20.3.2008

transparent

[ Sabina Altermatt ]

34-1
Liebe Literaturblog-Leserinnen und -Leser
Aus gesundheitlichen Gründen kann ich mein Blog nicht mehr weiterschreiben. Das tut mir sehr leid. Es war kein einfacher Entscheid. Doch es ist schwierig, sich schutzlos in der Öffentlichkeit zu präsentieren wie das in einem Blog der Fall ist, wenn man psychisch und physich angeschlagen ist.
Ich wünsche Euch alles Gute und vielleicht sehen wir uns in einem Monat an der Bookparade. Das würde mich freuen.
Herzlich, Sabina Altermatt



13.3.2008

weiss

[ Sabina Altermatt ]



















41
Heute vor allem Arzttermine. Meine Schilddrüse tut nicht mehr so, wie sie sollte. Sie ist übereifrig. Wieso, das weiss man nicht. Autoimmun. Das Immunsystem ist verwirrt und schiesst auf den eigenen Körper, der nun Fremdkörper ist. Ich fühle mich schlecht, zittrig, immer kurz vor dem Kollaps. Das Hirn ist lahm. Wie ein Computer mit zu wenig Arbeitsspeicher. Ich vergesse vieles. Hole den Orangensaft aus dem Kühlschrank, obwohl er bereits auf dem Tisch steht, von mir da hingestellt. Lesen kann ich nicht. Meine Augen können die Buchstaben nicht fassen. Gleiten immer wieder ab. Schreiben geht gar nicht. Es macht mir Angst. Denn ohne Schreiben kann ich nicht leben. Ich lebe vom Schreiben.

40
Ich lese zusammen mit Heinz D. Heisl in Aarau, stelle mein Buch rund 30 Bibliothekarinnen vor. Mit Betablocker geht das einigermassen. Es ist schön, direktes Feedback zu erhalten. Das Nebenthema des Buches, die Orientierungslosigkeit der Mitdreissiger, die keine Entscheidung treffen wollen, um sich alles offen zu halten, scheint bei den Frauen anzukommen.

39
Ich bringe meinen Bürokram in Ordnung. Wenn ich am Schreiben bin wie letztes Jahr, bleibt alles liegen. Nicht, weil ich zuwenig Zeit hätte. Es hat mehr mit Energie zu tun. Oder mit dem Freiraum, der das Schreiben braucht und der sich wie ein schützendes Polster um die Gedanken legt.

38/37
Ich arbeite nur noch den halben Tag. Mehr schaffe ich nicht. Mein Hörspiel muss warten.

36
Mein Blog habe ich heute in der Dusche geschrieben. Im Kopf. Manchmal wünsche ich mir, dass es so etwas wie ein inneres Mikro oder eine Kamera gäbe, welche die Gedanken aufnimmt. Denn die kommen meist dann, wenn ich nichts zum schreiben habe.

35
In der NZZ eine Rezension. Ich kann sie nicht ganz einordnen. Ist sie nun gut oder schlecht? Vielleicht versuche ich auch nur, mich zu schützen. Wenn man schreibt, exponiert man sich und meine Schilddrüse hat meine Haut ausgedünnt.



06.3.2008

rosa

[ Sabina Altermatt ]

Tulpen

48

Frau G. hat in unserem Block gewohnt. Wenn wir in den Ferien waren, hat sie jeweils Lucy gefüttert. Sie mag Tiere sehr. Ende letzten Jahres war sie auf einmal weg. Heute habe ich erfahren, dass sie in Stäfa in einem Pflegeheim ist. Ihre Katze durfte sie nicht mitnehmen.

47

Interview für Radio Rumantsch. Zum Schluss lese ich ein paar Abschnitte aus meinem Buch und stolpere über meine eigenen Sätze. Ich muss mich dem Geschriebenen erst wieder annähern.

45/46

Wir mieten ein Mobility-Auto und fahren ins Gasthaus Frohheim im Toggenburg. Dort macht Ernst Solèr einen Krimiabend inklusive Schreckmümpfeli. Ein schönes Wochenende trotz Sturm.

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Kann mich nicht entscheiden, welche Abschnitte ich an der Vernissage vorlesen soll, stelle immer wieder um. Bis es stimmt.

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Buchvernissage im sphères. Text und Hackbrett passen gut zusammen. Es kommen viele BündnerInnen und Romanen. Den Wettbewerb, wer die besten Engadiner Nusstorten macht, gewinnt J. Er ist Holländer.

42

...



28.2.2008

braun

[ Sabina Altermatt ]

Frühlingswald

55

Emil Zopfis neuster Roman wird für den Glauser nominiert. Das ist die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres. Sie wird vom Syndikat verliehen, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur. Ich freue mich.

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Lucy kommt wieder nach Hause.

53
Ein richtig schöner Frühlingstag. Wie aus der Erinnerung herausgeschnitten. Copy – Paste. Das erste Mal Kniesocken anziehen. Damals. Heute beobachte ich die Kinder im Park auf blitzenden Fahrrädern, Weihnachtsgeschenke, die lange auf ihren Einsatz warten mussten.

52
Ich gehe mit A. wandern. Auf die Lägern. Ich denke an Finnland und mir wird bewusst, dass man in der Schweiz nicht verloren gehen kann. Eigentlich schade.
Dafür bin ich bei der Abstimmung bei den Verlierern.

51
Ich bestelle in Lavin Bündner Nusstorten* für meine Buchvernissage. Dabei weiss ich gar noch nicht, was ich lesen soll.
*Dies ist keine Schleichwerbung. Es sind wirklich die Besten.


50
In Südafrika jagen sie wieder Elefanten.

49
Meine Verlegerin ruft mich an. Mein Buch ist da. Es ist schön geworden. Himmelblau.



21.2.2008

grün

[ Sabina Altermatt ]


62
Als Erstes feuern wir die Sauna ein und machen ein «avanto», ein Eisloch.
Wir laufen über den gefrorenen See. Alles wirkt viel näher als im Sommer. Ist es die Erreichbarkeit, die alles zusammenwachsen lässt?
Dann eine Inselumrundung. Das Eis ist glatt und mit kleinen Bläschen durchsetzt. An einigen Stellen Risse, Eisnarben.

61
Am nächsten Morgen sind unsere Fussspuren riesengross. Wie aufgeplatzt.
Wir machen einen Ausflug mit dem Schlitten und finden beinahe den Rückweg nicht mehr, da sich die Inseln immer wieder anders voreinander schieben. Der See macht Verdauungsgeräusche.

60
Über Nacht friert das Eisloch immer wieder zu. Wie eine Wunde, die sich schliessen möchte. Die Holzleiter hat es sich schon lange einverleibt.

59
In der Fernausgabe der NZZ lese ich, dass Monika Stocker zurückgetreten ist. Dafür wird das Personal aufgestockt. Die Einsicht kommt wie meist zu spät.
Fahrt nach Helsinki.

58
Wir fliegen zurück. Auch von oben sieht die Schweiz ordentlich aus. Herausgeputzt und aufgeräumt. Die Berge tauchen wie Walrücken aus dem Nebelmeer.

57
Latte macchiato im Grand Café für 5 Franken 70, Sonnenschein inklusive.

56
Erste Rückmeldungen zu meinem neuen Roman. Sehr positiv. Aufatmen.


14.2.2008

weiss

[ Sabina Altermatt ]

Fisch

69
Fahrt von Helsinki nach Joutseno. H. erzählt, dass die Finnen lieber zusätzliche AKW bauen, als Strom von den Russen zu beziehen.
Die Finnen mögen die Russen nicht besonders.

68
Wir gehen an den Hafen und schauen den Eisfischern zu, wie sie elegant ihre Bohrer schwingen, ein Loch machen, sich hinkauern, den Faden versenken, daran zupfen, dann ruckartig den Fisch aus dem Loch ziehen, aufstehen und schon wieder das nächste Loch bohren. Die finnische Variante des Golfens, meint H.
Die Sonne lässt sich auch heute nicht blicken. Ich verliere immer wieder die Orientierung, meine Augen rutschen an der Landschaft ab, wie meine Kamera, die nicht fokussieren kann, weil es nichts gibt, woran man sich festhalten kann, so ohne Licht und Schatten. Die Konturen fehlen, eine Künstlichkeit, ausstauschbar, egal von welcher Seite man etwas betrachtet, die Zeit steht still. Alles ist weiss, eine unsichtbare Glocke, die nur als Gefühl existiert. Nur die Eichhörnchen sind grau.

67
Angelwettbewerb auf dem Saimaasee. Etwa 30 Angler hocken vor ihren Löchern und ziehen Fische heraus. Wir haben auch eine Angel mitgebracht, aber die Maden vergessen. Ein Mann gibt uns widerwillig drei, wir haben ihn beim Wettbewerb gestört. Wir nehmen ein bereits benutztes Loch und ich hoffe, dass keiner anbeisst.
Auf einmal ist der Wettbewerb zu Ende. Alle packen ihr Zeugs zusammen. Die Fische lassen sie liegen. Einige zappeln noch. Die lasse ich ins Eiswasser zurückgleiten. Die anderen sammeln wir ein, einen ganzen Sack. Die gibt es zum Znacht. Wenigstens sind sie nicht umsonst gestorben.

66
In Finnland wird auch Ski gefahren. Wir fahren durch den Wald, zwischen Feldern hindurch. Es ist neblig. Die Bäume lösen sich nur langsam aus dem Weiss heraus, wie eine Foto, die sich entwickelt. Plötzlich ein Parkplatz, Musik aus Boxen und ein Schlepplift. Das meiste ist auf Russisch angeschrieben. Auf dem Nachhauseweg kaufen wir fast ein Rentierfell.

65
Ausflug nach Lappeenranta. Da haben sie ziemlich schlimme Dinge hingebaut und wir fragen uns, wie das denn zusammenpasst. Da ist Aalto und iitala und Artec und dann diese unsensible Bauweise im American Style.

64/63
Wir fahren nach Puumala ins Sommerhäuschen, das jetzt unser Winterhäuschen ist.



07.2.2008

blau

[ Sabina Altermatt ]

Flughafen

76

A.s Mutter ruft an. Sie ist beunruhigt, weil sie in meinem Blog gelesen hat, dass ihr Sohn krank ist.
Treffe E. zum Apéro. Wir schnöden und nerven uns, dass der Schweizer Büchermarkt mit Krimis überschwemmt wird. Dabei sind wir daran nicht ganz unbeteiligt.

75

Fotoshooting im Treppenhaus, Einzahlungen machen, Texte fertig schreiben, Einladung zur Buchvernissage verschicken.

74

Fahre mit Lucy nach Chur. Sie darf zu M. und D. in die Ferien. Auf dem Zürcher Bahnhof hat es Fussballfans mit Sixpacks und breitbeinige Polizisten. Einen Vorgeschmack auf die Euro 08.
Doch auch im Zug wirds nicht besser. Wir sind umzingelt von fröhlichen Familien, die in den Winter fahren. Es wird herumgeturnt, eine ganze Kinderschar um mich herum und Mütter, die lieber zum Fenster hinausschauen als auf ihre Kinder. Väter sind keine auszumachen. Ich sollte Texte überarbeiten, aber es fällt mir schwer. Ein kleiner Junge setzt sich beinahe auf meine Katze und belauert sie die ganze Zeit. Ich erkläre ihm, dass Lucy Angst hat und er nicht so nahe ran gehen soll. Als er sie später anbrüllt, reisst mein Geduldsfaden. Ich sage ihm, er solle jetzt sofort aufhören, die Grosseltern schauen mich empört an, ganz nach dem Motto, das D. so schön formuliert hat: Wenn schon seine Kinder nicht erziehen, dann wenigstens selber.
Schreiben im Zug, das ist so eine Sache. Als ich letzten Sommer von Landquart nach Scuol eine Recherchefahrt für meinen Roman gemacht habe, erging es mir ähnlich. Obwohl noch viel Platz war, setzte sich ein Ehepaar mit Hund zu mir, letzterer fast auf meinen Schoss. Mit Schreiben war da nicht mehr viel. In Malans hab ich dann den Platz gewechselt, das Ehepaar tat sehr verständnisvoll.

73

Den Morgen im Büro die Texte noch ein letztes Mal überarbeiten, dann mit A. an den Züriberg. Während ich die ganze Zeit geschrieben habe, hat er dort ein Haus umgebaut. Ich beneide ihn um das bodenständige Resultat.

72
Abflug nach Helsinki. Beim Security Check bin diesmal ich an der Reihe. Zum Glück ist das hier die Kantons- und nicht die Stadtpolizei. Sonst müsste man sich auch noch nackt ausziehen. Wir fliegen mit einer Fluggesellschaft, deren Namen wie ein Billigtelefonanbieter klingt. Als wir um fünf ankommen ist es bereits Nacht.

71
Am Morgen stehen Schiffe zwischen den Häuserblocks. Wir schauen uns im Designdistrict um. Überall ein freundliches Hei, hei, gefolgt von finnisch pur. Eine Sprache, die einem keinen Halt gibt, das Ohr versucht sich verzweifelt an einzelnen Wörtern festzuklammern, rutscht aber immer wieder ab.
Um halb drei wird es bereits wieder dunkel, obwohl es gar nicht richtig hell war.
Nach dem Kinobesuch (2 päivää Pariisissa) werden wir eingeschlossen. Die Gitter sind heruntergelassen, die Eingangstüren verriegelt, der Notausgang zu. Alle sind verschwunden. A. drückt den Feueralarm. Auf die finnische Feuerwehr ist Verlass. Nach ein paar Minuten fahren sie mit Blaulicht ein.

70
Beim Fotografieren versuchen wir auszumachen, wo die Sonne steht. Vergeblich. Um 13 Uhr ist es das erste Mal richtig hell.



31.1.2008

orange

[ Sabina Altermatt ]
Duttweilerbrücke

83
Sitzung am Morgen in Bern. Als Arbeitsgruppe des AdS überlegen wir uns Massnahmen zum Fall der Buchpreisbindung. Die Bücher werden teurer. Doch die Autoren haben nichts davon. Das Geschäft macht der Zwischenhandel. Man könnte jetzt jammern, doch wir tun es nicht. Stattdessen setzen wir auf Aufklärung.
Ich schreibe einen Text über Verwahrlosung. Über eine Messiwohnung, in der man den Boden vor lauter Gerümpel nicht mehr sieht, im Balkonfenster ein taubengrosses Loch. Und über eine Wohnung mit 150 Ratten. Da hat es bei jemandem einfach ausgeklinkt. Könnte mir so was auch passieren? Ich muss an meine Papierstapel denken.
Auf TeleZüri interviewt Herr Gilli Monika Stocker zum Thema «Sozialhilfemissbrauch». Stellt ihr Fragen, um sie dann gleich selber zu beantworten. Die Szene kommt mir bekannt vor. Ich schreibe ihm eine Mail. Eine Antwort bekomme ich nicht.

82
H. schreibt aus Finnland. Der See ist gefroren und es hat 5 cm Schnee. A. liegt krank im Bett. Ich schreibe einen Artikel über Trichinen. Das sind Fadenwürmer, die im Schweinefleisch vorkommen.

81
Ich lese im Tagi das Interview über den ausgeschafften Burmesen Stanley Van Tha und bin entsetzt. Für die Behörden ist der Entscheid aus damaliger Sicht richtig. Konsequenzen hat es keine. Zumindest nicht für die Verantwortlichen. Van Tha hat der Entscheid vier Jahre seines Lebens und 20 Kilo seines Körpergewichts gekostet. Wenn wir als Schweiz schon keine Stellung beziehen wollen, dann sollten wir wenigstens unsere humanitäre Tradition wahren. Was bleibt uns denn sonst noch?
A. ist immer noch krank und hat hohes Fieber.

80
Heute, also eigentlich schon gestern, sollte ich für das Personalmagazin einer Versicherung eine Kurzgeschichte schreiben. Doch in mir ist nichts, das aufs Papier will. Kann man sich leer schreiben? Ich überarbeite den Text «Mord am See», den eine Laaxer Schulklasse mit mir als Coach im Rahmen des Projektes Schulhausroman geschrieben hat.

79
In einer Woche bin ich bereits auf dem Weg nach Helsinki. Es scheint mir unheimlich weit weg. Unsere Bürogemeinschaft ist ein Lazarett. Wir husten und niesen um die Wette. Krank sein ist Luxus – oder ein Privileg der Angestellten.

78
Morgen geht mein Manuskript in Druck. Doch es fehlt noch ein Wort. Oder vielleicht zwei. Ich bin ratlos, meine Lektorin auch. Wir mussten den Malojawind streichen. Denn diesen gibt es nicht im Unterengadin. Nun heisst es «Der Wind spielte mit dem Windsack.». Schon etwas simpel. Welche Synonyme gibt es für Wind oder Windsack?
Schreibe meine Kolumne im Doppelpack (eine für Mittwoch und eine für Donnerstag), obwohl ich das eigentlich nicht darf. Über Mittag gehe ich an die Sonne. Zurück im Büro schreibe ich die Kurzgeschichte in einem Zug. Wie wenn sie irgendwo gelauert hätte und ich sie nur noch zum Vorschein bringen müsste. Dieser Vorgang erstaunt mich jedes Mal wieder von neuem. Es ist wie einschlafen. Man kann es nicht steuern. Und je mehr man sich darauf konzentriert, desto weniger funktioniert es.
Znacht mit L. im Zäh. Wir reden über das Schreiben und über das Schreiben. Und über das Schreiben. Wunderschön.

77
AdS-Vorstandssitzung von zehn bis drei Uhr. Danach Kurzgeschichte überarbeiten und Blog schreiben. Und hoffen, dass die Woche bald zu Ende ist.


24.1.2008

beige

[ Sabina Altermatt ]

Schlachthof
Bild: Der alte Schlachthof

Tag 90 Besuch im Radiostudio. Wir besprechen meinen Einsatzplan. Ich möchte ein Hörspiel machen, muss aber zuerst lernen, wie das geht. Ich freue mich drauf, dass meine Texte nicht nur still vor sich hinlauern, sondern auch hörbar werden.

89 Wir sind zum Abendessen bei Y. eingeladen. Sie hat die genau gleiche Wohnung wie wir, nur drei Etagen höher. Ich bringe ihr einen Frühlingsstrauss. Dabei ist immer noch Januar. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Wohnung einzurichten. Wie viele gibt es, ein Leben zu leben?

88 Hauslesung in Wiesendangen. Eine Frau hat sich zum 46. Geburtstag eine Lesung von mir geschenkt. Hätte nicht gedacht, dass ich mal ein Geschenk sein werde. Ich lese aus Nervengift, dass ich vor zwei Jahren auch bei Tagi Online als Blog veröffentlicht habe. Die Gäste sind interessiert und wollen alles genau wissen. Ich erzähle auch von meinen Detektiven, die mich beim Schreiben unterstützt und aufgepasst haben, dass ich die Geschichte nicht an die Wand fahre.

87 Ich lese meinen Roman zum letzten Mal, bevor er in den Druck geht. Der Text kommt mir ungelenk vor. Wie ein Wort, das man so viel mal wiederholt, bis es zerfällt.
Am Nachmittag gehe ich mit A. auf den Friedhof Sihlfeld. Wir laufen den Sonnenstrahlen hinterher und fragen uns, ob es in einem Gemeinschaftsgrab lustiger ist als in einem Einzelgrab.

86 Termin beim Verlag. Ich habe die Fahnenabzüge korrigiert und bespreche mit meiner Lektorin die letzten Änderungen. Es ist geschafft und ich bin es auch.

85 Den Morgen verbringe ich im Schlachthof. Ich treffe dort Frau Z. zu einem Interview. Sie ist aus Polen und arbeitet im Labor. Ich bleibe immer schön in ihrer Nähe. Wage es kaum, nach rechts oder nach links zu blicken. Man riecht den Tod und es ist beinahe schlimmer, ihn zu vermuten, als zu sehen.
Das Mittagessen in der Bürogemeinschaft ist ausnahmsweise stockübergreifend. Da in unserer Stammbeiz alles reserviert ist, setzen wir uns zu acht an einen Vierertisch. Ich nehme das Vegi-Menü.

84 Die Macher der Kolumne «Koller & Keller», bei der ich mitschreibe, treffen sich. Alles Männer, ich die einzige Frau. Wir unterhalten uns darüber, wie konsistent die Figuren sein sollen oder können, wenn fünf verschiedene Leute schreiben. Ich habe die beiden Kerle richtig lieb gewonnen und F. geht es glaube ich auch so.