Scheitern der Worte an der Wirklichkeit: Ich hätte dir also, lieber Hansjörg, gerne zu deinem Geburtstag gratuliert, was ich hiermit tue, und dann rufe ich im Verlag an und erfahre, dass du für zwei Tage weggefahren bist, um all den Gratulationen aus dem Weg zu gehen...
Am Mittagstisch dann in der Roten Fabrik erzählt eine Künstlerin von der algerischen Wüste, die sie in den Siebzigerjahren vier Monate lang mit ihren Freund bereist hat; davon, wie sie am Anfang nur gelb gesehen habe, eine einzige Farbe. Nach ein paar Tagen habe sie immer mehr Nuancen entdeckt, Ocker-, Rot- und Grau- und Brauntöne; eine ungeheure Farbigkeit habe sich vor ihren Augen ausgebreitet und sie habe sich nicht satt sehen können. Zu Beginn der Reise habe sie noch Bücher gelesen, später habe sie nur noch geschaut. Dieses Schauen sei ihr fast am stärksten in Erinnerung geblieben, und wenn sie jetzt ans Meer fahre, gelinge es ihr, stundenlang nur in die Wellen zu schauen. „Das Geschenk der Wüste“, bilanziert eine andere Künstlerin, und ich fühle mich durch die Erzählung beschenkt, gerade so, als sei ich selber in der Wüste gewesen (ich war kaum einen halben Tag, eine Stippvisite als Touristin) und vermöchte von nun an auf diese Erfahrung zurückzugreifen.
Wenn der Tag zur Neige geht, die Kinder vom Kindergarten abgeholt werden, der sich unterhalb meines Ateliers befindet, die Leute ihre Hunde am See spazieren führen, die Schriftstellerin müde ist vom Tagewerk, dann erst steigt die Schreibstunde auf am Horizont.
21.3.2008
Ein Tag, 78
Ein Tag, 78
Seltsam berührt durch die Vorstellung (Tatsache), dass morgen (heute) Karfreitag ist, und die Leute sich wie jeden Tag vor den Computer setzen und diesen Blog lesen, weil es draussen kalt und regnerisch ist und sie sich vielleicht ein bisschen langweilen zuhause, fern vom schützenden Kokon der Arbeit, der seine Fäden allerdings längst weitergesponnen hat in Zeit und Raum, so dass wir (fast) alle mit Fug und Recht uns immer und überall an der Arbeit wähnen dürfen. Morgens starten wir schlaftrunken den Laptop, noch bevor wir Mann und Kind in die Augen sehen; über Nacht hat ein Engel uns neue Botschaften geschickt, die dringend von uns gelesen werden müssen, scheint uns, damit sie nicht unerlöst im World Wide Web herumgeistern. Von nun an gehört ein Ohr dem Pling!, das eine neu eingegangene Nachricht anzeigt, während das andere verzückt den losgeschickten messages lauscht, wie sie in Windeseile davonrauschen, nach Berlin, Basel, Barcelona; halbe Bücher, Geburtsfotos, scheue Anfragen und tränenreiche Entschuldigungsversuche, weil man (ich) die lange versprochene Rezension endgültig vermasselt hat (habe). Spätabends erst klappen wir die Zaubermaschine zu, vorsichtig, als fürchteten wir, unser Herzschlag hänge von ihr ab.
Als ich ein Kind war, war der Karfreitag der stillste Tag des Jahres. Nicht nur in unserem Einfamilienhaus, im ganzen Quartier war es still. Die Stadt war tot. Kein Kino, keine Beiz, kein Aperto war offen. Das Telefon klingelte den ganzen Tag kein einziges Mal; die Nachbarskinder trauten sich kaum, uns nach draussen zu rufen, und wir trauten uns kaum, mit ihnen zu spielen. Wahrscheinlich war spielen überhaupt verboten. Ja, in der Erinnerung kommt es mir vor, als hätten wir Kinder damals selbst im Streit geflüstert, als hätten wir beim Nachmittagsspaziergang unsere Schritte auf dem Asphalt argwöhnisch belauscht, ob sie die Heiligkeit des Tages auch nicht entweihten.
Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages so über den Karfreitag schreiben würde, mit einem, ich muss es zugeben, leise sehnsüchtigen Unterton, obwohl ich ihn eigentlich entsetzlich fand, diesen Tag, an dem mir immer das Bild des gekreuzigten Jesus vor Augen schwebte (der andererseits mein grosses Vorbild war, wollte ich doch ebenfalls alle Sünden der Welt auf mich nehmen; womöglich verbirgt sich ein Rest dieses Wunsches im Schreiben).
Grad eben habe ich mich versichert, dass morgen tatsächlich die Kinos geöffnet sind.
Je älter ich werde, umso stärker empfinde ich die Prägung durch das Alter. Nichts bestimmt meine Wahrnehmungen und Sichtweisen mehr als eben das jeweilige Alter, so zumindest kommt es mir vor. Der Karfreitag, so wie ich ihn als Kind nicht übermässig religiöser Eltern erlebt habe, gehört zum Alphabet des Verschwindens.
Diese Tatsache ist es wohl, die mich – unabhängig vom problematischen kindlichen Karfreitagserleben – als Schriftstellerin für diesen Tag einnimmt; als gelte es, in der Schrift etwas zu bewahren.
14.3.2008
Ein Tag, 71
Ein Tag, 71
Unnötig zu schreiben, dass der fertige Text zur Markthalle Aarau, das Tagewerk vom letzten Donnerstag, am Freitag in sich zusammengefallen und erst am Dienstag neu auferstanden ist; ob der Text wirklich besser, kohärenter, klüger etc. ist, vermag ich längst nicht mehr zu beurteilen. Das ist ein unlösbares Problem beim Schreiben: mit jedem neuen Herantreten an den Text will ich ihn umschreiben, will, dass der Text aktuell bleibt, lebendig, nicht festgelegt, abgelegt, erledigt.
Ausserdem quäle mich seit drei Tagen mit einer längst fälligen Rezension (gut, erst war das jüngste Kind drei Tage lang krank, bzw. hat stark unter der MMR-Impfung gelitten, fast als hätte er die Masern durchgemacht); was zur Folge hat, dass ich meine Mails nicht mehr öffne, weil ich die berechtigte Schelte der zuständigen Redaktorin befürchte, und so gelobe ich im Stillen zum x-ten Mal Besserung. Nie mehr will ich auf den letzten Drücker Auftragstexte schreiben! Nie mehr will ich auf die absurde Idee kommen, Bücher zu rezensieren! Und nie mehr will ich über Architektur, Sihlcity, Fotografie oder den Muttertag schreiben, alles Dinge, von denen ich schliesslich, wie mir immer erst zu spät aufgeht, keine Ahnung habe! Und zu rauchen angefangen habe ich – nach fast zwei Jahren Schwangerschafts- und Stillpause - gestern Morgen auch wieder; aus lauter Verzweiflung und in nostalgisch verklärter Erinnerung ans Schreiben mit Zigaretten habe ich vier Parisienne Ciel geraucht; diese Rezension bringt mich noch ins Grab. (Grad eben fahre ich mit dem Zug an der Lungenliga Solothurn vorbei. Was machen eigentlich die Leute, die dort arbeiten, wenn die letzten Raucherinnen und Raucher ausgestorben sein werden? Gehen sie auf die Strasse und streiken? Oder verlassen sie freudig ihren Arbeitsplatz, strahlend glücklich über den errungenen Erfolg, der sie überflüssig macht?)
Warum fällt es mir so schwer, ein Buch zu rezensieren, das ich nicht gut finde? Wahrscheinlich, weil es ein durchaus kluger, tiefgründiger, gut recherchierter Roman ist, der einzig und leider sehr heftig daran krankt, dass der Ich-Erzähler, ein Psychiater, (mich) nicht im mindesten zu interessieren vermag. Nicht, weil er nicht interessant wäre, sondern weil ihm – trotz gegenteiliger Behauptung -, seine eigenen Aufzeichnungen, die Geschichten, die er erzählt, die Menschen, seinen Lebensweg kreuzen, überspitzt gesagt, am Arsch vorbeigehen.. Mit anderen Worten, er ist keine Identifikationsfigur. Er beobachtet die Menschen um ihn herum, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum es ihm wichtig erscheint. Der Befund beunruhigt mich. Brauche ich wirklich eine Figur bzw. Figuren, mit denen ich emotional mitgehe?
Kannst du das nicht ein bisschen pragmatisch angehen, fragt mein Liebster (der heute in Prag für seinen Politkovskaja-Film „Letter to Anna“ den Vaclav-Havel-Award bekommt), und ich versuchs ja, aber dann geht es doch nicht. Und überhaupt, was wäre das, eine Rezension pragmatisch anzugehen?
Und dann bin ich in Biel am SLI und lese zwischen den Gesprächen, die ich mit zwei Studentinnen übers Schreiben und ihre Texte führe, den neusten Blog-Eintrag von Sabina und bin bestürzt über die massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die sie zu erleiden hat. Von Herzen gute und baldige Besserung, liebe Sabina!
Später am Abend kommt spontan ein alte nahe Freundin vorbei; wir trinken süssen Champagner und quatschen bis halb zwölf über Kinder, Sex und die Kunst und ziehen über die verlogenen Interviews im Zeit-Magazin her mit berufstätigen, erfolgreichen Eltern, die ein oder höchstens zwei Kinder und einfach bombenviel Energie (und natürlich auch Geld) haben.
Vielleicht sollte ich einen Auftragstext über Freundschaft schreiben denke ich, bevor ich einschlafe und mir im Traum endlich griffige Formulierungen zufliegen, die sich wie von selbst in die Maschine tippen...
07.3.2008
Ein Tag, 66
Ein Tag, 66
Und als ich dann in der leeren Markthalle stehe, erinnere ich mich plötzlich an das Wort, mit dem ich mitten in der Nacht aufgewacht und wieder eingeschlafen bin: inkognito. Und dann fällt mir Jakob ein, ein damals – vor zwanzig Jahren - etwa fünfjähriger Junge, der nicht von seinen Träumen erzählte, sondern von Bildern an der Wand, die er nachts sehe. Es ist der 5. März 2008; ein kühler, um nicht zu sagen kalter Vorfrühlingstag nach einem hoffentlich letzten Wintereinbruch; noch behauptet sich auf den Wiesen ein Rest Schnee gegen die stärker werdende Sonne.
Seit ich in Aarau aus dem Zug gestiegen bin, fühle ich mich wie betäubt, als hätte ich eine Überdosis Kindheitsluft eingeatmet. Da der Weg zum Kindergarten, dort das erste aufgeschlagene Knie, dort vor der Bushaltestelle der letzte Kuss, an den ich mich erinnere, bevor ich – mindestens für immer - von hier weggezogen bin. Unterwegs zur Markthalle höre ich die Bahnhof Apotheke, die Stadtbibliothek und den Kasinogarten angeregt miteinander flüstern, bevor sie sich freundlich an mich wenden. „Wir kennen dich,“ sagen die drei unisono, „wir sind älter als du und zugleich jünger, da wir unsere Zeit nicht an deiner menschlichen Zeit messen, du winziger Teil unserer Stadt, du winziger Teil unserer Geschichte.“
Ja, ja, denke ich, lass sie nur reden, und verschwinde zügigen Schrittes in der Markthalle, geplant und erbaut 1997 - 2002, als ich schon länger in sicherer Entfernung wohnte. Was auf den Fotos schlagend elegant, kühn, filigran und doch bestimmt aussieht, lässt mich, kaum stehe ich drin, an eine überdimensionierte Puppenstube denken, die man mit einem Handgriff aufheben und umplatzieren könnte -; weder wind-, noch schall- oder blickdicht, etwas Dazwischengeschobenes eher, gemahnt die luftige Holzkonstruktion an ein Schneckenhaus für wechselnde Bewohnerinnen und Bewohner. Nochmals anders gesagt: Ein windiges Dach über dem Kopf, das Sehnsucht nach einer sicheren Behausung aufkeimen lässt, ohne sie nur im mindesten zu erfüllen (und sie also erst erfahrbar macht).
Ein ungewohntes Verständnis von Architektur: nicht wohlig einlullen soll sie mich in meinen Kokon, sondern die Sinne schärfen für die Unbehaustheit, die unfreiwillige, existentielle, der so viele Menschen ausgesetzt sind, die ihre Haut zu Markte tragen müssen, weil sie nichts anderes zu verkaufen haben.
Inkognito bin ich hier; unbekannt und unerkannt, anonym wie die Träume, die in diesem Luftschloss vorübergehend beherbergt werden: Sükrü, steht da, an eine Wand gesprayt, 5040, Listivar, Camköy, Alder, Funit, und ich wünsche ihnen allen ein möglichst langes Leben.
Irgendwo in Augenhöhe kleben drei rote Gummibärchen an der Wand und schauen mich an, als wollten sie mich an mich selber erinnern.
Für einmal also, warum nicht, ein Tagewerk. Natürlich ein Auftrag; die Basler Architekten millermaranta haben verschiedene AutorInnen eingeladen, eine ihrer Arbeiten zu kommentieren. Als ehemalige Aarauerin scheine ich prädestiniert, über die Markthalle am Färberplatz zu schreiben. Die Texte sollen als Hörtexte Teil einer Ausstellung im Architekturforum Zürich sein; statt Plänen, Skizzen, Modellen soll sich der Ausstellungsbesucher, die Besucherin in einen Hör- und Sehraum begeben; Dias und gelesene Texte korrespondieren womöglich stärker mit dem Erleben der realen Bauten als simple Dokumentationen.
Es ist eher selten, dass man die Arbeit eines Tages so übersichtlich vor sich sieht wie die Tischlerin ihren Stuhl, der Lehrer den Stapel korrigierter Aufsätze, auch wenn der obige Text in Wirklichkeit zwei Tage benötigt hat: Den Mittwochmorgen, um nach Aarau zu fahren (den Mittwochnachmittag mit den Kindern erspare ich Ihnen; nur soviel: Mein Selbstverständnis als Erziehungsperson ist mal wieder im Eimer, und Orell kann jetzt wirklich zwei winzige Schrittlein alleine gehen; nach DADA kommt übrigens zum Beispiel HALLOhallohallo; gilt fürs Telefon und jegliche Kommunikationslust), den Mittwochabend für eine paar kleine Recherchen im Internet, die dann leider wieder aus dem Text rausfallen, obwohl sie wirklich gut hineingepasst hätten, zB. die Tatsache, dass im Sommer 06 vier Freikirchen die Markthalle zum Fussball-WM-Schauen genutzt haben (die Kirche, Pardon die Markthalle war natürlich bumsvoll, danach gabs auch noch Gottesdienste). Ausserdem sind aus dem Text gefallen: Das Starbucks im Kasinogarten, ein seltsam nierenförmiger (oder besser tropfen/tränenförmiger?) Glasbau, von dem aus man ein Stück Markthalle sieht, und das – im Gegensatz zur nur sporadische genutzten Markthalle - gut besucht ist. Vier Schüler hängen herum, nur einer ersteht einen Kaffee, während die drei anderen ungeniert ihren Eistee trinken und ihre belegten Brötchen aus der nahen Migros mampfen. Was noch? Die mässig interessante Konversation dreier Damen, etc. Vielleicht, ich ahne es schon, muss ich den Text morgen nochmals überarbeiten....
Immer wieder macht man als SchriftstellerIn die Erfahrung, dass das Schreiben intensiver ist (sein kann) als das Erleben, dem doch das Schreiben wesentlich entspringt. Das hat natürlich damit zu tun, dass sich ein Text anders entwickelt als vorgesehen, dass es Dinge gibt, die ich nur schreibend erfahre(n will), dass Worte, Laute, Sätze uns ansehen und uns verwandeln; darin liegt ja, nicht zuletzt, das Glück des Schreibens, das eben deshalb unvergleichlich ist.
Und zuletzt noch dies, die kleine grosse Kränkung des Tages: „Ich werde deinen Roman mit grosser Spannung lesen“, sagt meine geschätzte Lektorin, „wenn er kommt, wenn er denn kommt.“
29.2.2008
Ein Tag, 59
Ein Tag, 59
Erst in diesen Tagen, während ich Texte zusammenstelle, überschreibe und neu schreibe für das Miriam Cahn/Ruth Schweikert-Buch: sieben sogenannte Kalenderblätter, die von 1968 bis 2008 reichen, von Sonntag bis Samstag - also fragmentarisch und umfassend zugleich sein wollen, mithin perfekt -, realisiere ich, dass ich sämtliche Texte, die ich zwischen 1994 und 2003 verfasst habe, zusammen mit dem kaputten IMac im Mai 2007 unwiderruflich entsorgt habe.... Bitte fragen Sie mich jetzt nicht, wie das geschehen konnte, die Wahrheit klingt bekanntlich meistens unglaubwürdig (deshalb schwindelt man beim Schreiben auch fast immer, selbst bzw. vor allem dann, wenn man das Gegenteil behauptet), aber ich mute sie Ihnen jetzt trotzdem zu: meine beiden Computer, IMac und Laptop, haben innerhalb von 24 Stunden beide ihre Funktionsfähigkeit aufgegeben – ich gebe zu, ich mag eigensinnige Mitspieler -, was zur Folge hatte, dass ich mich nur um die Laptopdateien kümmerte, in der Meinung, da sei ALLES ALLES gespeichert, was je meinen Kopf durch die Schreibfinger verlassen hat. (Die schönsten Texte sind bekanntlich die ungeschriebenen, siehe auch Arja Lobsiger).
Natürlich liessen/lassen sich bestimmt etwelche Artikel wieder auftreiben, auch wenn sie in den Archiven von WoZ bis NZZ im Tiefschlaf liegen und nie nie wieder aufgeweckt werden wollen. Und so habe ich denn eine natürliche Scheu, da und dort anzurufen bzw. eine mail zu schicken und nach dem Verbleib jener kleinen Kolumne zu fragen, die ich mir als literarische Perle ausmale, als ein zauberhaftes Stück Text, das mir die Erinnerung zurückgibt an den Potsdamer Platz, wie er im Frühherbst 1995 aussah: eine Brache, eine staubige Zirkusarena, über die sich wohl ein Dutzend Baukräne beugten. Auch wenn ich mich nach dem Originalsatz sehne, nach der eleganten und doch präzisen Formulierung: Das Bild vom Potsdamer Bauplatz ist mir geblieben; vielleicht, weil ich darüber geschrieben habe.
Das ist nicht immer so. Manche Dinge scheinen in dem Moment aus der Erinnerung zu verschwinden, in dem sie aufgeschrieben werden.
Ein lieber Freund schreibt ein Mail, das mich sehr berührt; er hat aus heiterem Himmel einen schweren Hörsturz erlitten.
Ein Gespräch mit Miriam Cahn über die künstlerische Arbeit
beginnt mit der ketzerischen Frage: Wann ist ein Text, ein Bild fertig? Nie, sage ich, „fertig“ ist immer willkürlich, ein Buch, ein Roman ist nur vorläufig, eine Momentaufnahme quasi. Vielleicht muss man einen Text dann beenden, wenn er beginnt, sich selber zu zerstören, d.h. durch immer neue Ueberschreibungen seinen Anfang unsichtbar macht.
Was mich an Miriam Cahn am meisten beeindruckt: Sie schafft es, ihre Bilder nicht zu bewerten. Sie weigert sich, Gewichtungen vorzunehmen; sie übermalt selten ein ganzes Bild. Auch Handke, denke ich, verwirft selten etwas, was er einmal geschrieben hat. Warum aber fragt er sich (im Februar-Cicero), ob er mit seinem Anspruch, Kinder zu haben u n d zu schreiben, gescheitert ist?
Vielleicht bin ich gar nicht ganz unfroh, dass ich fast alle meine früheren Texte verloren habe.
22.2.2008
Ein Tag, 52
Ein Tag, 52
„Selten fühlte ich mich jemandem so nahe wie am Telefon. Ich liebte es, in der dunklen Wohnung zu sitzen und der vertrauten Stimme eines Freundes oder einer Freundin zu lauschen. Je weniger ich abgelenkt wurde von dem, was ich sah - ein dunkler Fleck am Pullover, ein paar Pickel auf der Stirn oder eine Schürfwunde am linken Handrücken -, umso gegenwärtiger wurde mir eine Person. Es war, als vermöchten Atem und Stimme, Wörter und Sätze ihre ganze Kraft und Bedeutung erst in der Abwesenheit des zugehörigen Körpers zu entfalten. Bevor ich jemanden anrief – oder einen erwarteten Anruf entgegennahm -, machte ich in der Wohnung sämtliche Lichter aus. Ich legte die Füsse auf den Schreibtisch, lehnte mich im Bürostuhl zurück und schaute durch die halb offenen Jalousien in die Nacht.
In der Wohnung war es still. In den Radionachrichten hatten sie für weite Teile der Deutschschweiz heftige Stürme angekündigt, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu hundertzwanzig Kilometern pro Stunde. Ich sah aus dem Fenster. Ob ich mir Sorgen machen musste um Daniel? Er war wie üblich mit ein paar Freunden unterwegs, deren Namen ich mir nicht merken konnte; sie trafen sich fast jeden Abend am See, um Death Metal zu hören und Bier zu trinken. Ich hatte keine Ahnung, worüber sie sich unterhielten. Weder Regen noch Kälte hielt sie von ihren Treffen ab; ja, manchmal fragte ich mich, ob Daniel den Wechsel der Jahreszeiten überhaupt mitbekam. Morgens verliess er das Haus mit Kopfhörern, nach den Vorlesungen und den Nachmittagen im Chemielabor kehrte er mit Kopfhörern zurück, und am Wochenende sass er bei herunter gelassenen Jalousien vor dem Laptop, auf dem wie von Zauberhand unablässig neue Bilder auftauchten und wieder verschwanden.
Vielleicht war es so: Nur Menschen und Dinge, die ich nicht jeden Tag vor mir sah, vermochte ich mir vorzustellen. Felix zum Beispiel, wie er in seiner neuen Wohnung auf dem türkisfarbenen Bettsofa sass und auf die Umzugskisten starrte, die sich bis zur Decke stapelten, obwohl er nur das Nötigste mitgenommen hatte. Er war erst vorgestern eingezogen; zwei grosse Zimmer, Küche und Bad für 350 Euro. Ein unrenovierter Altbau in Berlin-Mitte unweit der Zionskirche; hohe Räume, schlecht schliessende Fenster und fleckige Parkettböden, die bei jedem Schritt knarrten. Ich sah ihn vor mir, seinen gepflegten, leicht gedrungenen Körper, wie er aufstand, in die Küche ging und den Kühlschrank öffnete: Zwei Flaschen Bier, ein halber Liter H-Milch, Butter, ein abgepacktes Stück Gouda, ein paar Karotten und die dunkle Sojasauce, die Isabelle besonders gern mochte und die er gestern tatsächlich gekauft hatte, ohne daran zu denken, dass Isabelle in der alten Wohnung geblieben war.
Später, noch während wir weiter telefonierten, würde Felix den Fernseher anstellen, ohne Ton natürlich; ein Fussballspiel oder ein Tennismatch lief immer irgendwo, und bei nichts konnte er sich besser entspannen.“
Diese Gedanken gehören nicht mir, sondern einer Figur, einer Ich-Erzählerin, die ich erfunden habe, ebenso wie die anderen Figuren, Felix, Daniel, Isabelle. Die Ich-Erzählerin heisst Katharina, und ich vermute, sie heisst so, weil eine Freundin so heisst (die Schriftstellerin ist und die ich für ihr Schreiben bewundere). Mit meiner Figur hat sie - ausser eben den Namen - nichts gemein, und dennoch ist es wichtig, ja unverzichtbar für mich im Moment, dass meine weibliche Hauptfigur Katharina heisst.
Manchmal geht es mir wie der Künstlerin Miriam Cahn – wir planen, John Schmid sei Dank, ein Buch, das Ausstellungskatalog (Miriam Cahn bespielt ab Anfang Mai das ehemalige Kloster Schöntal mit ihren Arbeiten) und eigenständige Publikation werden soll –, wenn sie verwundert beschreibt, dass sie die Titel ihrer Werke bzw. Ausstellungen erst im Nachhinein zu lesen versteht. Ihre Werke, sagt sie, seien klüger als sie selbst. Man könnte präzisieren: nicht klüger, aber schneller. Sie holen ans Licht, machen sichtbar, was für die Künstlerin noch im Verborgenen liegt.
„Kinderfrei“ hatte ich vorsorglich und in freudiger Erwartung schon lange unter dem Titel „Ein Tag, 52“ notiert (es ist heute der 21. Februar und somit der 52. Tag des Jahres 2008), aber dann kommt es doch anders, denn wir haben kurzfristig beschlossen, alle zusammen ein paar Tage in die Berge zu fahren, und also sitze ich im Zimmer 405 im Hotel Belvédère in Wengen; vor mir haben sich Eiger, Mönch und Jungfrau im Abendlicht zur Hintergrundkulisse drapiert, als erwarteten sie mindestens den neuen James Bond. Links hinten das Schreckhorn – immerhin fast 4000 Meter über Meer -, das Heinrich von Kleist einst husch husch bestiegen haben will, während die braven Thunerinnen und Thuner die Sonntagsmesse besuchten. So zumindest schrieb er es seiner fernen Schwester. Ja, Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man solch verwegene Dinge noch leichthin behaupten.
Alles hier im Haus atmet den Charme des leicht Heruntergekommenen aus, der noch die einstige Grandezza ahnen lässt; so ist aus dem „Grand Hotel Belvédère“ ein blosses „Hotel Belvédère“ geworden, aber die sorgsam entfernten Buchstaben sind als Silhouetten weiterhin sichtbar, weil die Fassade dahinter weniger verblasst ist.
Was noch?
Morgen fahren wir nach Hause.
15.2.2008
Ein Tag, 45
Ein Tag, 45
Beinahe hätte ich vergessen, dass heute Donnerstag und damit Literaturblogtag ist (dass auch noch Valentinstag ist, wird mir klar, als wir im Indischen Restaurant eingezwängt zwischen zwei Pärchen sitzen: heute Abend sind praktisch alle zu zweit unterwegs –); so schnell falle ich aus der Zeit, wenn die Kinder Ferien haben und wir in Berlin sind, ohne festes Programm, und die Tage einfach so vergehen, langsamer und schneller als sonst.
Am Montagabend sind wir zur Gala von „Cinema for Peace“ (mittlerweile zu einer Art Konkurrenzveranstaltung zur Berlinale mutiert) eingeladen – mein Mann, weil er einen Dokumentarfilm über die ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja gedreht hat, der am Sonntagnachmittag im Berliner Ensemble uraufgeführt wurde, und ich, einzig deshalb, weil ich eben diesen Mann vor einigen Jahren geheiratet habe. Vor uns schreitet zum Glück Hillary Swank über den roten Teppich, so dass wir in ihrem Windschatten fast unbemerkt bleiben, obwohl wir zu zweit mit unseren dicken Wintermänteln über der Abendgarderobe ungefähr siebeneinhalbmal soviel Platz einnehmen wie die Swank in ihrem silbernen Hauch von Kleid. Doch darum soll es an dieser Gala nicht gehen; Glamour ist hier nur der Vorwand, um Gutes zu tun, d.h. den Frieden zu fördern; „Stopp der Gewalt an Frauen“, spricht Nicole Kidman in einer Direkteinspielung aus Australien feenhaft reizend mit ihrer Hochsteckfrisur, die an deutsche Zopfmädchen erinnert, und wir alle sind geneigt, ihr freundlich zuzunicken, und ihr und dem Baby, das sie erwartet, alles nur erdenklich Gute zu wünschen, bevor wir über den anmächeligen Vorspeisenteller herfallen, den man bedachtsam mit Holzmesserchen und Holzgäbelchen serviert, damit das Essen keinen Krach macht, während eine 28jährige Afghanin, Juristin und Parlamentsabgeordnete, keine flammende Rede hält, sondern uns einfach unverblümt mitteilt, dass ihr Land und seine Bevölkerung - vor allem die weibliche - am Abgrund steht. Und das nicht erst seit gestern.
Am nächsten Tag spielen die Kinder Verstecken im Labyrinth des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas: unzählige (natürlich könnte man sie zählen und natürlich wurden sie gezählt) schwarze Quader unterschiedlicher Höhe, zwischen denen man sich frei bewegen kann. Bei allem Unbehagen über jede Art von Gedenkstätte: mit allen Sinnen kann man – für kurze Zeit – ein paar wesentliche Erfahrungen wenigstens im Ansatz nachvollziehen: Das eigene und das Verschwinden der Nächsten – die Leute werden unsichtbar im Labyrinth, als würden sie von den Quadern verschluckt; selbst das Sich-Verstecken (eine Lust, die unweigerlich aufkommt) mag an die Notwendigkeit, sich vor den Nazis zu verstecken, erinnnern; dazu kommt die schiere Masse (schwarzen Steins), der man sich gegenübersieht. Auch die Dokumentation – sie setzt ganz auf den Einzelfall, auf die Geschichte ausgesuchter Familien -, vermag unsere Zehnjährigen zu interessieren. Sie sind bewegt, nachdem sie zuvor eher unwillig waren, sich „schon wieder!“ mit dem Holocaust zu befassen.
„Geschichten erzählen ist heilsam“, Storytelling is healing“ sagte Ben Kingsley (der Gandhi und Oskar Schindler spielte) an der Cinema-for-Peace-Gala, und auch wenn ich Frank A. Meyer Recht gebe, der an einer Podiumsdiskussion anlässlich der deutschen Buchpremiere von Eric Emmanuel Schmitts Buch „Adolf H. Zwei Leben“ die Unsitte geisselte, Darsteller für die Dargestellten zu halten bzw. sie zu deren Innenleben zu befragen, als könnten sie darüber Auskunft geben, liegt in Kingsleys Votum wohl EIN Grund, warum ich Geschichten schreibe.
Die Sache mit der präzisen Benennung übrigens, insbesondere von Pflanzen, Tieren und Bergen: es ist wohl (leider) so, dass es mir als Schriftstellerin nicht mehr so wichtig ist, die Schönheit der Dinge zu sehen als sie in der Sprache entstehen zu lassen. Deshalb auch brauche ich heute Wörter wie „lanzettförmig“ und „spitzblättrige Weide“, während ich als Kind das „Wesen“ der Dinge zu erfassen versuchte; so jedenfalls die Geschichte zu diesem Thema, die ich mir selber gerne erzähle.